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Berliner Tiergarten : Deutschlands Stolz und Deutschlands Scham

Als ihm „Der Himmel über Berlin“ zu langweilig wurde, stieg der Engel herab auf die Erde: Bruno Ganz auf der Siegessäule im Berliner Tiergarten. Bild: Wim Wenders Stiftung, 2015

Der Tiergarten in Berlin ist mehr als nur ein großer Park im Herzen der Stadt. Zwischen Brandenburger und Charlottenburger Tor hat sich die deutsche Geschichte so sehr verdichtet, dass man ihr heute direkt ins Auge blicken kann - und heilfroh um die Gegenwart ist.

          Dieses Wesen ist kein Engel, auch wenn es mit seinen gespreizten Flügeln so aussehen mag. Es ist die Göttin des Triumphes, der mit hunderttausendfachem Tod erkauft wurde. Seit dem 2. September 1873, dem dritten Jahrestag der Schlacht von Sedan, reckt sich Viktoria auf ihrer Siegessäule in den Himmel über Berlin, errichtet im Freudentaumel der deutschen Kaiserreichsgründung, nicht ahnend, dass sie nur zweiundsiebzig Jahre später zum Todesengel des massenmörderischen Größenwahns werden sollte. An ihrem Granitsockel glorifizieren Glasmosaike und Eisenreliefs, gegossen aus erbeuteten Kriegsgeschützen, den Weg zum deutschen Nationalstaat, bis hin zu Kaiser Barbarossa, der in seinem Kyffhäuser erwacht, weil sein Imperium wiederauferstanden ist, so, wie es die Sage weissagt. An ihrer Sandsteinsäule prangen vergoldete Kanonen, die in den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich zwischen 1864 und 1871 in die Hände der Deutschen fielen. Und Viktoria selbst, von den Nationalsozialisten für ihre megalomane Reichshauptstadt Germania in den Tiergarten versetzt, trägt den Lorbeerkranz in der Rechten, das Feldzeichen in der Linken, den Adlerhelm auf dem Kopf als heroische Inkarnation des unbesiegbaren Preußens - und wird von der Berliner Schnauze trotzdem hartnäckig als „Goldelse“ verspottet.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Als der gefallene Engel Damiel, der himmlischen Unsterblichkeit überdrüssig, begierig nach irdischer Liebe, vor achtundzwanzig Jahren hier oben auf der Siegessäule stand, sah er ein ganz anderes Berlin als wir jetzt - keinen Hauptbahnhof und kein neues, altes Diplomatenviertel, keine Reichstagskuppel und kein Kanzleramt, keinen wiederauferstandenen Potsdamer Platz und keinen wimmelnden Tiergarten, der nicht mehr im toten Winkel der Weltgeschichte, sondern zum Wohle der Menschen in der Mitte einer freien Stadt liegt. Jahrhundertelang war das seine Bestimmung, seit Friedrich der Große aus dem Jagdrevier seiner Ahnen einen Lustgarten für sein Volk gemacht hatte. Knobelsdorff und Lenné gestalteten ihn im Geschmack ihrer Zeit als Prunkstück zivilisierter Natur mit Achsen und Statuen, Wasserspielen und künstlichen Inseln. Und so wurde der Tiergarten tatsächlich zum Lustgarten, zur Bühne, zum ganzen Stolz aller Berliner.

          Die zweifache Grausamkeit des Schicksals

          Doch dann machte ihn Hitler zum Schlachtfeld des Endkampfes um seinen Führerbunker. Nur siebenhundert der zweihunderttausend Bäume überlebten das Gemetzel und wurden im ersten, bitterkalten Nachkriegswinter von frierenden Ruinenbewohnern gefällt. „Die schmerzlichste Wunde Berlins“ nannte der damalige Bürgermeister Ernst Reuter den Tiergarten, und der Rest der Welt sah es genauso. Nicht nur aus ganz Deutschland kamen Spenden, selbst aus Japan und Kanada wurden Zierkirschen und Götterbäume geschickt, um den schrecklichen Anblick der toten Stümpfe aus dem Herzen der Stadt zu tilgen. Doch das Schicksal war ein zweites Mal grausam zum Tiergarten, der nach dem Mauerbau 1961 plötzlich am dunkelsten Rand Berlins lag und zum Revier der Prostituierten, Drogensüchtigen, Vergewaltiger wurde, ein verlorener Garten Eden für alle anständigen Menschen.

