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Spanien : Zwischen Größe und Größenwahn

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Rauhes Land in Grün und Blau: Asturien widerspricht allen Klischees über Spanien - und ist doch das spanische Herzland schlechthin. Bild: Volker Mehnert

Asturien ist die Keimzelle der spanischen Nation, kämpft heute aber mit den Folgen des industriellen Niedergangs. Das schreckt viele Touristen ab - die so eine Region von wundersamer Vielfalt verpassen.

          Dort, wo ein schroffes Hochgebirge auf ein stürmisches Meer herabschaut, ein westgotischer Fürst dem Expansionsdrang der Mauren Einhalt gebot und die christliche Reconquista der Iberischen Halbinsel ihren Ausgang nahm, wo die Spanier einen nationalen Wallfahrtsort besuchen, wohlhabende Rückkehrer aus den amerikanischen Kolonien kuriose Protzbauten errichteten, präromanische Kirchen mit einem avantgardistischen Zukunftsmodell konkurrieren und ausgelaugte Industriestädte nach neuen Horizonten Ausschau halten, kurz: dort, wo sich spanische Geschichte und Kultur einmal anders präsentieren als in der üblichen Sphäre von Prado und Alhambra, von Olivenhainen, Stierkampf und Don Quijote - dort liegt Asturien.

          Santa María del Naranco ist das beeindruckendste architektonische Symbol der asturischen Andersartigkeit. Es gehört zu einer Gruppe von mehr als dreißig präromanischen Kirchen und Gebäuden, die im neunten Jahrhundert in der Gegend um Oviedo errichtet wurden. Die zumeist frei in der Landschaft verteilten turmlosen Kirchen imponieren gerade wegen der Schlichtheit ihrer unverputzten Außenmauern aus Natursteinen. Die Fassaden sind dezent gegliedert durch Rundbögen, winzige Fensteröffnungen, zierliche Säulen und filigrane Ornamente. Das Gebäude wurde im Jahr 848 ursprünglich nicht als Gotteshaus, sondern als königliche Sommerresidenz errichtet und erst vier Jahrhunderte später zur Kirche umfunktioniert. Von außen besticht der zweistöckige, langgestreckte Saalbau mit seiner strengen Eleganz, während der fast acht Meter hohe Ratssaal im Innern eine heitere Leichtigkeit ausstrahlt. Der eigentlichen Romanik um zwei Jahrhunderte voraus, verwundert es nicht, dass die Ornamentik noch vom römisch-griechischen Altertum und von der westgotischen Kunst beeinflusst ist. Es gibt wohl kein makelloseres Exemplar der Architektur im Übergang von der Antike zum christlichen Mittelalter, und die beiden Rundbogen-Ensembles an den Frontseiten gehören mit ihren verzierten Säulen zu den schönsten Werken der asturischen Kunst - Grund genug für die Unesco, die Kirche zusammen mit fünf weiteren präromanischen Gebäuden rund um Oviedo zum Weltkulturerbe zu erklären.

          Scharmützel an der Nordrenze

          Dass sich Santa María del Naranco ebenso wie die meisten anderen Kirchen der asturischen Präromanik abseits der Siedlungen und Städte versteckt, hat seinen Grund in der Geschichte des Christentums im spanischen Norden. Im Jahr 722 hatte sich der westgotisch-asturische Fürst Pelayo im unwirtlichen Kantabrischen Gebirge dem Vordringen der Mauren entgegengestemmt und die Eindringlinge in der Schlacht von Covadonga besiegt. Obwohl sie mit einer stärkeren Streitmacht sicher hätten zurückkommen und auch diesen letzten iberischen Landstrich hätten übernehmen können, hatten die Araber das Interesse an der Region hinter den kalten Bergen verloren. Langfristig begingen sie damit aber einen schweren Fehler, der sich sieben Jahrhunderte später rächte. Denn in Asturien hatten sie eine Keimzelle des Christentums und des Widerstands bestehen lassen, die regelmäßig für Unruhe und Scharmützel an der Nordgrenze ihres europäischen Vorpostens sorgte. So konnte es schließlich zur Reconquista kommen, der Rückeroberung der gesamten Iberischen Halbinsel durch die Christen, die Ende des fünfzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war.

          Der erste Held der Reconquista: die Statue des Ritters Pelayo in Covadonga.

          Obwohl sich Pelayo schon 718 zum asturischen König ausgerufen hatte, blieb das entstehende nordspanische Reich lange Zeit zersplittert und von Kämpfen geplagt. Neben den wiederholten Übergriffen maurischer Truppen machten sich Stammesfürsten und Räuberbanden gegenseitig Ländereien und Besitztümer streitig. Deshalb baute man damals seine Residenzen und Kirchlein lieber in einem versteckten Winkel des Gebirges als an einem frei zugänglichen Ort, betrachtete sie ebenso als Bollwerke für die Festigkeit des christlichen Glaubens gegenüber dem Islam wie als Bastionen gegen marodierende Nachbarn.

