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Auf dem Mekong : Meine zweiunddreißig Geister

Abendessen mit Mekong-Blick: An der Uferpromenade trifft sich abends die laotische Dorfjugend mit ihren Motorrollern. Bild: Andrea Diener

Links ist Thailand, rechts ist Laos - der mittlere Teil des Mekong ist noch reichlich unentdeckt. Das liegt vermutlich an der Abwesenheit spektakulärer Landschaft. Wer aber der Kultur und dem Alltag der Menschen näherkommen will, ist hier genau richtig.

          Als ich vor den Abt des Klosters trat, hatte ich eine Plastiktüte mit Spülschwämmen in der Hand. Wobei „treten“ nicht ganz richtig ist: Wir näherten uns kniend. Etwa fünfzehn Europäer, die nur selten knien, robbten auf dem harten Felsboden vorwärts, allesamt bewaffnet mit nützlichen Dingen wie Putzmittel, Toilettenpapier und gegrillten Maiskolben, bemüht, uns den Schmerz nicht anmerken zu lassen. Wir rutschten halbkreisförmig bis zum Abt vor, der mit mildem Lächeln in einem dieser enormen Ledersessel saß, die man bestimmt auch in eine bequeme Fernsehposition verstellen kann, legten unsere Plastiktütengebinde ab und rutschten wieder zurück. Nun sollten wir uns dreimal verbeugen, und zwar möglichst tief, bis die Stirn den Boden berührt. Wir machten alles brav mit, denn wer will schon den Abt vom Felsenkloster verärgern?

          Der Abt thronte eingepasst in ein einfaches Regal aus Pressspan voller Bücher. Ein Handfeger lag da, eine Plastikdose mit Vitaminpräparaten, um ihn herumgebaut mehr Bücher, bunte Pappdeckelboxen mit Papiertüchern, eine Taschenlampe, Gehstöcke, Flaschen aus Glas und Plastik, ein Schraubglas mit undefinierbarem Inhalt, drei Handys und ein Walkie-Talkie in Griffweite. Wir sollen uns freimachen vom Begehren, denn Begehren bedeute Leid, sagte der Abt. In diesem Moment bedeutete vor allem das Knien auf dem rohen Felsen Leid, aber wir lächelten tapfer. Zum Abschied bekam jeder von uns eine getrocknete, gesalzene Pflaume, der Abt ließ sie in meine Hand fallen, denn er darf keine Frauen berühren. Während eine Klosterköchin uns süßen Kräutertee reichte und wir beineschüttelnd herumstanden in dem großen Raum zwischen Bücherschränken, Abtfotos, Plastikwanduhren und einem großen Wackelbild, das aus mehreren Perspektiven verschiedene bunte Schoßhündchenmotive zeigt, zündete der Abt sich ein schmales Zigarettchen an.

          Schiffsverkehr gibt es auf dem mittleren Mekong kaum, der Gütertransport findet auf der Uferstraße statt. Nur einige Einheimische mit kleinen Holzbooten sind hier unterwegs.

          Auf die wirklich interessanten Fragen gibt der Abt keine Antwort

          Ich hatte mir die Audienz bei einem buddhistischen Abt anders vorgestellt, irgendwie aufgeräumter. Aber wir befanden uns ja auch in der hintersten Provinz, in Thailands wildem Nordosten, in den sich kaum ein Mensch verirrt, der hier nicht gerade wohnt. Bangkok ist sehr weit weg, etwa eine Flugstunde vom Provinzflughafen Udon Thani, und die Strandresorts des Südens sogar noch weiter. Hier leben die Menschen vor allem vom Anbau von Palmöl, Reis und Drachenfrüchten, deren Stauden aussehen wie schlappe Kakteen und ohne die Stützkorsette aus Draht ziemlich erbarmungswürdig herumliegen würden.

          Nach der Audienz kletterten wir auf den großen roten Sandsteinfelsen, zu dessen Fuß das Felsenkloster liegt, erreichten bei einiger Hitze über ein Labyrinth aus Holztreppen und schmalen Pfaden, an Einsiedlerhäuschen vorbei und durch Bambuswäldchen hindurch irgendwann ein Plateau, von dem aus wir die Landschaft überblicken konnten. Da sahen wir, wie grün und flach alles ist und wie bäuerlich, denn Dschungel gibt es kaum noch, der wurde in den vergangenen Jahrzehnten fast vollständig abgeholzt. Sieben Stockwerke hat der Felsen, das steht für die sieben Stufen der Erleuchtung, und er ist ein beliebter Berg für Pilger, aber auch Mönche, die sich dort oben für eine Weile einquartieren. Ob wohl auch der Abt seinen Ledersessel verlässt und hier hinaufsteigt, fragten wir uns, und ein paar Wochen im Jahr in einem bescheidenen Holzhüttchen verbringt, ohne seine schmalen Zigaretten, aber mit grandioser Aussicht? Auf die wirklich interessanten Fragen hat er uns leider keine Antworten gegeben, er lächelte nur wissend, zumindest wollten wir das glauben, und blätterte beiläufig in einem Buch. Und so blieben uns die näheren Lebensumstände des buddhistischen Abtes weiterhin ein Geheimnis.

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