          Die Berliner Variante vom Motto „Schwerter zu Pflugscharen“: Kinder entern den Panzer vor dem Sowjetischen Ehrenmal.

          Heute aber ist der Tiergarten viel mehr, als er je gewesen ist: Touristenattraktion und Naherholungsgebiet, politische Bühne und architektonischer Schaukasten, barocker Park und englischer Landschaftsgarten, wilder Wald aus Eichen, Kastanien, Birken, Weiden und kunstvolles Naturarrangement aus Lavendel, Ginster, Rhododendron, Sanddorn, die Spaßwiese des neuen, friedlichen, freundlichen Deutschlands und ein Museum seiner Geschichte voller Menetekel vergangener Glorie, Mahnmale historischer Verbrechen und Denkmale deutscher Geistesgrößen.

          Richard Wagner in Weltenherrscherpose

          Man kann stolz sein auf sein Land, wenn man durch den Tiergarten spaziert und hier von Goethe gegrüßt wird, der überlebensgroß als Dichterfürst in Carrara-Marmor auf seinem Sockel steht, und dort von Lessing, den Engelsscharen zu seinen Füßen anhimmeln, oder aber von Fontane, der ganz bescheiden und ein wenig verloren mit Hut in der Hand die Passanten betrachtet - ganz anders als Richard Wagner, der mit Weltenherrscherpose auf seinem Thron residiert und mit der Linken einem monströsen Köter den Kopf krault. Da ist uns das Dreifachdenkmal für Haydn, Mozart und Beethoven am Venus-Bassin deutlich lieber, eine Stele mit den drei Komponisten im Halbrelief und drei Putten, die einen vergoldeten Lorbeerkranz in die Höhe halten. Doch es ist eine Apotheose mit Makel, denn überall sind Einschusslöcher und Spuren von Granattreffern zu erkennen - als wollten sie uns ermahnen, dass man sich im Tiergarten für sein Land auch in Grund und Boden schämen muss.

          Den Verbrechen der deutschen Geschichte begegnet man hier genauso oft wie ihren Heldengestalten. Mal sind es einzelne Morde, etwa bei den Denkmalen für Karl Liebknecht, der 1919 in der Nähe von Lennés Wasserspielen von Gardekavallerieschützen erschossen, oder für Rosa Luxemburg, die ein paar hundert Meter weiter erst halbtot geschlagen und dann in den Landwehrkanal geworfen wurde. Mal ist es das Gedenken mit pathetischen Siegerposen an verbrecherische Kriege wie beim sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni, das für die gefallenen Soldaten der Roten Armee errichtet wurde. Meist aber sind es die Mahnmale für die Opfer der nationalsozialistischen Massenmorde: für die getöteten Homosexuellen, an die ein asymmetrischer Steinquader mit dem Video eines sich küssenden Männerpaares gegenüber dem Stelenfeld für die ermordeten Juden Europas erinnert; für die Euthanasieopfer, derer mit einer dreißig Meter langen Glaswand hinter der Philharmonie gedacht wird; für die getöteten Sinti und Roma, an die eine kreisrunde Wasserfläche neben dem Reichstag und eine einsam vor sich hin fiedelnde Geige gemahnt. Und schräg gegenüber stehen lauter weiße Kreuze für die Menschen, die an der Berliner Mauer ihr Leben verloren haben, blutige Erinnerungen daran, dass die Apokalypse von 1945 noch lange nicht das Ende der Gewalt in Deutschland bedeutete.

          Irrlichternder Überlebender der zerstörerischen Geschichte

          Man kann kaum glauben, dass der Fall der Berliner Mauer erst eine Generation zurückliegt, wenn man heute am östlichen Rand des Tiergartens das neue Deutschland besichtigt - ein Land, das unendlich weit weg zu sein scheint und doch nur einen historischen Wimpernschlag von all der Grausamkeit entfernt ist, von der im Tiergarten Zeugnis abgelegt wird. Doch die Zeit lässt sich nicht überlisten, und so greift in der wiederauferstandenen Mitte Berlins außer den eisernen Armen von Eduardo Chillidas Skulptur vor dem Kanzleramt noch nichts so recht ineinander. Sie wirkt bis heute wie zusammengewürfelt, nicht wie zusammengewachsen, ein perpetuiertes Provisorium voller Leerstellen auf der Suche nach sich selbst.

