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Die neuen Ufer des alten Stroms

© Maria Wiesner

Die neuen Ufer des alten Stroms

Von HARTMUT HALLEK

05.01.2017 · Der Chao Phraya ist viel mehr als ein Fluss. Er ist Bangkoks Lebensader und Lebenslauf, eine amphibische Welt, die sich permanent verändert – aber auch das Überlieferte wie in einem Kokon bewahrt.

Es ist sieben Uhr morgens, und Bangkok ist schon gut unterwegs. Menschen schieben Garküchen durch die Straßen, Arbeiter strömen zu riesigen Baustellen für die sich immer höher schraubende Skyline. Wolkenkratzer glitzern in der frühen Sonne, die goldenen Chedi am Wat Yannawa schimmern im Licht. Anstelle von Masten erheben sie sich aus dem Rumpf einer Dschunke, die König Rama III. im Jahr 1835 in diese Klosteranlage bauen ließ. Sie sollte seine Untertanen daran erinnern, dass sie ihren Wohlstand diesen Schiffen verdankten, damals, als es nur Wasserstraßen in Bangkok gab.

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Auf dem Chao Phraya wummern Lastschiffe unter einer Brücke hindurch, während oben ein Skytrain nach dem anderen in die Station Saphan Taksin rollt und zwei Etagen tiefer immer mehr Fähren anlegen. Morgens und am frühen Abend flutet das Leben über die Central Pier, Mönche in Orange, Männer im dezenten Zwirn, Teenies mit Zahnspange und gebügelter Schuluniform, ab und zu Pulks farbenfroh gekleideter Bergvölker aus dem Norden und tagein, tagaus Touristen aus aller Welt. Vorne am Fluss, auf den Terrassen der Luxushotels Mandarin Oriental und Shangri-la, sind Köche mit hohen Kochmützen zugange. Gäste nehmen Platz zum Frühstück mit Blick auf den Chao Phraya. Wie Sicheln teilen dort schlanke Longtail-Boote die Fluten und röhren vorbei an Express-Schiffen, ausladenden Fähren, gelben Müllbooten und winzigen Wassertaxis. Und ab und zu tauchen Welse aus den Wellen auf. Bis zur Oberkante liegen Schiffszüge mit klobigen Lastkähnen im Wasser, ein Aufbau ist das Heim der Bootsführerfamilie, zwischen Blumentöpfen bellt ihr Hund, und immer dabei ist die spirituelle Reiseversicherung: Blumengirlanden schmücken jedes Boot, um Mae Yanang gnädig zu stimmen, die Göttin der Reisenden.

Mythen und Legenden sind am Chao Phraya zu Hause. Er ist Bangkoks Lebenslauf von Anfang bis heute. Und er verändert sich permanent, nicht nur wegen der riesigen Baustelle am anderen Ufer. Gleich ein Dutzend Kräne drehen sich über ihr. Massiv und wuchtig wächst da etwas empor, gegen das alles drum herum immer kleiner wird, selbst das Hotel Millennium Hilton mit seinen zweiunddreißig Stockwerken. Hier wird Ende 2017 Icon Siam eröffnen, ein Entertainment- und Shoppingkomplex mit einer Fläche von einer halben Million Quadratmetern, umgerechnet 1,4 Milliarden Euro teuer und damit angeblich die bisher größte Privatinvestition im Land. Der Komplex soll die luxuriöseste Mall Thailands beherbergen. Kennt man die Einkaufstempel von Bangkok wie Central Embassy, Siam Discovery oder EM Quartier, weiß man, was das heißen soll. Einkaufen im KaDeWe oder in der Dubai Mall wird dagegen langweilig sein. In Werbefilmen wird das Projekt zu hymnischer Musik präsentiert und schält sich aus pinkgoldenem Pixeldunst samt Konzerthalle, Museumskomplex, Riverside Park and Event Plaza mit Licht- und Wasserspielen, Indoor Floating Market und zwei Wolkenkratzern, siebzig und fünfzig Etagen hoch. Das Design lässt sich von der Formensprache thailändischer Ästhetik inspirieren, die Turmspitzen erinnern an die von Tempeln und Palästen.

