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Veröffentlicht: 03.03.2015, 15:35 Uhr

Ausstellung in Konstanz Tausendundein Traum

Als der Orient noch nicht der Feind war: Die frühen Fotografen stilisierten das Morgenland als Ort unerfüllter Sehnsüchte. Dabei kümmerten sie sich nur bedingt um die Wirklichkeit. Und zeigten dennoch Empathie.

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© Katalog Turban und Bart als Zeichen der Würde: Derwisch, fotografiert von den Brüdern Abdullah, zweite Hälfte neunzehntes Jahrhundert.

Was wurde der Orientfotografie des neunzehnten Jahrhunderts nicht alles vorgeworfen: Sie inszeniere den Orient nur für die Augen und Phantasien des Okzidents; dabei würden jede Geste und jedes Requisit kalkuliert; die Fotos befriedigten einen westlichen Voyeurismus, ein nach Exotik und Erotik lüsternes Publikum; sie stellten die Rückständigkeit der Orientalen in den Vordergrund - und rechtfertigten so die Herrschaft des überlegenen Abendlands über sie.

Rainer Hermann Folgen:

Das mag alles sein. Und doch: Die Fotografien aus jener Zeit - zunächst von Profis, später auch von Amateuren aufgenommen - sind weit mehr als bloß Dokumente der politischen Herrschaft und der kulturellen Hegemonie des Abendlands über ein unterlegenes Morgenland. Denn die Kameras von Fotografen wie Francis Bedford (1816 bis 1894) und Francis Frith (1822 bis 1898), später von einheimischen Christen wie den griechischen Brüdern Zangaki und den Armeniern Abdullah waren eben auch Augenzeugen einer Welt, die damals noch ruhend in sich verharrte, die an der Schwelle zur Moderne und vor umwälzenden Veränderungen stand.

Orient und Okzident verstanden sich noch

So hielten die Kameras die Pyramiden von Gizeh und den Felsendom in Jerusalem in einem noch weitgehend menschenleeren Umfeld in zeitloser Schönheit fest. Zudem lieferten zahlreiche Fotografien Wissenschaftlern, etwa Anthropologen, wertvolle Dokumente, sei es von den Berberstämmen Nordafrikas oder aus dem Leben im Jemen. Auch für viele Christen waren die Augenzeugnisse aus dem Orient wichtig: um sich ein Bild von den Orten des biblischen Geschehens machen zu können.

Der Vorwurf mag zutreffen, dass die christlichen Abendländer die Fotografie von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an auch dazu eingesetzt haben, ihre Herrschaft über das islamische Morgenland zu rechtfertigen. Im Vergleich zu heute begegnete damals der Okzident dem Orient aber mit mehr Empathie. Damals waren Orient und Islam, anders als heute, kein Feindbild. Sie waren zwar das Andere, das dem Eigenen gegenüberstand. Die Fotografien trugen aber zu einer Begegnung bei, und so wirkte das Orientalische zunehmend vertrauter, auch wenn der Orient als ein Ort unerfüllter Sehnsüchte verstanden wurde. Das kann man heute nicht mehr sagen. Heute ist das Klischee der Bedrohung ungleich mächtiger als das Klischee des Exotischen. Heute wird nicht mehr aus 1001 Nacht zitiert, sondern aus dem Koran.

Nachinszenierung im Studio

Wichtig wurden die Fotografien nicht zuletzt parallel zur Entwicklung touristischer Reisen des wohlhabenden und gebildeten europäischen Bürgertums. Im Jahr 1835, wenige Jahre vor der Erfindung der Fotografie, nahm die erste regelmäßige Fährverbindung zwischen Marseille und Alexandria den Betrieb auf. Einmal am Ziel, fragten die Touristen nach Souvenirs. Und sehr bald boten ihnen professionelle Fotografen Abzüge an, mit denen sich die Besucher eigene Alben zusammenstellten. Für die meisten dienten sie zur Erinnerung, manchen waren sie auch Ersatz, da seit 1858 die Ausfuhr archäologischer Exponate aus Ägypten kaum mehr möglich war.

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Weil sie ihre Aufnahmen verkaufen wollten, inszenierten die Fotografen den Orient in ihren Studios so, wie ihn sich die Abendländer vorstellten. In Kairo und Jerusalem etwa stellten sie Szenen aus dem Bazar und dem Harem nach, kleideten dazu die Einheimischen, aber auch die Touristen selbst wie Vertreter einzelner Berufsgruppen, vom Wasserträger bis zum Ziseleur. Als Staffage stellten sie Menschen in faszinierende Landschaften, aber auch Kamele, das unvermeidliche Symbol des Orients, oder träge Esel als Zeichen der Rückständigkeit. Die gängigen Stereotypen beeinflussten die kommerziellen Orientaufnahmen. Der Markt erhielt 1894 einen weiteren Schub, als das Postsystem den Versand bebilderter Postkarten erlaubte. Und er erhielt einen Dämpfer, als die Touristen von 1900 an mit der Boxkamera von Kodak ihre Reiseerinnerungen selbst aufnahmen.

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