          Ein erratischer Brocken Hochgebirge

          Covadonga, der Schauplatz jener historischen Schlacht und Grabstätte des Königs Pelayo, gilt als Keimzelle des christlichen Spaniens und ist längst ein nationaler Wallfahrtsort im regnerischen Vorgebirge der Picos de Europa geworden. In einer Höhle, malerisch gelegen über einem Teich mit Wasserfall, wacht „La Santina“, die Jungfrau von Covadonga und Schutzpatronin Asturiens, über das Grab von Pelayo. Die Besucherströme werden mit Mühe und Not durch den schmalen Zugang geschleust. Gegenüber steht eine Basilika aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, in der sich die ernsthaft Gläubigen versammeln, während sich die Touristen vor dem Denkmal für Pelayo gegenseitig fotografieren. Die wenigsten fahren anschließend weiter hinauf in Richtung der zweieinhalbtausend Meter hohen Picos de Europa, eines erratischen Brockens Hochgebirge, der aus der Kantabrischen Kordillere herauswächst und mit seiner Schroffheit, dem ständigen Regen, den winterlichen Stürmen und Schneefällen den Arabern das Erobern vermiest hatte. Besonders behaglich fühlt sich der Mensch dort auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht. Schon auf elfhundert Meter Höhe, beim Gletschersee Ercina, endet die kurvenreiche Straße, und von dort kann man wie einst Pelayos Mannen nur noch zu Fuß oder zu Pferd ins Gebirge aufbrechen. Noch immer scheint man hier eine archaische, keltische, westgotische Vorzeit zu durchstreifen.

          Ein erlesenes Stück Zivilisation hingegen bietet Asturiens Hauptstadt Oviedo. Denn die Innenstadt besteht aus einem einzigartigen Guss stilvoller Fassaden, die zwar aus mehreren Jahrhunderten stammen, sich aber immer ins große Ganze einfügen. Die Wohnhäuser strahlen eine bürgerliche Noblesse aus, die ihnen vor allem die verglasten Veranden aus Schmiedeeisen oder gedrechseltem Holz verleihen. Hier wahren die Menschen ihre Privatsphäre und können doch einen Blick auf das Treiben in den Straßen werfen. Weder das zwanzigste Jahrhundert noch der spanische Bauboom der vergangenen Jahrzehnte haben in die Harmonie der Fassaden eingegriffen oder gar schlimme Bausünden hinterlassen.

          Protzpaläste der neureichen Heimkehrer

          Auch die wohlhabenden Heimkehrer aus Spaniens lateinamerikanischen Kolonien haben das Stadtbild nicht verschandelt. Viele von ihnen kamen zurück, um den Daheimgebliebenen von ihrer Karriere in der Neuen Welt zu berichten und auch damit zu protzen. „Indianos“ nannte man sie, und in den ersten Jahrhunderten des spanischen Kolonialismus waren sie mit ihrem Reichtum maßgeblich an der barocken Ausschmückung von Kirchen und öffentlichen Gebäuden beteiligt. Im neunzehnten Jahrhundert begannen die Rückkehrer ihren Besitz in Form von eitlen Palästen zu demonstrieren, die oft einen kuriosen architektonischen Mischmasch aufweisen. An manchen Häusern besitzt jedes Stockwerk einen anderen Stil, was wohl Weltläufigkeit demonstrieren sollte, in den meisten Fällen jedoch bloß die Angeberei neureicher Kolonisten offenbarte.

          Vor allem die asturischen Küstenstädte sind voll von derartigen Bauwerken. Allerdings hat sich diese Zurschaustellung von Luxus nicht als übermäßig haltbar entpuppt. Denn zwei, drei Generationen später war der Reichtum aufgebraucht, die Villen erwiesen sich als viel zu teuer in der Erhaltung, so dass sich jetzt viele in einem traurigen Stadium des Verfalls befinden. Frisch geblieben und üppig gewachsen aber sind die Palmen, die an der kühlen nordspanischen Küste eigentlich nichts zu suchen haben, den „Indianos“ untereinander aber als Erkennungszeichen dienten. Ihre Verbundenheit demonstrierten sie auch in den Casinos, einer Institution, die sie aus Lateinamerika mitbrachten. Es sind keine Spielbanken, sondern vornehme Clubs, in denen sich die Oberschicht der spanischen Kolonien traf. Auch die Rückkehrer mochten auf diese Orte nicht verzichten, an denen sie unter sich sein konnten. Das prunkvollste dieser Casinos steht in Llanes und ist bis heute hervorragend erhalten. Übrig geblieben sind auch die monumentalen Mausoleen, die sich die betuchten Rückkehrer aus der Neuen Welt leisten konnten und in denen sie in der Alten Welt ihre letzte Ruhe fanden. Geradezu spektakulär stehen die Grabmale auf dem Friedhof von Luarca: auf einer Klippe über dem Meer mit fabelhaftem Ausblick auf jene Ferne, die den Kolonisten einst das Glück gebracht hatte.