© Hartmut Hallek Über den weiten Fluss Chao Phraya in die Stadt Bangkok.

So stark wie noch nie zuvor ändert sich derzeit Bangkoks Gesicht am Fluss. Südlich vom Icon Siam wachsen neue Designerwohntürme mit dreiundsiebzig Etagen in den Himmel, weitere sind im Bau, dazu überall Malls und Luxushotels, während alte Markthallen eine Renaissance erfahren. So hat der Vergnügungskomplex Asiatique seit seiner Eröffnung vor vier Jahren Millionen von Besuchern in sein nostalgisches Ambiente historischen Fernhandels gelockt, in fünfzehnhundert Läden, Restaurants, Showbühnen und sogar auf ein Riesenrad.

© Hartmut Hallek Ein Ausschnitt der Baustelle „Icon Siam“

Am Wat Suwan-Pier, schräg gegenüber des Central Pier, führt eine schattige, enge Gasse ins Häuserdickicht, „soi“ heißen sie in Bangkok, mit Nudelshops und Lädchen in kleinen Holzhäusern, vor denen Frauen an Nähmaschinen sitzen. Neben ihnen türmen sich die fünfunddreißig Etagen des Luxushotels Peninsula empor. Solche Lebensräume gehören zum Wesen Bangkoks wie die knatternden, in schrilles Licht gehüllten Tuk Tuks mit Sitzen in Giftgrün und Barbiepink, wie Tempel von überirdischer Schönheit und glühende, dampfende Garküchen in den Straßen. Diese winzigen Gemeinschaften würden trotz des Baubooms bleiben, glaubt der landesweit bekannte Architekt Duangrit Bunnag, denn in diesen Gassen dürfe man nicht hoch bauen. Er sollte es wissen, schließlich füllt er alte, verlassene Lagerhäuser und Markthallen am Fluss mit neuem Leben und versucht, historische Architektur zu retten, wo immer es geht. Am Khlongsan Market hat Bunnag in früheren Werkstätten sein eigenes Architekturstudio untergebracht, dazu eine Galerie, ein Geschäft für Design, ein Literaturcafé und zwei loftartige Restaurants samt großer Flussterrasse. Hier bleibt man sich treu und serviert Thaiküche nach Rezepten alteingesessener Bangkoker Familien.

© Hartmut Hallek Der Fluss Chao Phraya fliesst an der Kulisse von Bang Rak vorüber. Auf der gegenüberliegenden Flusseite die Baustelle „Icon Siam“.

Doch nicht alle Veränderungen am Fluss werden gutgeheißen. So stößt die River Promenade, die nördlich und südlich der Khao San Road den Chao Phraya sieben Kilometer lang begleitet und das Revier von Radfahrern, Joggern, Flaneuren werden soll, auf deutlichen Widerspruch. Die „Friends of The River“ um den Architekten Yossapol Boonsom und der namhafte Historiker und Anthropologen Srisak Valipodom nennen den Betonbau unhistorisch und sehen in ihm einen Widerspruch zum gewachsenen Gefüge. Dennoch soll der Bau in Kürze beginnen.

Wie passt wohl eine Trasse irdischer Freizeitprosa in diese sakrale Landschaft und ihre Botschaft von Ewigkeit, denkt man, während das Schiff durch schwimmende Inseln aus Wasserhyazinthen mit Sprenkeln von Styropormüll gleitet, vorbei an der Seelenruhe majestätischer Tempel der Klosterstadt Wat Pho, vorüber am Königspalast mit seinen ätherisch emporschwingenden Garudas als Dachspitzen? Wie passt eine alles verbindende Betontrasse zu der kleinteiligen, sozialen Szenerie an diesem Strom, an dem nichts dichter ist als die Geschichte, nichts dauerhafter als die fragile Symbiose von Wasser und Land?

© Hartmut Hallek Mit dem Langboot in den Khlongs unterwegs. Vorbei am Kuan-Yin-Schrein und an Kunst am Wasser.

