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Foto: Picture-Alliance

Der Kreißsaal der Moderne

von ANDREA DIENER
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21.07.2017 · Keine andere Institution der Kunst und des Designs ist im zwanzigsten Jahrhundert einflussreicher gewesen als das Bauhaus in Dessau. Innerhalb kürzester Zeit wurde hier mit allen Traditionen gebrochen, um Platz zu schaffen für die Zukunft. Und fast alles, was Walter Gropius mit seinen Kollegen damals entwarf, hat bis heute Bestand.

K andinsky wollte Rosen. Das passte zwar nicht in das Konzept des Direktors Walter Gropius, das minimalistische Grünflächen vorsah, aber gut: Dann sollte Kandinsky eben seine bürgerlichen Rosen züchten und sein Wohnzimmer in Rosa und Gold streichen wie eine begehbare russische Ikone. Und historistische Wanduhrmonstren über die Plüschsofas hängen, das sah man von außen ja nicht. Von außen sah man nur diese weißen Kuben mit ihren dunkel gerahmten Fenstern zwischen den hohen, schlanken Kiefern stehen, die Balkone mit ihren luftigen, geschwungenen Stahlgeländern und die Wege, die alle Häuser miteinander verbanden. Von außen sah man weder Rosen noch Plüsch.

Walter Gropius, um 1930 Foto: Picture-Alliance

Irgendwie nämlich war es Walter Gropius gelungen, die führende Riege der zeitgenössischen Kunst zunächst ins beschauliche Weimar und einige Jahre später in die laute, müffelnde, aber damals auch sehr betriebsame Industriestadt Dessau zu locken, die nicht gerade der Nabel der Welt war. Paul Klee war da und teilte sich die Doppelhaushälfte mit Wassily Kandinsky, seine Innendekoration übrigens in deutlich dezenterer Farbgebung, Lyonel Feininger und Oskar Schlemmer wohnten hier, László Moholy-Nagy und Georg Muche, und am Ende der Reihe wohnte Gropius in seiner ebenfalls sehr weißen und kubischen Direktorenvilla, selbstredend ohne Rosen. Denn diese Häuser waren auch als Musterhäuser für modernes Wohnen gedacht. Großzügig ist in ihnen allerdings nur das Atelier, alle anderen Räume schachteln sich eng aneinander. Ise Gropius, Schriftstellerin, Lektorin und wichtigste Organisationskraft für alle Bauhaus-Belange, führte reihenweise Landfrauenvereine durch ihre Villa und zeigte ihnen, wie modernes Hauswirtschaften aussehen konnte. Die Reaktion der Damen ist leider nicht überliefert.
Nicht nur Walter Gropius, alle Künstler brachten ihre Gattinnen mit: Kandinsky die Malerin Gabriele Münter, Paul Klee die Konzertpianistin Lucy Klee, Lucia Moholy war die Fotografin, die das Geschehen am Bauhaus dokumentierte – ohne sie hätten wir heute keine so gute Vorstellung vom damaligen Lernen und Leben. Julia Feininger malte, Anni Albers gestaltete Textilien und übernahm später die Webereiklasse. Mit einem Mal bekam dieses eher unscheinbare Dessau ein brummendes Kulturleben verpasst. Und bis heute weiß es nicht so recht, wie es damit umgehen soll.

Die Sache begann ganz unscheinbar im Jahr 1919, als der Architekt und Formgestalter Walter Gropius in Weimar zum Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst ernannt wurde. Als Erstes änderte er den betulichen Namen: Staatliches Bauhaus in Weimar hieß die Schule nun.

Das Bauhaus von seiner bekanntesten Seite mit dem markanten Schiftzug. Hier waren die Werkstätten untergebracht. Foto: AP
Die Meisterhäuser in ihrem Kiefernwäldchen wurden nach Kriegsschäden und Umbauten zu DDR-Zeiten inzwischen sorgsam rekonstruiert. Foto: Andrea Diener
Überraschend bunt: Innen wie außen setzt Gropius an seinem Gebäude farbige Akzente. Foto: Andrea Diener

Unter seiner Leitung machte man sich an die Aufgabe, fortschrittlichen Wohnungsbau zu entwerfen, damit die Arbeiterschaft nicht mehr darauf angewiesen war, Mietskasernen im dritten Hinterhof trockenzuwohnen. Doch zwischen Gropius und der Thüringischen Landesregierung knirschte es bald, denn die Politik wollte für ihr Fördergeld schnelle Ergebnisse sehen. Da kam das Angebot aus Dessau gerade recht: Der Flugzeugfabrikant Hugo Junkers bot der Schule finanzielle Förderung an – und hatte Bedarf an günstigen Arbeiterwohnungen. Außerdem reizte Gropius die Möglichkeit, mit den Werkstätten der Junkers-Fabrik und ihren Meistern zusammenzuarbeiten. So verwarf er Alternativen wie Berlin oder Frankfurt und zog im Jahr 1925 ins kleine, aber liberale Dessau.

