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Ausgepackt : Unterwegs mit Poolsaugern

Fliegen ist gar nicht schöner. Es ist schlimmer. Denn man ist nie allein und den Umständen über Stunden hinweg ausgeliefert. Bild: dapd

Eng, nervig, Pappessen: Dieses Fliegen ist eigentlich eine Zumutung. Zum Glück gibt es gelegentliche Lektionen in Demut, die einem die Realitätsmaßstäbe wieder zurechtzrücken.

          Ach, es gibt so viele Dinge, die einem den Flug verderben können. Chaos, Streik, Wetter. Sie kennen das. Turbulenzen gehen empfindlichen Menschen auf den Magen. Mehr als einmal erlebte ich bereits Beinahemeutereien. Beeindruckende Gewitterzellen über Berlin, Schönefeld geschlossen, Tankrunde nach Hannover inklusive Sitzenbleibenbefehl für alle Passagiere reichen aus, um zehn libanesische Großfamilien derart in Rage zu bringen, dass die entnervte Purserin sich nicht anders zu helfen wusste, als die Polizei anzurufen. Zehn libanesische Großfamilien in Rage sind eine Naturgewalt. „Wenn wir Libanesen nett sind, sind wir sehr nett. Wenn wir nicht nett sind, sind wir sehr nicht nett“, hatte ich vor einigen Tagen in Beirut gelernt, und ich musste meiner Gelegenheitsbekanntschaft recht geben. Es war sehr nicht nett. Und auch sehr spät, als wir ausweichshalber in Tegel landeten.

          Beinahemeutereien kann man auch dann erleben, wenn Pauschalurlauber, die exakt so aussehen, wie sich Karikaturisten Pauschalurlauber ausmalen (fiese blondierte Frisuren, Goldkettchen, Stonewashed-Jeansshorts, schlimme Tätowierungen), mit dem Flugplan nicht einverstanden sind. Man steht in der Dominikanischen Republik, es ist eine planmäßige Zwischenlandung vorgesehen, und das Volk murrt. Es murrt, weil das französische Bordpersonal kein Deutsch spricht, es murrt, weil Reinigungskräfte zusteigen, die den Schweinestall der Ausgestiegenen zumindest ansatzweise zu glätten versuchen, und es murrt, weil dafür eine Stunde Aufenthalt einberechnet ist. „Könnwa fleischt weida? Die solln nich putzen! Ich will weida!“, hallte es lautstark durch das Flugzeug, was das Personal aber nicht beeindruckte, es sprach ja kein Deutsch. Ich rutschte minütlich tiefer in meinen Sitz, schämte mich und war ansonsten sehr, sehr höflich.

          „Könnwa fleischt weida?“

          Neben mir lag einer, der nahm gleich drei Sitze quer in Beschlag, sein T-Shirt hatte ein Loch und ein paar Blutspritzer quer rüber, zudem war er nicht bei Bewusstsein. Ab und zu stöhnte er leise. „Der ist schon besoffen eingestiegen“, hieß es. Und habe sich dann fleißig weiter die Kante gegeben. Ich habe nicht mehr mitverfolgen können, wie man den Sack, der sich beim besten Willen nicht auf den Beinen halten konnte, in Santo Domingo aus dem Flugzeug hinauspraktiziert bekam, ohne dass er irgendwelche Körperflüssigkeiten von sich gab. Vermutlich war es kein schöner Anblick.

          Auf dem Rückflug hingegen war ich kein schöner Anblick. Ich war auf einer Kakaoplantage in einen Sandmückenschwarm geraten, und die Biester hatten sogar das schlimmste Mückenschutzmittel, das der amerikanische Markt hergab, ignoriert. Es heißt „Off!“ und stinkt penetrant nach Erdbeerkaugummi. Moskitos umfliegen es weiträumig, Sandmücken ist das egal. Sie beißen einem die erdbeerstinkenden Beine auf und saugen an den kleinen Bluttröpfchen, die sich daraufhin bilden. Insekten, die so vorgehen, nennt man Poolsauger.

