http://www.faz.net/-gxh-808ip

Ausstellung in Konstanz : Tausendundein Traum

Turban und Bart als Zeichen der Würde: Derwisch, fotografiert von den Brüdern Abdullah, zweite Hälfte neunzehntes Jahrhundert. Bild: Katalog

Als der Orient noch nicht der Feind war: Die frühen Fotografen stilisierten das Morgenland als Ort unerfüllter Sehnsüchte. Dabei kümmerten sie sich nur bedingt um die Wirklichkeit. Und zeigten dennoch Empathie.

          Was wurde der Orientfotografie des neunzehnten Jahrhunderts nicht alles vorgeworfen: Sie inszeniere den Orient nur für die Augen und Phantasien des Okzidents; dabei würden jede Geste und jedes Requisit kalkuliert; die Fotos befriedigten einen westlichen Voyeurismus, ein nach Exotik und Erotik lüsternes Publikum; sie stellten die Rückständigkeit der Orientalen in den Vordergrund - und rechtfertigten so die Herrschaft des überlegenen Abendlands über sie.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das mag alles sein. Und doch: Die Fotografien aus jener Zeit - zunächst von Profis, später auch von Amateuren aufgenommen - sind weit mehr als bloß Dokumente der politischen Herrschaft und der kulturellen Hegemonie des Abendlands über ein unterlegenes Morgenland. Denn die Kameras von Fotografen wie Francis Bedford (1816 bis 1894) und Francis Frith (1822 bis 1898), später von einheimischen Christen wie den griechischen Brüdern Zangaki und den Armeniern Abdullah waren eben auch Augenzeugen einer Welt, die damals noch ruhend in sich verharrte, die an der Schwelle zur Moderne und vor umwälzenden Veränderungen stand.

          Orient und Okzident verstanden sich noch

          So hielten die Kameras die Pyramiden von Gizeh und den Felsendom in Jerusalem in einem noch weitgehend menschenleeren Umfeld in zeitloser Schönheit fest. Zudem lieferten zahlreiche Fotografien Wissenschaftlern, etwa Anthropologen, wertvolle Dokumente, sei es von den Berberstämmen Nordafrikas oder aus dem Leben im Jemen. Auch für viele Christen waren die Augenzeugnisse aus dem Orient wichtig: um sich ein Bild von den Orten des biblischen Geschehens machen zu können.

          Der Vorwurf mag zutreffen, dass die christlichen Abendländer die Fotografie von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an auch dazu eingesetzt haben, ihre Herrschaft über das islamische Morgenland zu rechtfertigen. Im Vergleich zu heute begegnete damals der Okzident dem Orient aber mit mehr Empathie. Damals waren Orient und Islam, anders als heute, kein Feindbild. Sie waren zwar das Andere, das dem Eigenen gegenüberstand. Die Fotografien trugen aber zu einer Begegnung bei, und so wirkte das Orientalische zunehmend vertrauter, auch wenn der Orient als ein Ort unerfüllter Sehnsüchte verstanden wurde. Das kann man heute nicht mehr sagen. Heute ist das Klischee der Bedrohung ungleich mächtiger als das Klischee des Exotischen. Heute wird nicht mehr aus 1001 Nacht zitiert, sondern aus dem Koran.

          Nachinszenierung im Studio

          Wichtig wurden die Fotografien nicht zuletzt parallel zur Entwicklung touristischer Reisen des wohlhabenden und gebildeten europäischen Bürgertums. Im Jahr 1835, wenige Jahre vor der Erfindung der Fotografie, nahm die erste regelmäßige Fährverbindung zwischen Marseille und Alexandria den Betrieb auf. Einmal am Ziel, fragten die Touristen nach Souvenirs. Und sehr bald boten ihnen professionelle Fotografen Abzüge an, mit denen sich die Besucher eigene Alben zusammenstellten. Für die meisten dienten sie zur Erinnerung, manchen waren sie auch Ersatz, da seit 1858 die Ausfuhr archäologischer Exponate aus Ägypten kaum mehr möglich war.

          Weil sie ihre Aufnahmen verkaufen wollten, inszenierten die Fotografen den Orient in ihren Studios so, wie ihn sich die Abendländer vorstellten. In Kairo und Jerusalem etwa stellten sie Szenen aus dem Bazar und dem Harem nach, kleideten dazu die Einheimischen, aber auch die Touristen selbst wie Vertreter einzelner Berufsgruppen, vom Wasserträger bis zum Ziseleur. Als Staffage stellten sie Menschen in faszinierende Landschaften, aber auch Kamele, das unvermeidliche Symbol des Orients, oder träge Esel als Zeichen der Rückständigkeit. Die gängigen Stereotypen beeinflussten die kommerziellen Orientaufnahmen. Der Markt erhielt 1894 einen weiteren Schub, als das Postsystem den Versand bebilderter Postkarten erlaubte. Und er erhielt einen Dämpfer, als die Touristen von 1900 an mit der Boxkamera von Kodak ihre Reiseerinnerungen selbst aufnahmen.

          „Orientbilder - Fotografien 1850-1910“, eine Ausstellung von hundertfünfzig historischen Fotografien im „Bildungsturm“, Konstanz; bis 22. März. Der Katalog, erschienen im Verlag Weissbooks, kostet 32 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Das Odeon unter der Klagemauer

          Ausgrabungen in Israel : Das Odeon unter der Klagemauer

          Jerusalems Geschichte ist so alt wie facettenreich. Über die Jahrtausende hinweg sah die Stadt Imperien kommen und gehen. Spuren vom römischen Reich waren bisher jedoch rar. Doch nun gelang Archäologen eine Sensation.

          Waffentouristen strömen weiter nach Las Vegas Video-Seite öffnen

          Nach Schießerei : Waffentouristen strömen weiter nach Las Vegas

          In Las Vegas können Interessierte auch nach dem Massaker mit mindestens 59 Toten an Schießständen mit Maschinengewehren ballern. Millionen Touristen kommen jedes Jahr in die Glitzermetropole und viele sind vom amerikanischen Waffenkult fasziniert.

          Topmeldungen

          Geisteszustand des Präsidenten : Ist Donald Trump verrückt?

          Etliche Psychiater in den Vereinigten Staaten machen sich Sorgen um den Geisteszustand von Präsident Donald Trump. Dessen Verhalten ist zwar grenzwertig. Doch spiegelt es vor allem die Gesellschaft wider, die ihn an die Macht befördert hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.