          Geschmackssache: Das Kanzleramt gilt manchen als Meisterwerk architektonischer Transparenz - und anderen als Menetekel eines prätentiösen Manierismus.

          Der Hauptbahnhof zeigt dem Rest der Mitte seine kalte Schulter aus gläserner Funktionalität und nacktem Technizismus fern jeder Sinnlichkeit, Ingenieurskunst ist das vielleicht, aber gewiss keine Baukunst. Das Kanzleramt bläht sich als eine einzige, amorphe Platzverschwendung auf, die mit ihren vielen Durchbrüchen und Öffnungen die Transparenz der Politik suggerieren soll und doch nur architektonischer Illusionismus ist - und vom sechzig Jahre alten Haus der Kulturen der Welt mit seinem zeitlos elegant geschwungenen Dach spielerisch in den Schatten gestellt wird. Die Kuppel des Reichstages wirkt wie eine riesige Beule kurz vor dem Platzen, die Schweizer Botschaft steht als irrlichternder Überlebender der zerstörerischen Geschichte ratlos in der Gegend herum. Und zwischen alldem breiten sich Brachflächen wie Baulücken aus, erschütternde Beweise dafür, dass die Deutschen einfach keine Plätze gestalten können.

          Wiedersehen mit den Engeln Damiel und Cassiel

          Fast hat man den Eindruck, als halte der Bundespräsident in seinem Schloss Bellevue absichtlich ein wenig Abstand zur neuen Mitte. Seine Residenz im Stil des Klassizismus ist ein schönes Beispiel dafür, wie Preußen Pomp zu erzeugen verstand, ohne protzig zu sein. Sie ist mächtig, aber nicht präpotent, sie macht etwas her, schüchtert aber nicht ein, sie verzichtet auf allen Tand und wirkt trotzdem nicht schlicht - die ideale Unterkunft für ein Staatsoberhaupt also, nicht für einen Sonnenkönig, und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass vor Bellevue ein alter, roter Feuermelder aus Vorkriegszeiten steht, darauf der Vermerk: „Berechtigt zum Melden ist, wer die Brandstelle angeben kann.“ Das klingt beinahe wie das politische Glaubensbekenntnis des derzeitigen Bewohners von Bellevue.

          Spätestens hier begreift man, dass der Tiergarten, dieser Park voller Widersprüche, seinen Besuchern ganz Berlin aus einer Hand präsentiert: Im Schloss Bellevue wohnt der Präsident, und ein paar hundert Schritte oder Pedaltritte weiter Richtung Charlottenburg liegen Hausboote am Kanalufer vertäut, während unter den Brücken die Penner, die nicht viel anders aussehen als die Engel Damiel und Cassiel, den Gang der Welt lallend kommentieren. Am südlichen Rand gibt es gnadenlos gentrifizierte Viertel, am nördlichen das immer noch proletarische Moabit, das unverdrossen an seinen Balkan-Grills mit Medaillon Matuschka festhält und in dessen S-Bahn-Bögen keine Gin-Bars, sondern Bauschlossereien mit Bikiniwerbung untergebracht sind. Den Zoologischen Garten bevölkern Horden von Familien, und hinter dem Landwehrkanal halten Prostituierte auf dem Straßenstrich ihre Brüste vor Windschutzscheiben, auch sie gefallene Engel, die freilich nicht aus dem Himmel kommen, sondern aus Höllentälern irdischer Not und Verzweiflung. Und auch für die architektonischen Stümpereien am Brandenburger Tor findet man überall die schönsten Antipoden.

          Monsterwerbung für Fußpilzpräparate

          Man muss nur ein bisschen weiterschlendern zur Tiergartenstraße hin, und schon steht man im wieder aufgebauten Diplomatenviertel, in dem nun die Botschaften mit ihren landestypischen Stilelementen für exotische Architekturtupfer im Tiergarten sorgen. Oder man geht ins Hansaviertel am Nordwestrand, das in den fünfziger Jahren von drei Dutzend der damals besten Architekten der Welt als urbane Mustersiedlung errichtet wurde. Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, Arne Jacobsen, Sep Ruf, Egon Eiermann und Max Taut haben hier einen Schatz der Baugeschichte hinterlassen, den die Berliner allerdings kaum zu schätzen wissen und gedankenlos herunterkommen lassen.

