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Auf dem Neckarsteig : Die Heidelbeere liebt den Sandstein

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Alles grün und krumm: Da kann man schon einmal innerlich jauchzen, wie Eichendorffs Taugenichts es einst tat. Bild: Dirk Wegner

Zwischen Heidelberg und Bad Wimpfen führt der Neckarsteig durch Wälder und Schluchten. Wer das ständige Auf und Ab in Kauf nimmt, wird mit herrlichen Flusspanoramen belohnt.

          Wer langsamer unterwegs ist, hat mehr von der Natur.“ Dieser Einsicht von Landrat Achim Brötel aus dem Neckar-Odenwald-Kreis ist eigentlich nicht zu widersprechen. Damit steht er allerdings in krassem Gegensatz zum Triathleten Timo Bracht, der sich ja unterwegs nicht allzu viel Zeit lassen darf, wenn er gewinnen will. Bracht, der im Neckar-Städtchen Eberbach zu Hause ist, mag dennoch ähnlich gedacht haben, als er für sein Trainingspensum die Hänge des Odenwalds rauf- und runterflitzte. Jedenfalls gab er den Anstoß für den knapp 130 Kilometer langen Neckarsteig, der in acht Wanderetappen von Heidelberg bis Bad Wimpfen führt. Vor gut einem Jahr eröffneten der Sportsmann und der Landrat den vom Deutschen Wanderverband zertifizierten Weg.

          Heute sind sich alle Beteiligten einig: Die Idee ist ein voller Erfolg, auch wenn nicht alle Etappen die reinsten Spaziergänge sind. So lässt sich die blaue Schlangenlinie, das Symbol der Wegmarkierung, horizontal und vertikal lesen. Der Neckar mäandert in weiten Bögen durch sein Tal - aber wer dem Fluss folgt, den erwartet auch ein stetes Auf und Ab. Die Aufstiege summieren sich immerhin zu über 3200 Höhenmetern, das ist mehr, als die Zugspitze zu bieten hat. Schuld am Schnaufen, Schwitzen und tiefen Durchatmen sind auf dem Neckarsteig dichte Wälder, steile Schluchten, alte Weinberge und verwilderte Streuobstwiesen.

          Eine tiefe und stille Verzückung

          Hoch über Neckargemünd geht es durch dichten Mischwald aus Buchen, Ahorn und Esskastanien. Noch klingen die Geräusche moderner Technik aus dem Tal herauf: an- und abschwellende Automotoren, dazwischen gelegentlich dahintuckernde Schiffsdiesel. Doch schon hält das Spalier der Bäume die Blicke im Wald, lenkt sie auf einen jener Wege, die schon seit dem Mittelalter über die Höhenrücken des Odenwalds führen, weg vom damaligen Sumpf in den Ebenen.

          Um der Hochwasser Herr zu werden, wurde der „wilde“ Fluss, so die alte keltische Bedeutung, inzwischen an vielen Stellen begradigt und die gewonnenen Flächen im neunzehnten Jahrhundert für die einsetzende Industrialisierung genutzt. „Seit achthundert Jahren hat der Mensch diese Landschaft modelliert“, erzählt Geo-Naturpark-Ranger Winfried Schneider. Durch den Bau von Bahnstrecken und Chausseen wandelte sich die Kulturlandschaft im Tal langsam zu einer Industrieregion. An steinalten Burgen trieben holzexportierende Flößer vorbei, und Lastkähne zogen sich an einer Kette den Fluss entlang.

          Mark Twain schwärmte noch 1878 bei einer Floßfahrt auf dem Neckar: „Die Bewegung des Floßes ist gerade die richtige; sie ist träge, gleitend, sanft und geräuschlos; sie beruhigt alle fiebrige Betriebsamkeit, schläfert alle nervöse Hast und Ungeduld ein; unter ihrem beruhigenden Einfluss schwindet jeglicher Ärger, Verdruss, Kummer, der den Geist quält, und das Leben wird zum Traum, ein Zauber, eine tiefe und stille Verzückung.“

          Auerhahn und Barockengel

          Auf dem Neckarsteig lässt sich heute Ähnliches an Land erleben. Auch dort sind fiebrige Betriebsamkeit, nervöse Hast und Ungeduld rasch zurückgelassen. Und wie aufs Stichwort zieht Ranger Schneider ein Fläschchen selbst angesetzten Heidelbeerlikör aus dem Rucksack, zeigt auf den Waldboden und meint: „Die Heidelbeere hier liebt den Sandstein.“ Dann fügt er hinzu: „Buntsandsteinblöcke sind auch gutes Baumaterial. Schon vor tausend Jahren hat man Friesenfürsten in Särgen aus Odenwald-Sandstein beigesetzt.“ Doch auch als Datenbank scheint dieser Stein nützlich. „Tilly beschießt Dilsberg, 5. April 1622“ lässt sich auf einem moosbewachsenen Block ein paar Meter weiter entziffern.

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