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Sonntag, 12. Februar 2012
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Berlin Der Rückwärtsgang der Zeit

12.10.2004 ·  Die gemütlichste und schönste Zeitmaschine ist mit Sicherheit der Jaguar 420. In Berlin kann man die Limousine aus den Sechzigern mieten. Hinter dem Steuer kann man nicht nur dem Herbst, sondern gleich einem ganzen Jahrzehnt entkommen.

Von Niklas Maak
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In Filmen, in denen Zeitmaschinen eine Rolle spielen, steigen die Helden meistens in ihren Apparat, drücken auf zahlreiche blinkende Knöpfe, schnallen sich an, dann rattert und bebt alles ganz ungeheuerlich, es raucht aus berstenden Metallritzen, dann gibt es einen Knall, man sieht vorbeirauschende Sterne, und zwei Sekunden später befindet man sich bei einem mittelalterlichen Gelage, auf einer einsamen Insel, im Pleistozän, in einer Zukunftsstadt oder direkt vor dem Maul eines linkisch dreinschauenden Dinosauriers, der die Zeitreisenden natürlich für seinen Nachtisch hält.

Und so gesehen ist es eine Überraschung, was passiert, wenn man sich hinter das Lenkrad eines Wagens aus den sechziger Jahren setzt - denn von dem Moment an, in dem die Tür ins Schloß fällt, ist man ohne Rattern und Qualm und Dinosaurier ganz woanders: Zwischen jahrzehntealtem Holz und Chrom, rotem, leicht brüchigem Leder, das nach Whiskeyfässern und langen Sommern am Genfer See riecht, einem Jaeger-Tachometer, der mindestens so elegant ist wie die gleichnamige Uhr, einem feinen, sehr dünnen Lenkrad, wie man es überhaupt nicht mehr kennt, und einem ebenso dünnen Schalthebel, der wie ein sonderbares Gewächs in die Fahrgastzelle ragt.

Die perfekte Zeitmaschine

Der in "Old English White" lackierte Jaguar 420 von 1967, den man bei Classic Wheels in Berlin tageweise mieten kann, ist die perfekte Zeitmaschine für alle, die nicht nur dem Herbst, sondern gleich ihrem Jahrzehnt entkommen wollen. Man schaltet das Radio gern ab, weil das Gejammer der "Söhne Mannheims" und die sagenhaft schlechte Musik von Simply Red nicht zu dem paßt, was man ansonsten vor Augen und im Ohr hat, den 4,2-Liter-245-SAE-PS-Motor zum Beispiel, dessen gleichmäßig vor sich hin brummender Klang an eine schöne, alte Mahagoni-Yacht erinnert, was der Jaguar eigentlich auch ist, jedenfalls viel eher als ein Rennwagen.

Ein ausgeblichener Originalaufkleber an der Windschutzscheibe richtet die höfliche Bitte "Do not overstress the engine" an den Fahrer, eine Erinnerung an die Zeiten, in denen es noch ein Abenteuer war, mit einem Jaguar von Berlin nach Hamburg zu fahren, und das nicht nur wegen der dazwischenliegenden DDR; der Motor war, wie es in Fachkreisen heißt, nicht "vollgasfest". Man rast auch nicht, man gleitet mit diesem Wagen durch die Stadt, als sei die Avus keine Autobahn, sondern ein Fluß, der direkt in die sechziger Jahre fließt.

Gemütlich oder rasant

Um beim Aussteigen nicht allzu hart in die Gegenwart hineinzuplatzen, empfiehlt es sich, abends in der Fasanenstraße 37 vor der Galerie Bremer zu parken, in der sich eine von Hans Scharoun gestaltete, original erhaltene Bar befindet, wo der Geist der fünfziger Jahre unbeirrt weiterlebt, und mit ihm einige wahlweise grau- oder blauhaarige Gäste, die hier seit 1955 sitzen und mindestens doppelt so alt wie der Jaguar sind. Wem der 420er trotz allem zu behäbig ist, der kann bei Classic Wheels Berlin auch andere klassische Fahrzeuge mieten - einen Jensen Healey, den grandiosen kleinen Triumph TR4, einen Jaguar E-Type oder einen von drei MGB-Rennwagen, die unter anderem beim "Historischen Langstrecken Cup" eingesetzt werden.

Classic Wheels Racing bietet Interessierten Beratung in technischen und organisatorischen Belangen des historischen Motorsports, Lizenzanträge mit Unfallversicherung, Fahrerplätze im Renn-Team und die beruhigende Erkenntnis, daß die Welt draußen trotz Herbstkälte fast immer so gut ist wie die Windschutzscheibe, durch die man sie betrachtet.

Der Jaguar 420 von 1967 kostet 215 Euro pro Tag, 100 gefahrene Kilometer inklusive. Alle weiteren Informationen unter Classic Wheels Berlin GmbH, Urselweg 15, 14163 Berlin. Telefon 030/8022207 oder unter www.berlin-classics.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite V5
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