http://www.faz.net/-gxh-7whv7

Ausgepackt : Gibt’s das auch mit Ingwer?

Hähnchen zu braten macht müde: Verkäuferin an einem Marktstand in Guilin. Bild: Freddy Langer

Warum man in einer fernen Gegend zuerst einmal den Wochenmarkt besuchen sollte.

          Wenn ich eine Gegend verstehen will, dann gibt es dafür keinen besseren Ort als den Markt. Schon mit ganz harmlosen Supermärkten kann man viel Spaß haben, wenn sie nur abgelegen genug sind. Staunend lief ich im Supermarkt einer Autobahnraststätte in der hintersten chinesischen Provinz durch die Reihen sorgfältig aufgereihter Tütchen, denn so ungefähr alles, was es hier gab, war in Plastik eingeschweißt: Speckschwarten, Hühnerfüße, Spare Ribs und verschiedenste, undefinierbare Pflanzenteile - zumindest vermutete ich, dass es sich um Pflanzen handelte und nicht um Organe oder Meeresgetier, denn ich konnte ja nichts lesen. Ich traute mich auch nicht, etwas zu kaufen, aber meine Mitreisenden waren da weniger zimperlich. Bald füllte sich unser Bus mit dem Geruch von Fleisch, allerdings roch es eher, als habe man diese etwas wabbeligen Tierteile mit Fleischaroma präpariert, denn es roch irgendwie nicht natürlich. Oder besser: so natürlich, wie konservierte und in buntbedruckte Plastiktüten eingeschweißte Hühnerfüße eben sind.

          Tütchen zu verkaufen auch: Noch eine Verkäuferin an einem Marktstand in Guilin.

          Es gibt in fernen Weltgegenden aber auch bekannte Marken in völlig unbekannten Geschmacksrichtungen: Kit-Kat zum Beispiel mit wahlweise Grünem Tee oder Wasabi. Allein in Japan gab es in den vergangenen fünfzehn Jahren mehr als zweihundert verschiedene Sorten Kit-Kat, darunter auch mit Kaugummi- oder mit Kürbisgeschmack. In der Wikipedia gibt es eine aufschlussreiche Liste, die verzeichnet, welche Fanta-Sorten es in welchen Ländern gibt. In Belize zum Beispiel Fanta Ingwer, die glücklichen Ghanaer trinken Schwarze Johannisbeere, die Montenegriner können zwischen Kirsche und Sauerkirsche wählen und Japan - natürlich - füllt drei Bildschirmseiten mit Kreationen wie „Party-Mix Muscat and Apple“, „The Mystery Fruit“ und Dingen, für die es außerhalb des Landes vermutlich nicht einmal ein Wort gibt. Im Supermarkt kann man sich von der Globalisierungsmonotonie verabschieden und tagelang Fantasorten durchprobieren. Ist das nicht herrlich?

          Raus aus der Welt der Tütchen

          Mehr allerdings lernt man, wenn man die Supermärkte - und damit die Welt der Tütchen und Dosen - verlässt und den Stadtteilmarkt besucht, auf dem Tagtägliches eingekauft wird. Schon in Süd- und Osteuropa kauft man auf dem Markt von der Unterhose bis zum Bügeleisen so ziemlich alles. Wenn die Damen des Hauses, und um solche handelt es sich meist, ohnehin zum Markt gehen, warum soll man ihnen dann nicht auch alles andere anbieten, was sie eventuell gebrauchen können? Staubwedel, Küchenschürzen, Schirme, Geschirrtücher zum Beispiel - all das, was man bei uns im Haushaltswarenladen von teuren Marken erwerben kann, während den Markt mittags vor allem Büromenschen frequentieren, die der Kantine entfliehen, und abends vor allem Büromenschen, die dem Büro entfliehen und dringend Alkohol zu sich nehmen müssen. Büromenschen brauchen Staubwedel nur in Ausnahmesituationen, Büromenschen brauchen allerhöchstens ein neues Töpfchen Basilikum für die Küche, meistens aber nur Wurst und Wein. So sieht man auf einen Blick, was Gesellschaften unterscheidet, wie sie leben und was sie dafür benötigen.

          Desgleichen gilt für Obst: Erschöpfte Verkäuferin an einem Marktstand in Guilin.