Zunächst aber galt es, ein Schulgebäude zu errichten und Wohnungen für die Lehrenden. So entstanden die Meisterhäuser, direkt in ein kiefernbestandenes Grundstück hineingebaut, sowie das ikonische, grau-weiße Werkstattgebäude mit den Betonstützen und der Glasvorhang-Fassade. Bis heute sind das Haus und der charakteristische Schriftzug unverkennbar – am Bauhaus gab es auch eine „Reklameabteilung“, die sich mit Typographie beschäftigte und dem, was man heute als Corporate Identity bezeichnen würde. Sie hat in eigener Sache ganze Arbeit geleistet.

Webereiklasse: Gunta Stölzl, Textilgestalterin, mit ihrer Webereiklasse beim Gruppenbild im Dessauer Treppenhaus. Der Umgang mit Nadel und Faden war, bei aller Emazipation, immer noch Frauensache. Foto: Picture-Alliance

Wenn man eine Führung durchs Haus bucht, will man sofort alles abschrauben und mitnehmen: die Sofittenleuchten im Eingang mit ihren stabförmigen Glühlampen, die Sitzreihen in der Aula aus einer Zeit, in der die Stahlrohrstühle noch verschraubt waren statt geschweißt und mit einem rotbraunen Eisengarngewebe bespannt, das man damals als Material für die Kabelisolierung kannte. Man will Herrn Gropius gern auch alle Möbel aus seinem Büro entwenden, obwohl diese hölzern und wuchtig sind, aus teuren Materialien, und sichtbar noch aus der vorindustriellen Weimarer Zeit stammen. Wer heute im Atelierhaus übernachtet, für dessen achtundzwanzig Zimmer damals Stipendien an die begabtesten der etwa zweihundert Bauhaus-Schüler vergeben wurden, überlegt sich, wie er die geometrisch gemusterte Tagesdecke unbemerkt aus dem Gebäude schaffen kann oder wenigstens die Nachttischlampe aus Zimmer 3.50. In Zimmer 3.51 wohnte übrigens die Lampenmeisterin Marianne Brandt, das Zimmer wurde ihr zu Ehren gestaltet: Große Überseekoffer brachte sie mit, und Liegestühle stellte sie auf. Darauf saß man gut und billig.

Vieles am Bauhaus-Komplex ist experimentell, etwa die Beton-Holz-Mischung des Estrichs, die für Wärme und Schalldämpfung sorgen sollte, was nicht so funktionierte wie gedacht. Die Glasvorhangfassade wirkt zwar leicht und transparent, heizt sich aber auch enorm schnell auf. Innen sind die Wände in allen Farben außer Grün gestrichen, denn das findet man großflächig vor der Tür. Alles ist sehr ordentlich, denn jedes Waschbecken und jede Garderobe verbirgt sich feinsäuberlich verstaut in hölzernen Wandschränken. Vermutlich hat das Haus mehr Wandschränke als Wände. In der Mensa von Marcel Breuer kann man bis heute einfache Speisen an einfachen, langen Tischen zu sich nehmen. Auf der Bühne in der Aula gleich daneben führte Oskar Schlemmer seine „Bauhaustänze“ auf: Die Tänzer kleideten sich in geometrische Formenkostüme, dazu wurde auf selbstgebauten Instrumenten improvisiert.

Bühnenexperimente der Bauhäusler Ludwig Hirschfeld-Mack, Wassily Kandinsky, Kurt Schmidt und Lothar Schreyer. Video: absolutmedien

Als Studenten wurden etwa gleichviele Frauen wie Männer zugelassen, was einige Zeitgenossen mindestens so sehr überforderte wie Schlemmers seltsame Ballette. Und manche dieser Damen arbeiteten sogar höchst erfolgreich mit Metall.
Das war das Prinzip Bauhaus: Es nahm alle Gewissheiten auseinander, stellte sie in Frage und setzte sie neu zusammen, ob das nun Stühle waren oder gesellschaftliche Normen. Direktor Gropius sah nicht ein, warum die Kunst schöngeistig in ihrer Blase dahinspintisieren sollte, wenn sie doch das Potential hatte, die Welt und die Menschen zu ändern. Aber dazu musste sie sich mit dem Handwerk zusammentun und sich grundlegend mit dem Material und seinen Möglichkeiten beschäftigen.