          Das grüne Herz einer ohnehin schon ungeheuer grünen Stadt: Morgenstimmung im Tiergarten.

          Wir sind eben in der Weltkleinbürgerstadt Berlin. Und so wirbt mitten im schimmelfleckigen, aber immer noch patinös eleganten Hansaviertel nicht nur eine Apotheke mit einem riesigen Schaufensterplakat für ihre Fußpilzpräparate. Auch die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, eine Mischung aus Getreidesilo, Bombenbunker und Müllverbrennungsanlage, reckt hier wie die heimtückische Rache des Spießbürgers an der Avantgarde ihren Kirchturm in die Höhe, der wie ein Sendemast mit Kreuz obenauf aussieht. Immerhin ist der Trost wieder nicht fern: Gleich hinter dem Kirchenscheusal liegt der entzückende Englische Garten mit seinem reetgedeckten Teepavillon aus den fünfziger Jahren, ein Geschenk der Briten an die Berliner, das vom damaligen Premierminister Anthony Eden höchstpersönlich der eingekesselten Stadt übergeben wurde. Der Berliner Volksmund taufte diesen Teil des Tiergartens postwendend in „Garten Eden“ um. Und bis heute kann man sich im Teepavillon, in dem es auch ausgezeichnete Weine Pfälzer Spitzengüter gibt, stilvoll davon überzeugen, dass früher nicht alles schlechter war.

          Bratwurst, Popcorn, Partybowle

          Und ist heute alles besser? Im „Himmel über Berlin“ lässt Wim Wenders den greisen Curt Bois als Homer durch das Niemandsmauerland des Potsdamer Platzes irren, auf der Suche nach dem legendären Café Josty, in dem während der wilden zwanziger Jahre die Expressionisten-Bohème ein und aus ging. Heute ist diese Ödnis am östlichen Rand des Tiergartens restlos zugebaut - mit einem architektonischen Mischmaschmurks von solcher Beliebigkeit und Belanglosigkeit, dass Berlins frühere Herzkammer, der einst verkehrsreichste Platz Europas, nun zum verhunztesten Ort der Stadt geworden ist. So seelenlos wie das Zentrum jeder dahergelaufenen Millionenstadt in China, die gestern noch ein Dorf war, sieht dieser geschichtsgetränkte Platz aus. Hochhäuser stehen hier herum, die Chicagos und New Yorks Art déco ungelenk nachäffen, und Bahnhöfe, die sich als billige Epigonen von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie aufplustern. Dazwischen hat man einen Holzbudenjahrmarkt wie im hinterletzten Provinzkaff mit Bratwurst, Popcorn und Partybowle und ein paar echte Mauerreste mit falschen Vopos als Staffage fürs Selfie aufgebaut, während den verschreckten Besucher überall Lochfassaden in schlimmster Kreissparkassenästhetik anglotzen.

          Am missratensten ist die gläserne Nullnummer des Sony Center mit seinem albernen, stählernen Zeltdach, das den Himmel über Berlin aussperrt, um einen Innenhof von der Gemütlichkeit einer Bahnhofshalle und der Behaustheit eines Heimwerkergroßmarktes zu schaffen. Und hier, zwischen Cinestar, Starbucks und den kümmerlichen Neo-Rokoko-Resten des Grand Hotel Esplanade hinter Plexiglas, hätte der greise Homer sein Café Josty gefunden - jetzt allerdings als Touristenkaschemme mit Pizza Hawaii auf der Karte und ahnungslosem Personal am Tresen: Woher der Name Josty komme? „Meen Jott, det weeß hier doch keener.“

          Wir fliehen reumütig zurück zu unserer Goldelse und schauen uns noch einmal die Treueschlösser an, die Verliebte hoch oben ans Geländer gekettet haben. Marcel und Pia schwören sich hier ewige Liebe, Jacqueline und Timo, Sven und Beatrix. Marion und Damiel sind nicht dabei. Aber was heißt das schon?

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