          In vielen Ländern zum Beispiel benötigt man totes Tier. Bei uns kommt es meist als handlicher Brocken daher, hübsch angerichtet zwischen Sträußchen von Plastikpetersilie. In anderen Landstrichen geht es gröber zu. In Ägypten sah ich halbe Ochsen hängen und in den Sand tropfen, daneben ein Mann mit Fleischerbeil, das war der Metzgerstand. In China kauft man keine Hähnchenfilets in Styroporschale, sondern gleich das ganze Huhn, das bis vor sehr kurzem noch in seinem Käfig vor sich hin gackerte. Ganz so lebendig soll es auf unserem Bauernmarkt nicht zugehen. Es reicht, wenn irgendwo ein Bild von einem glücklichen Huhn ein wenig Hühnerhofanmutung verbreitet. Zart soll alles sein und einfach zu verarbeiten, am Tisch bloß keine Knochen, damit sich alles manierlich zerteilen lässt. Andere Küchen haben da weniger Skrupel, und am Tellerrand stapeln sich bei fortgeschrittenem Mahl die abgelutschten Knöchelchen.

          Rein in die Welt der Tiere

          Auch die Tierarten sind bei uns recht übersichtlich. Es gibt Rind und Schwein, Huhn und Pute, es gibt Wild und vereinzelte Exoten. Schon beim Pferd wird’s eng. Niemand in unseren Breitengraden wagt sich kulinarisch ins Reich der Insekten vor. Auch Echsen werden generell nicht gegessen. Wer das erste Mal in Thailand appetitlich angerichtete Teller mit Riesenschaben sieht, wem in China frittierte Skorpione gereicht werden, den mag es grausen. Aber warum isst man bei uns eigentlich keine Kröten? Und warum liegen in ganz Asien getrocknete Fischmägen auf den Märkten herum, die gar nicht so schlecht schmecken, wie man es sich vorstellen mag? Angebrütete Eier gelten bei uns gar als Nahrungstabu - prinzipiell Essbares, das aber in einem Kulturraum überhaupt nicht verzehrt wird. Diese Ekelgefühle sind etwas, das erst im Laufe der Zeit erworben wird, auf jeden Fall erst nach dem zweiten Lebensjahr. Niemand ekelt sich von Geburt an vor etwas. Es soll ja sogar Menschen geben, die mit Handkäs und Ebbelwoi ihre heilige Not haben. Aber kann man sich das wieder abtrainieren?

          Ich arbeite daran. Die Skorpione habe ich abgehakt. Hund würde ich probieren, das mit den Riesenschaben braucht noch etwas Überwindung, ebenso die berüchtigte Stinkfrucht Durian. Man kann sich im Zweifelsfall Augen und Nase zuhalten, das hilft. Aber ich habe ja noch einige Märkte vor mir, die ich besuchen kann. Und wenn ich mich an die Insekten nicht herantraue, kann ich ja immer noch mit Kit-Kat Sojasoße weitermachen. Das ist schon wagemutig genug.

          Weitere Themen

          Ausgeruht trotz der Hitze Video-Seite öffnen

          Tipps bei schlechtem Schlaf : Ausgeruht trotz der Hitze

          Bettdecke weg, Fenster weit auf und nicht mit dem Partner kuscheln – Schlafforscher Ingo Fietze gibt Tipps, wie man in warmen Nächten zur Ruhe kommt. Wichtig sei vor allem, sich nicht zu ärgern und den fehlenden Schlaf am Tage nachzuholen.

          Topmeldungen

          Unterricht in einer Schule in Berlin-Schöneberg (Archivbild von 2015)

          Bildung in Berlin : In sieben Tagen zum Lehrer

          In Berlin haben die meisten neu eingestellten Lehrer kein entsprechendes Studium absolviert. Viele lernen das grundlegende Handwerk im Schnellverfahren in Crashkursen. Vor allem Schulen in Brennpunktvierteln trifft das hart.

          Erdogans offene Flanke : Das türkische F-35-Fiasko

          Mit ihren Rüstungslieferungen haben die Vereinigten Staaten die türkischen Streitkräfte in der Hand. Dabei geht es um mehr als nur ein Kampfflugzeug. Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.