Entwurf für ein Arbeitszimmer von Walter Gropius. Der wuchtige gelbe Sessel stand später in seinem Büro und ist bis heute am Bauhaus zu sehen. Foto: Picture-Alliance
Den Stuhl neu denken: Entwurf von Mies van der Rohe für einen Freischwinger, 1927. Foto: Picture-Alliance
Im Vorraum und in der Aula des Bauhauses hängen markante Sofittenlampen – so nennt man stabförmige Glühlampen, denn die Neonröhre war damals noch nicht erfunden. Foto: picture alliance / akg-images
Ein Klassiker auf vielen Schreibtischen: Die Halbkugel aus Opalglas von Wilhelm Wagenfeld zählt zu den bekanntesten Bauhausentwürfen. Foto: Tecnolumen

Holz und Metall, Stein und Glas, Ton, Farbe und Gewebe waren die Werkstoffe, für die eigene Werkstätten eingerichtet wurden. Man wollte am Bauhaus so etwas Simples wie einen Stuhl oder eine Kaffeekanne völlig neu denken, nicht nur an der Oberfläche herumschnitzen und -pinseln. Es ging nicht ums Ornament, es ging um die völlige Dekonstruktion und Neuerfindung. Es sollte Raum geben für Experimente, die auch scheitern durften. Deshalb musste diese Kunstgewerbeschule anders funktionieren als üblich: In den Werkstätten arbeiteten Handwerksmeister – die Experten fürs Praktische – zusammen mit Formmeistern, die für das gute Design zuständig waren. Da wurde nicht nur entworfen, da wurde auch geforscht: Johannes Itten etwa, von seinen Studenten geradezu kultisch verehrter Formmeister der Wand- und Glasmalerei, verfasste später eine Farbenlehre, die bis heute als „kleiner“ (Studienausgabe) oder „großer Itten“ (Prachtband) Designschülern ans Herz gelegt wird. Und wenn einer von sich als Herbsttyp redet und sich in Brauntöne kleidet, dann geht das auf Ittens Farbtypenlehre zurück, die er in seiner Klasse am Bauhaus entwickelte.

M anches blieb gutgemeinter Prototyp. Aber vieles wurde weiterentwickelt und schließlich in Serie produziert: Die schlichten Lampen der Marken Kandem und Kaiser-Idell werden bis heute nachgebaut, die Stahlrohrstühle von Marcel Breuer finden sich durchgehend in den Wohnzeitschriften der zwanziger Jahre bis heute wieder und sind nie aus der Mode geraten. In jedem zweiten Hausflur hängt eine schlichte Kugellampe, das Bauhaus-Original von Marianne Brandt variierend, auf Schreibtischen steht die Wagenfeld-Lampe mit ihrer Halbkugel aus Opalglas. Stapelbarer Beistelltisch, Werkstattstuhl, Freischwinger – sie alle gelten als wegweisende Entwürfe, schlicht und zeitlos, und sie alle entstanden innerhalb nur weniger, wilder Jahre. Denn 1932 setzte die NSDAP, die in der Stadt nun eine Mehrheit hatte, die Schließung des Bauhauses durch. Ab da wurde das deutsche Mobiliar wieder gedrechselt und geschnitzt und die Fassade mit dicken Bossensteinen verziert. Die „Wüstenarchitektur“ des Bauhauses war den Nationalsozialisten zuwider. Aber zu spät, die Moderne war entworfen. Und sie breitete sich international aus. Gropius emigrierte in die Vereinigten Staaten. Jüdische Architekten, die am Bauhaus studiert hatten, entwarfen die „Weiße Stadt“ bei Tel Aviv. Auch in Japan fielen die Ideen auf fruchtbaren Boden.

Weltkulturerbe in Dessau: Laubengang-Häuser der Siedlung Törten. Grafik: F.A.Z.

Nur in der DDR ging man mit dem Erbe stiefmütterlich um. Während das nahe Gartenreich Dessau-Wörlitz als Vorzeigeprojekt stets sorgfältig gehegt und gepflegt wurde, stellte man das kriegsbeschädigte Bauhaus eher notdürftig wieder her, gerade so, dass es nicht hineinregnet. Die Meisterhäuser wurden umgebaut, teilweise mit Satteldächern versehen und waren kaum wiederzuerkennen. Die Bauhaus-Moderne war ein ungeliebtes Kind, denn Arbeitersiedlungen galten zunächst als kapitalistisch und amerikanisch, man adaptierte deshalb lieber den sowjetischen Zuckerbäckerstil.

