http://www.faz.net/-gxh-74cmw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.11.2012, 19:09 Uhr

Atlantische Segelregatta Barfuß über den Teich

Die Atlantic Rally for Cruisers gehört zu den beliebtesten Regatten der Welt. Jedes Jahr lockt die Atlantiküberquerung Hunderte von Seglern aus aller Welt an. Im Dezember endet sie auf St. Lucia.

von Sven Weniger
© Sven Weniger Endlich Karibik! Wer mit seinem Segler in St. Lucia ankommt, war vorher drei Wochen auf dem Atlantik unterwegs.

Der Schrei kommt aus tiefstem Herzen. In dem Augenblick, als Mareike Guhr von ihrem Boot aus die Berge St. Lucias aus dem Wolkenvorhang auftauchen sieht, fällt alles von ihr ab. Vorbei die ständige Muskelspannung auf ihrer schwankenden Yacht; vorbei der Schlafentzug und der anstrengende Wechsel zwischen dem Kampf mit den Wellen und immer wiederkehrenden, eintönigen Flauten. „Erst jetzt, nach zweiundzwanzig Tagen auf dem Meer, habe ich das Gefühl, etwas Besonderes erreicht zu haben“, sagt die junge Skipperin aus Hamburg. Sie lächelt selig.

Thomas Kanzler aus Diessen geht es ähnlich: „Nach drei Wochen auf See wieder Land unter den Füßen zu haben ist sehr bewegend“, sagt er. Die beiden stehen auf dem Pier der Marina von Rodney Bay, haben sich zuvor noch nie gesehen. Und doch haben sie gerade zusammen den Atlantik überquert. Mal ganz nah beieinander, mal Hunderte von Seemeilen voneinander entfernt - so genau weiß das niemand. Sicher ist jedoch, dass sie am selben Tag, zur selben Zeit im Yachthafen von Las Palmas gestartet sind, zusammen mit über zweihundert anderen Booten und mit demselben Vorsatz: so schnell wie möglich die fünftausend Kilometer entfernte Karibikinsel St. Lucia zu erreichen.

Beten für günstige Passatwinde

Die Atlantic Rally for Cruisers, kurz ARC, wird seit dem Jahr 1986 veranstaltet. Sie wurde von dem Segler Jimmy Cornell gegründet und sollte Fahrtenyachten bei der Atlantiküberquerung auf der Passatroute die Möglichkeit geben, in einer Flotte mehr Sicherheit und im Notfall Unterstützung zu haben. Inzwischen ist die ARC eines der beliebtesten Segelrennen der Welt und offen für Fahrten- wie Regattasegler, für Einrumpfboote wie für Katamarane. Man kann sich ganz allein oder als Team den Passatwinden anvertrauen und auf hoher See vor sich hin dümpeln, wenn die gerade nicht wehen. Oder man wirft den Motor an, damit es weitergeht.

Ein Bewertungsraster nach IRC-Reglement sorgt dafür, dass Bootsklassen und -technik miteinander verglichen werden können. Es gibt Handicaps. Zu viel Motoreinsatz bedeutet Strafzeiten. Nicht das erste einlaufende Boot gewinnt also notwendigerweise das Rennen, sondern der Sieger steht oft erst fest, wenn alle Yachten wieder im Hafen sind. Aus Großbritannien, Norwegen und Deutschland kommen die meisten Teilnehmer. Insgesamt melden sich jedes Jahr passionierte Segler aus bis zu dreißig Nationen an, um im Winter an der Regatta teilzunehmen. Ihr Veranstalter ist der britische World Cruising Club.

Im Kielwasser von Christoph Kolumbus

Jeder Teilnehmer kann sich online registrieren, entweder mit eigenem Boot oder als Crewmitglied. Jeder wählt seine Segel-Route selbst, die Teilnehmer werden mit Wetterdaten versorgt. Jedes Boot ist außerdem mit Yellowbrick-Tracker ausgestattet, das ist ein satellitengesteuertes Ortungssystem, das der Rennleitung alle sechs Stunden den aktuellen Standort der Yachten anzeigt. Auch die Familien können damit jederzeit über Internet erfahren, wo ihre Angehörigen gerade sind. Das gibt ihnen Sicherheit, denn was auf See passiert, weiß man schließlich nie. Für jeden, der einmal im Leben den Atlantik im eigenen Boot überqueren will, bietet die ARC jedoch den idealen Rahmen. Es ist eine unvergessliche Erfahrung, von der jeder lange zehrt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tragflächenboot Flo1 Der Trend zum Fliegen

Versuche, auch Freizeitseglern das Fliegen mit Kielbooten oder Jollen, Ein- und Mehrrümpfern zu ermöglichen, gibt es inzwischen einige. Das Tragflügelboots Flo1 ist einer davon. Mehr Von Walter Wille

14.07.2016, 09:47 Uhr | Technik-Motor
Olympia Deutsche Segler testen die Gewässer vor Rio

Der Countdown für die Olympischen Spiele in Rio läuft: Am 5. August beginnt das sportliche Großereignis rund um den Zuckerhut. Müll, Strömungen und drehende Winde machen den deutschen Seglern im Vorfeld mehr Sorgen, als das Gesundheitsrisiko durch die schlechte Wasserqualität. Mehr

14.07.2016, 12:18 Uhr | Sport
Immobilien auf Mallorca Villenkauf per Telefon

Mallorca ist als Zweitwohnsitz begehrt wie nie: Die Preise steigen, Luxusvillen wechseln ungesehen den Besitzer, in Palma wird Wohnraum knapp. Ruhiger ist der Nordosten. Mehr Von Judith Lembke

12.07.2016, 10:29 Uhr | Wirtschaft
Amerika Waschbär in Seenot

Segler im amerikanischen Bundesstaat Maryland hatten jüngst auf einem Feiertags-Törn eine unerwartete Begegnung. Ein Waschbär war offenbar weitab seines bevorzugten Lebensraums in Seenot geraten. Die Crew warf dem pelzigen Schwimmer kurzerhand eine Rettungsweste zu und befreiten das Tier aus seiner misslichen Lage Mehr

07.07.2016, 08:37 Uhr | Gesellschaft
Zwei Wochen vor dem Start Erbärmliche Zustände im Olympia-Dorf?

Jede Menge Ärger bei der offiziellen Eröffnung der Olympia-Unterkünfte in Rio de Janeiro: Einige Athleten sprechen von schrecklichen Zuständen – und weigern sich sogar, die Räume zu beziehen. Mehr

24.07.2016, 19:26 Uhr | Sport