Leben an und auf dem Wasser, das ist das Wesen von Krung Thep – so nennen die Thais ihre Hauptstadt –, seit sie vor fast zweihundertfünfzig Jahren gegründet wurde. Bald schon bestand die Königsstadt aus Abertausenden schwimmender Behausungen. Sie waren eine Mischung aus Floß und Hausboot samt Laden, Lager und Wohnhaus auf dem Chao Phraya, seinen Seitenarmen und Kanälen, verankert an Pfählen oder schwimmend verbunden in langen Reihen. So sah es Joseph Conrad 1917 in „The Shadow Line“. Bangkoks politisches wie geistiges Herzstück war die Insel Rattanakosin in einer Biegung des Stromes mit dem Königspalast und den Tempeln als Sitz des gottähnlichen Königs und der Gottheiten, sinnstiftend für die Nation wie für die Menschen. Und so ist es bis heute. Als die Thais von ihrem König Bhumibol Adulyadej Abschied nahmen, reisten Abertausende auf dem Mae Nam Chao Phraya an.

Die Thais wissen, dass es ohne den Chao Phraya ihre Zivilisation, das Reich Siam nicht gegeben hätte. Sein Wasser, seine Sedimente ermöglichen erst den Reisanbau, der so essentiell ist in Thailand, dass die wörtliche Übersetzung für das Wort Mahlzeit „Reis essen“ lautet. Reis ist Leben, und beides gibt es nur dort, wo es Wasser gibt: am Chao Phraya. Das Wasser prägt das zeremonielle Leben der Menschen, ihren Festkalender, ihren Alltag. Tempel werden von Naks, mythischen Wasserschlangen, bewacht. Buddha meditierte auf ihnen, seine Erleuchtung geschah am Wasser eines Flusses. Wasser dient der rituellen Reinigung. Und es fließt in die Sprache der Thais ein als „náam“ mit vielen Bedeutungen: Das Wasser der Augen, „náam daa“, sind Tränen, das Wasser der Worte, „náam kham“, ist die Rede, und das Wasser der Zuwendung, „náam dschaai“, fließt aus dem Herzen, um die Seele des anderen zu nähren.

© Hartmut Hallek Kinder spielen im Wasser der Khlongs.

Lange verweigerte sich Siams Kapitale westlichen Ideen von Warentransport und Kommunikation auf dem Landweg. So mangelt es bis heute an Durchgangsachsen für die inzwischen wohl neun Millionen Fahrzeuge. Viele Straßen folgen den Wasserwegen, die sie früher waren, und enden unvermittelt in engen Nachbarschaften. Wie Geäst verzweigt sich die Stadt an diesen Wegen, nach außen, nach innen, in jedes Viertel. Dörfliche, familiäre Züge hat das, dort lässt man die Welt vorbeistürmen, entzieht sich Tempo und Entfremdung. Das alte Krung Thep ist noch da, nicht nur entlang des Chao Phrayas, das Wasser Bangkoks lebt nicht nur in den Köpfen weiter. Bis heute lieben Thais ihre „boat noodles“, die früher schwimmende Garküchen anboten. Und immer wieder wird man Wasserbecken oder kleine Brunnen vor Häusern finden, überall in der Stadt. Die letzten schwimmenden Häuser wurden vor fünfzig Jahren aufgegeben, die meisten Kanäle zu Straßen verfüllt. Doch noch immer führen Khlongs an beiden Ufern des Flusses tief in die Stadt hinein. Mit Longtails geht es in das Wasserlabyrinth, zu intimen Nachbarschaften und schiefen Holzhäusern, vorbei an Veranden voller Orchideen, Tempeln, Läden. Moderig riecht es, an den Ufern sonnt sich zuweilen ein Waran, und die urbane Wildnis schluckt den Lärm der Stadt.

