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Australiens Hauptstadt : Und täglich grüßt das Känguru

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Ruderboot unter der Commonwealth-Avenue-Brücke: Eine Stadt vom Reißbrett, ganz so, als habe ein detailverliebter Modellbauer Schieblehre und Geodreieck angelegt, um dieses urbane Musterwerk zu entwerfen. Bild: dpa

Craft-Brauereien, Beuteltier-Spotting und Luxuszimmer im Tigergehege: Die australische Hauptstadt Canberra versucht mit aller Macht, ihren Ruf als Provinznest abzustreifen.

          Es ist ein wenig, als würde man als Mowgli in einer domestizierten Version des „Dschungelbuchs“ aufwachen: Kaum sind die Füße aus dem Bett geschwungen, steht der Braunbär da – dick und träge und voller Erwartung. Aber statt ein Lied von Ruhe und Gemütlichkeit anzustimmen, lässt er sich dann doch lieber plump zu Boden sinken und schlummert ein, den Rücken gegen die Glaswand gepresst, die das luxuriöse Gästezimmer von seinem Gehege trennt.

          Eine Übernachtung unter wilden Tieren klingt nach Wildnis, Safari, Wüste oder zumindest Busch, aber kaum nach Bundeshauptstadt. Doch die Jamala Wildlife Lodge liegt am Stadtrand von Canberra und bietet in achtzehn Zimmern und Bungalows auf Fünf-Sterne-Niveau Safari-Pyjama-Partys. In manchen Unterkünften steht nur eine Glaswand zwischen den Gästen und ihren tierischen Mitbewohnern wie Tigern, Bären oder Hyänen. In anderen reckt gelegentlich eine Giraffe den Kopf über das Balkongeländer und wartet auf Fütterung. Seit die an den Zoo von Canberra angeschlossene Lodge 2015 ihre Pforten eröffnete, will sie laut eigenen Angaben mehr als dreißigtausend Gäste aus aller Welt beherbergt haben. Die meisten davon sollen sogar speziell für das Erlebnis in die Hauptstadt Australiens gereist sein. Und die Lodge, sagt ihr Besitzer, der Afrika-Fan Richard Tindale, habe den Ruf von Canberra verändert.

          Die australische Hauptstadt hat das auch bitter nötig. Denn trotz des Segens oder auch des Fluchs, die am sorgfältigsten geplante Stadt des Landes, wenn nicht der ganzen Welt zu sein, steht Canberra auf den To-do-Listen australischer Urlauber weit unten. Mit Ausnahme des isolierten Darwins im tropischen Norden des Kontinents beherbergt jede australische Großstadt alljährlich mehr Gäste aus dem Inland als Canberra. Und auch Besucher aus dem Ausland – Deutschland eingeschlossen – zieht es zuerst nach Sydney, Brisbane, Adelaide, Perth, Melbourne, zum Uluru oder tief ins Outback, ehe sie, vielleicht auf der dritten oder vierten Australien-Reise, pflichtbewusst und meist mit gedämpften Erwartungen, der geschmähten Kapitale einen Besuch abstatten.

          Nicht einmal das Regierungsoberhaupt will kommen

          Canberra ist weder hip noch romantisch, weder geschichtsträchtig noch kulturell bedeutsam. Canberra ist wie ein gepflegter Musterschüler: smart, aber nicht gewieft, adrett, aber nicht eigen, ehrgeizig, aber freudlos. So jedenfalls lautet der herrschende Konsens. Im Jahr 1996 sorgte der frisch gewählte australische Premierminister John Howard für Furore, als er erklärte, er werde nicht wie seine Amtsvorgänger in die offizielle Residenz The Lodge in Canberra ziehen, sondern das Land lieber von Sydney aus regieren.

          Man kann sich die Schmach der Canberrans ausmalen. Da ist man schon Hauptstadt, und nicht einmal das Regierungsoberhaupt will kommen. Böse Zungen witzelten, die Canberrans seien ja nur deshalb so entsetzt, weil sie nicht schon längst selbst auf die Idee gekommen waren. Wie konnte es nur so weit kommen? Was um alles in der Welt dachten sich die Planer, als sie die Stadt in den rauhen australischen Busch pflanzten, fünfundsechzig Kilometer vom nächsten Highway und knapp dreihundert Kilometer von der nächsten Großstadt Sydney entfernt? Und ist Canberra tatsächlich so farblos wie sein Ruf?

          Das ist das Berlin-Mitte von Canberra

          „Canberra ist eine wundervolle Stadt“, versichert Marg Wade, „man muss nur wissen, wohin man geht.“ Das ruhige Lächeln auf dem schlanken, dezent geschminkten Gesicht der Mittfünfzigerin verrät, dass diese Sätze keine PR-Floskeln sind. Aus Margs Liebesbekenntnis zu Canberra spricht nicht nur ehrliche Begeisterung, sondern jahrzehntelange, professionelle Erfahrung. Drei Bücher hat die Kommunikationsexpertin ihrer Wahlheimat bereits gewidmet, darüber hinaus ist sie wöchentlich zu Gast bei zwei lokalen Radiosendern und teilt ihr Wissen auf ihren Canberra Secrets Tours mit den Gästen.

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