          Meisterwerk des Altmeisters

          Eine monumentale Vision für die Zukunft und ein beschwingtes Signal zum Aufbruch hat ein lateinamerikanischer Baukünstler in der erschöpften Industriestadt Avilés hinterlassen. Abgewrackte Lagerhallen und ärmliche Wohnblocks bilden die Kulisse, Hafenkräne stehen arbeitslos herum, am Kai machen rostige Frachter fest, und im Hintergrund pusten die Schlote eines betagten Stahlwerks ihren Qualm gen Himmel - und ausgerechnet in einem solchen Milieu hat Oscar Niemeyer seinen avantgardistischen Entwurf für ein Kulturzentrum verwirklicht. Es war eines der letzten Werke des greisen Architekten und sein größtes Projekt in Europa überhaupt. So genial und mutig wie der brasilianische Altmeister der modernen Baukunst muss man schon sein, um einem derart abweisenden Umfeld Paroli zu bieten. Dabei ist seine Handschrift unverkennbar: Bögen und Kurven, Spiralen, Wellen und kühne Schwünge bestimmen das Ensemble, das vier Gebäude umfasst: eine kuppelförmige Ausstellungshalle, einen gläsernen Turm mit Restaurant, eine langgestreckte Mehrzweckhalle und als Krönung ein Auditorium mit schwungvoll skizzierten Konturen. Fast alle Fassaden hat der Architekt in Weiß gehalten, nur das Auditorium hebt sich mit optimistischen gelben und roten Tupfern ab.

          Avantgarde zwischen Industrieödnis: das Kulturzentrum des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer in Avilés.

          Zum Glück hat Oscar Niemeyer sein Projekt nicht als isolierte kulturelle Insel installiert, sondern zugleich eine Brücke geschlagen ins Zentrum der Stadt auf der anderen Seite des Flusses - mit einer Fußgängerbrücke, die sein Bauwerk mit der historischen Altstadt von Avilés verbindet. Für die Einheimischen sind es also nur wenige Schritte vom Alltag in kulturelle Höhen, und Besucher des Centro Niemeyer sollten keinesfalls versäumen, einen Blick in den „casco antiguo“ zu werfen. Denn dieser ist ein Juwel - allerdings ein ebenso verkanntes wie unbekanntes - aus gotischen Kirchen, barocken Palästen, schmucken Bürger- und Handelshäusern, Renaissancefassaden und mittelalterlichen Laubengängen zum Schutz gegen den ausdauernden Regen des spanischen Nordens.

          Trauriges Monument des Scheiterns

          Mit Niemeyers Projekt sollte nach dem erfolgreichen Modell des Guggenheim Museums in Bilbao auch in der sterbenden Industriestadt Avilés ein architektonischer Blickfang und kultureller Magnet geschaffen werden, mit dem man Hunderttausende von Besuchern anlocken wollte. Bei seiner Eröffnung im Frühjahr 2011 erhielt das Centro Niemeyer dann auch überschwängliches Lob von allen Seiten. König Juan Carlos wohnte der Zeremonie bei, Woody Allen spielte mit seiner New Orleans Jazz Band und versprach, sich in Zukunft um das Filmzentrum zu kümmern. Brad Pitt und Kevin Spacey sagten ihre Zusammenarbeit zu, Paulo Coelho und Mario Vargas Llosa kündigten Lesungen an, Kooperationen mit dem Pariser Centre Pompidou, der New Yorker Carnegie Hall und der Oper von Sydney waren im Gespräch.

          Doch dann kam alles ganz anders: Streitereien zwischen den Betreibern des Zentrums, der Stadtverwaltung und der Regionalregierung von Asturien führten schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung zum Chaos: Die Aktivitäten wurden zunächst teilweise eingestellt, der Komplex dann ganz geschlossen, anschließend vorübergehend unter anderem Namen neu eröffnet. Inzwischen funktioniert er wieder als Centro Niemeyer, allerdings auf Sparflamme. Die Ausstellungen haben kein internationales Niveau, Konzerte und Filme stehen nur unregelmäßig auf dem Programm, die Besichtigung der Innenräume ist auf wenige Stunden pro Woche beschränkt. Niemand wundert sich deswegen, dass die erwarteten Besuchermassen ausbleiben; vom „Guggenheim-Effekt“ jedenfalls ist nicht viel zu erkennen. Wenn nicht schnell gehandelt wird, könnte Oscar Niemeyers Bauwerk zu einem traurigen Monument kommunalen Größenwahns werden. Und das hat Asturien nun wirklich nicht verdient.

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