© Hartmut Hallek Schwimmender Laden in den Khlongs

Immer mehr Neubauten schlagen Breschen in diese amphibische Welt, die aber nicht auszulöschen ist. Baan Silapin zum Beispiel, das „Haus des Künstlers“ am Khlong Bang Luang, bewahrt das alte Bangkok. Als Khun Chumpol Besuchern sein Haus öffnete, um seine Bilder zu zeigen, war die Nachbarschaft zurückhaltend. Heute steht nicht nur sein mehr als hundert Jahre altes Teakhaus offen, auch die Nachbarn laden in ihre Pfahlhäuser ein, zu Kunsthandwerk, in ein Café, zur Begegnung mit dem Leben am Khlong, zum traditionsreichen Puppenspiel. Das hilft der Familienkasse, und es hilft, ein altes Stück Bangkok zu erhalten.

© Hartmut Hallek Zurück von der Tour

Am Westufer von Kudi Chin, einem der ältesten Viertel Bangkoks, das man mit der Fähre vom Blumenmarkt Tha Phak Khlong Talaad in drei Minuten erreicht, backt Khun Bo in der fünften Generation kleine „Portugiesische Kuchen“ aus Enteneiern, Mehl und Zucker. Die toskanisch anmutende Kirche Santa Cruz nahebei ist vom Fluss aus nicht zu übersehen. Kaum mehr als meterbreite Gassen führen vom Platz vor der Kirche zu Holzhäusern mit Marienbildnissen und Kruzifixen inmitten von Blumen und verwunschenen Gärten. „Baan Kudi Chin Museum Soft Opening“ steht an einem der Häuser. Hier freut sich Khun Gatib auf Besucher. Ihre Familie hat das kleine Museum mit dem Kachelboden aus portugiesischen Azulejos und einem Café im Patio eingerichtet. Es stellt die Menschen vor, die vor Jahrhunderten in Portugal aufbrachen, um die Seereise ins ferne Siam zu wagen, und denen dieser Kokon am Chao Phraya Heimat wurde. Weiter vorne stehen auf Pfählen Häuser in den Fluten. Wie ein verwittertes Schiff erhebt sich der Schrein Kuan Yin, einer der ältesten chinesischen Tempel des Landes. Gläubige verneigen sich in Richtung Altar und lassen Räucherstäbchen glimmen. Aus dem schwarz-roten Halbdunkel steigen Schwaden zu den Drachen auf, die auf dem First wachen. Bangkok kehrt an den Fluss zurück. In Kudi Chin ist man immer bei ihm geblieben.

An Bangkoks Lebensfluss

Chao Phraya Anfahrt zum Fluss am besten mit dem BTS Skytrain, Station Saphan Taksin oder Tha Sathorn/Central Pier (www.bts.co.th). Bootsverkehr von Linienbooten und Fähren ab 6 Uhr. Chao Phraya Tourist Boat mit Hop on Hop off ab 9.30 Uhr, Tageskarte 4 Euro www.chaophrayaexpressboat.com.

Essen am Fluss The Never Ending Summer, traditionelle Thai-Küche nach Familienrezepten, am Tha Khlong San-Pier (www.facebook.com/TheNeverEndingSummer); The Summer Project, internationale und Thaiküche, große Terrasse, am Tha Khlong San-Pier (www.facebook.com/TheJamFactory); Supatra River House, klassische Thai-Küche in noblem Ambiente, Bootsshuttle ab Tha Maharaj Pier 1 www.supatrariverhouse.net; Babble & Rum, Thai-Essen im schicken Riva Surya Hotel nahe Khao San Road, am Tha Phra Arthit-Pier www.snhcollection.com; gutes Streetfood gibt es am Khlongsan Market (Wanglang-Pier).

Schlafen am Fluss The Mandarin Oriental, eines der ältesten Grandhotels Asiens, Hotelbootshuttle zu Tha Sathorn/Central Pier www.mandarinoriental.com; The Siam, exklusives Art Déco-Designhotel nahe der Altstadt, Hotelbootshuttle zu Central Pier www.thesiamhotel.com; Inn a Day, kleines Hotel in der Altstadt nahe dem Königspalast am Tha Tien-Pier www.innaday.com.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 05.01.2017 14:49 Uhr