Ein Umdenken war erst nach Stalins Tod möglich. Es gab erste zarte Ansätze, die Veränderungen am Bauhaus zurückzubauen und eine Sammlung anzulegen. Es war auch die Zeit, in der der Wohnungsbau für die großen Chemiekombinate gefördert wurde. Der wichtigste und widersprüchlichste Name ist dabei Richard Paulick, jener Architekt aus Roßlau, der am Bauhaus studierte, als Assistent von Gropius arbeitete, zwischenzeitlich in Schanghai das Stadtplanungsamt leitete und 1949 in die DDR zurückkehrte. Er war Leiter am Muster- und Experimentalbüro der Bauakademie in Berlin und entwickelte den Plattenbau maßgeblich mit. Paulick war das Gegenteil eines muffigen Beamten, er hielt den Kontakt zu seinen Kollegen in aller Welt und sich selbst auf dem Laufenden, was den nun so genannten „Internationalen Stil“ anging, die Weiterentwicklung der Bauhaus-Moderne. Doch seine ambitionierten Pläne, variantenreich, durchdacht und mit viel Kunst am Bau versehen, wurden unter staatlichem Kostendruck immer gleichförmiger – bis hin zur Billigplatte der achtziger Jahre. Scheußlichkeiten wie in Hoyerswerda und Halle-Neustadt, mit viel Enthusiasmus begonnen, gehen auf sein Konto. Ruhmesblätter sind sie alle nicht, sondern der Beweis, dass man auch günstige, seriell produzierte Gestaltung kaputtsparen kann.

DDR-Plattenbau in Hoyerswerda, Sachsen Foto: dpa

Das Erbe des Bauhauses wird seit 1994 von einer Stiftung verwaltet. Und da geht es alles andere als museal, sondern höchst lebendig zu. Radler machen einen Abstecher vom nahen Elberadweg und stapfen mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch das Café im Untergeschoss, später schließen sie sich der öffentlichen Führung an. Einige internationale Studenten sind gerade zu Gast und sitzen in Kleingruppen auf dem Rasen vor dem Haus, denn für die Bauhaus-Akademie können sich junge Wissenschaftler für Fortbildungs- und Forschungsprojekte bewerben. Die kuratorische Abteilung kümmert sich um die zweitgrößte Bauhaus-Sammlung der Welt, die im Jubiläumsjahr 2019 in ein eigenes Museum in der Dessauer Stadtmitte ziehen soll. Nach langer Zeit tritt das Bauhaus wieder als Bauherr auf, ein junges spanisches Architekturbüro wird das Museumsgebäude realisieren, ganz schlicht soll es werden, im Geiste von Mies van der Rohe – sehr zur Enttäuschung der Dessauer, die etwas Spektakuläres erwartet hatten. Ein Trost kann ihnen sein, dass gerade der Unesco-Welterbestatus auf die Laubengang-Häuser der Siedlung Törten erweitert wurde.

Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv – „Welterbe „Die weiße Stadt“ in Israel Foto: picture alliance

Die Frage, warum auffällig viele chinesische Besucher in Grüppchen ums Haus geleitet werden, wird dann wieder im Studentenzimmer 3.50 beantwortet: Auf dem großen Zeichentisch liegen einige Ausgaben des hauseigenen Magazins. Und darin erfährt man, dass das Bauhaus in China gerade eine erstaunliche Rezeption erfährt. In Hangzhou gibt es eine traditionsreiche Kunst- und Designakademie, die im Jahr 2011 mit städtischer Förderung eine der größten Bauhaus-Sammlungen der Welt gekauft hat und ihr nun ein eigenes Museum auf dem Campus widmet. Siebentausend Objekte werden dort gelagert und zum Teil an Ort und Stelle ausgestellt, zum Teil an andere Museen des Landes verliehen – etwa 2014 an das Nationalmuseum in Peking für eine große Bauhaus-Schau. Das Ganze wird begleitet von Symposien und wissenschaftlichen Publikationen. Das soll den Studenten Denkanstöße geben: Wie kann man zwischen traditionellem Kunsthandwerk und Billigproduktion zu guter Gestaltung finden? Eine Frage, die China umtreibt und das Bauhaus vor knapp hundert Jahren beantwortet hat – und die DDR unfreiwillig ebenfalls: viel Freiraum, und bloß nicht kaputtsparen.

Deutschlands Sieben Weltwunder

Dies ist der erste Teil der Sommerserie „Deutschlands Sieben Weltwunder“. Die weiteren sechs folgen in den nächsten Wochen im Reiseblatt.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.07.2017 10:31 Uhr