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Veröffentlicht: 18.04.2017, 18:25 Uhr

Auf Sand landen Liegt ein Hai auf der Landebahn

Im schottischen Barra landen seit 80 Jahren Linienflugzeuge – am Strand.

von Andreas Spaeth
© Andreas Spaeth Die Landebahn in Barra liegt auf dem Strand und ist den Gezeiten ausgesetzt.

Das da unten könnte die Südsee sein. Tiefblaues Wasser, breite, schneeweiße Strände, üppiges Grün dahinter. Und das nicht einmal eine Flugstunde von Glasgow entfernt.

Annag Bagley senkt die Nase der 19-sitzigen Twin Otter, legt sie in eine Linkskurve. Die 35-Jährige sitzt auf dem linken Sitz im Cockpit und hat ihre rechte Hand über der Instrumentenkonsole an den Schubhebeln. Langsam drosselt die Pilotin die Kraft der beiden Pratt & Whitney-Motoren, das Dröhnen der Propeller wird leiser. Annag Bagley ist in Barra geboren und aufgewachsen, dieser kleinen Insel der Äußeren Hebriden westlich von Schottland, 90 Meilen übers Wasser von Oban entfernt.

Ein sicherer Hafen

Rund 1200 Menschen leben hier, früher war die Insel strategisch wichtig, weil sie den ersten sicheren Hafen nördlich von Irland bot. Noch bevor die Kelten hier siedelten, gab es Menschen auf Barra, Piraten machten die Insel zu Zeiten der Wikinger zum Ausgangspunkt ihrer Raubzüge auf Nachbareilande mit Namen wie Fuday, Flodday und Pabbay.

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Doch daran denkt Annag Bagley jetzt nicht. Und die nur sieben Passagiere in der kleinen Kabine auch nicht. Wer noch nie hier, war könnte jetzt erschrecken: Wo zum Teufel sollen wir hier eigentlich landen? Die Twin Otter überfliegt einen endlos breit scheinenden Strand, sinkt weiter. Rechts huscht ein kleines Abfertigungsgebäude unter der Tragfläche vorbei, doch durch die Cockpitscheibe sieht man nur Wasserlachen und Watt voraus. Eine Tür zwischen Piloten und Passagieren gibt es hier nicht.

Nur deswegen hergekommen

Und dann ist es so weit, manche Besucher kommen gar aus Australien her, um das zu erleben: die weltweit einzige Landung eines Linienfluges am Strand.

Mit einem kleinen Hüpfer setzt die blau-weiße Twin Otter auf den Sand auf, es rüttelt ein wenig, die vom Wasser gleichmäßig geformten Riffeln am Strand sind in der Kabine zu spüren. Trotz Ebbe steht noch ein wenig Wasser auf der „Landebahn“ – auch wenn von einer Piste nichts zu sehen ist. Hüfthoch spritzt es an den beiden Rädern des Hauptfahrwerks hoch, wie ein Geländewagen pflügt das Flugzeug hindurch und bremst schnell ab. Dann stellen Annag Bagley und ihr Copilot die Maschine auf trockenem Sand nahe dem Terminal ab. Flug BE6851 aus Glasgow ist pünktlich am Ziel. „Willkommen in An Tràigh Mhòr auf meiner Heimatinsel Barra“, sagt die Pilotin zum Abschied. Das heißt so viel wie „großer Strand“. Annag Bagley läuft die paar Meter über Muschelreste und getrocknete Algen zum Gebäude. „Ich habe schon als Kind hier den Flugzeugen zugesehen, dass ich die jetzt selbst fliege, war immer mein Traum, diese Flüge sind die Lebensader für die Insel.“ Wenn sie Dienst hat, ist sie meist einmal am Tag hier, allerdings kaum eine halbe Stunde lang, bis der Rückflug ansteht. „Unser Flugplan richtet sich natürlich nach den Gezeiten, bei Flut kann man nicht landen, daher finden unsere täglich zwei Flüge nach Glasgow innerhalb von zwei Stunden statt.“

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