          Untenrum wie ein Elefant

          Ich konnte bereits den gesamten Wikipedia-Eintrag über Sandmücken und ihre nahen poolsaugenden Verwandten hersagen, hatte mir Antibiotika-Cortison-Salbe besorgt und schluckte eifrig Antihistaminika. Nichtsdestotrotz: Meine Beine waren dick. Und meine Beine schwollen in den folgenden zwei Stunden, die ich in der Holzklasse auf dem Mittelsitz verbrachte, aufs etwa dreifache Normalmaß an. Ich sah untenrum aus wie ein Elefant, als ich mich ächzend auf dem Fußboden vor dem Notausstieg niederließ. Ausstrecken, nur einen Moment, bis die Spannung weg ist. Ein Steward kam vorbei und schaute kritisch. „Nur eine Stunde, bitte“, sagte ich. Er nickte. Ich saß da und bemühte mich, wenigstens auf doppeltes Normalmaß abzuschwellen.

          Dann kam die Purserin. Sie sah auf meine Beine, schüttelte den Kopf, ging wieder. Eine Minute später hörte ich eine Durchsage: „Is there a doctor on board?“ Zwischen den erschöpften Touristen, denen noch die letzte Nacht Pauschalsuff in den Knochen steckte, fand sich tatsächlich auch eine deutsche Ärztin. Sie hörte sich alles an, sagte, mehr könne sie auch nicht tun, allerdings müsse ich die Beine hochlegen. Ich weiß, sagte ich.

          Für Könige gibt es keine höhere Gewalt

          Ein paar Minuten später lag ich in zwei Fleecedecken gewickelt auf dem Gumminoppenboden. Links eine zugige Notausgangstür, hinter meinem Kopf die Toilette, rechts die Küche, vor mir eine Wand und daran lehnend meine elefantösen Füße. Ab und zu stieg jemand über meinen Kopf, um auf die Toilette zu gehen. So lag ich da, frierend, mit höllisch juckenden Beinen, sechs Stunden lang. Es war der längste Flug meines Lebens. Dank Rollstuhlservice zwar auch der mit großem Abstand angenehmste Aufenthalt auf dem Pariser Flughafen, der mir jemals vergönnt war, aber ich war irgendwann nicht mehr gut gelaunt. Ich wollte jemanden volljammern, und zwar bald. Zum Glück bekam ich am nächsten Tag Besuch, der durfte sich das dann alles anhören. Ausführlichst.

          Das ist dann auch schon fast das Schlimmste, was uns auf Reisen passieren kann: Chaos, Streik, Wetter, murrende Mitpassagiere oder Krankheit. Weil es aber nicht Reisen ist, sondern Urlaub, ist Unvorhergesehenes nicht erwünscht. Das Hotel soll sauber sein, alles pünktlich und der Koffer möglichst an Ort und Stelle. Ansonsten kommt es zu Meutereien und Volksaufständen. Der Urlauber ist Kunde und damit König, und für Könige gibt es keine höhere Gewalt, sie sind selbst die höchste.

          Die Kälte beginnt an der Flugzeugtreppe

          Und manchmal gibt es dann eine unerwartete Lektion in Demut. Da steigen beim Zwischenhalt in Nairobi ein paar Gestalten ein, denen die Erschöpfung anzusehen ist. Sie tragen Tüten und uralte Koffer, und jemand hat ihnen für den zu erwartenden europäischen Winter Mützen und zu große Strickpullover gegeben, in die sie sich jetzt schon einwickeln, als begänne an der Flugzeugtreppe die Kälte. Und vielleicht tut sie das ja auch. Was wissen wir schon über somalische Flüchtlinge?

          Das Land versinkt seit zwanzig Jahren im Chaos, Warlords, Piraten, wechselnde Übergangsregierungen, Hungersnot. Später lese ich den Wikipedia-Artikel. Im Flugzeug sehe ich nur diese völlig verschüchterten Menschen, die in ein Land fliegen, das sie nicht kennen, nach wer weiß wie langer Flucht. Ich sehe die älteste Tochter, die sich ein Tuch über den Kopf zieht und schläft. Und die jüngere, die sich im Bordprogramm „Findet Nemo“ anschaut, die Geschichte dieses kleinen, abhandengekommenen Fisches, kerzengerade und aufmerksam und ernsthaft. Später standen sie am Flughafen, ein verlorenes Grüppchen mit ungewissem Ziel.

          Menschen, die wirklich Probleme haben, stellen nämlich keine Forderungen, und sie meutern auch nicht. Sie jammern nicht einmal ein bisschen. Sie wickeln sich ein und hoffen, dass es vorübergeht.

          Quelle: F.A.Z.

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