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Typisch deutsch (6): : Bitte nicht mehr lächeln, wir sind in Deutschland

Alle Wege führen nach Heidelberg: Wer als Reisender aus Fernost die Stadt samt Schlossruine nicht gesehen und kein Beweisfoto aufgenommen hat, ist eigentlich gar nicht da gewesen. Bild: Frank Röth

Das Heidelberger Schloss war einmal die Ikone der deutschen Romantiker. Heute sieht man dort ganz andere Schwärmer: Horden asiatischer Reisegruppen, die sich pausenlos selbst fotografieren.

          Von morgens um neun Uhr an ist in Heidelberg das, was manche als typisch deutsch bezeichnen würden, mehrheitlich asiatisch. Es ist ein Tag, wie ihn sich Romantiker nur wünschen können: Feiner Dunst hat sich über die Stadt gelegt, manchmal kommt die Sonne durch und taucht die Fassaden der Altstadt in ein freundliches Licht. Aber der Nebel bleibt hartnäckig. So sieht alles noch ein bisschen verwunschener aus als ohnehin schon. Die Ruine des Heidelberger Schlosses thront am Hang des Königstuhls, als würde sie in der Luft hängen, und die gepflasterten Wege, die zu ihr hinaufführen, sind mit einem Schleier belegt, als könne man jederzeit einer Fee oder sonst irgendeiner Märchengestalt begegnen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Wären da nicht die ganzen Menschen. Sie schieben sich in Massen den Hügel hinauf, hochgerüstet mit Kameras, Smartphones, Tablets, Selfiesticks und Bratwürsten. Ja, Bratwürste, um diese Zeit. Ein Marschtrupp Asiaten folgt dem anderen, angeleitet von Reiseführern in Multifunktionsjacken, deren raumgreifende Gesten eines klarmachen: Das hier ist kein Spaß. Das ist Hochkultur, und da gibt es nichts zu lachen. Höchstens Fotos zu schießen, und zwar von allem, was geht: den Bäumen am Wegesrand, dem Burggraben, den Grashalmen im Burggraben. Zwischen den Ostasiatentrupps schlendert eine Frau mit Kopftuch, einen Selfiestick in der Hand, daneben ihr Ehemann, einen Selfiestick in der Hand. Sie unterhalten sich, ohne den Blick von ihren Bildschirmen zu nehmen.

          Hunderte reißen ihre Smartphones hoch

          Dann endlich der Innenhof des Schlosses. Da stehen viele alte Gebäude. Zum Beispiel der Ottheinrichsbau, benannt nach dem Wittelsbacher Kürfürst Ottheinrich, und eines der bedeutendsten Bauwerke der Renaissance. Oder der Friedrichsbau, das einzig noch vollständig erhaltene Gebäude des Schlosses. Die muss man fotografieren. Beziehungsweise man muss sich selbst fotografieren, die Bauwerke im Hintergrund. Hunderte von Menschen reißen ihre Smartphones in die Höhe und knipsen drauflos, um zu beweisen, dass sie auch wirklich hier gewesen sind.

          Hochgerüstet mit Kameras, Smartphones, Tablets, Selfiesticks und Bratwürsten schiebt man sich den Hügel hinauf.

          Auf dem Altan, einer Terrasse, von der aus man das Neckartal überblicken kann, geht es so richtig los. Früher war sie den Fürsten vorbehalten, jetzt tummeln sich dort Touristen, die sich wie Fürsten aufführen. Ein Pärchen lehnt lasziv an der Brüstung, er: Kapuzenpulli, Käppi und Sonnenbrille nach hinten gedreht, sie: Lederjacke und roter Wollschal. Sie küssen sich, während sie Fotos macht, von sich, dem Kuss und der Landschaft. Damit das Bild auch etwas wird, hat der Kuss Überlänge. Lange halten sie die Pose trotzdem nicht durch.

          Sie können auch niemanden darum bitten, ihnen zu helfen. Denn es sind nur Asiaten in der Nähe, und die haben vor lauter Kameras selbst keine Hand frei. Eine Mutter knipst mit ihrer Tochter die Hügel am Neckar ab, der Vater knipst Tochter und Mutter ab. An einem überdachten Aussichtsposten posieren zwei Mädchen, die Beine nach hinten gestreckt, als würden sie Dehnübungen machen. Zwei weitere Freundinnen fotografieren abwechselnd erst die eine, dann die andere. So entstehen schon am Morgen Hunderttausende Bilder der immer gleichen Machart: ich, schön, vor pittoresker Kulisse, auch irgendwie schön. Die Fotos werden in wenigen Minuten die sozialen Netzwerke fluten und dann untergehen in der Beliebigkeit des Bedeutungslosen.

          Der Altan war früher Fürsten vorbehalten. Nun gilt es, Beweisphotos des eigenen Dagewesenseins anzufertigen!

          Ein Mann mit Jokerlächeln

          Das ist allerdings nicht genug. Es gibt auch noch den Schlossfotografen Mike Niederauer, der im Innenhof die Gruppenfotos macht. Dazu bittet er die Leute, auf gestaffelten Bänken Platz zu nehmen wie eine Fußballmannschaft vor Saisonbeginn. Er sagt dann, auf Englisch: „Die Großen bitte nach hinten, die gut Aussehenden in die Mitte.“ Niederauer schießt ein, zwei Fotos, ermahnt anschließend die Männer, Haltung anzunehmen, und die Frauen, zu lächeln. „Die Augen bitte nicht schließen, sondern aufreißen“, sagt er, „ungefähr so“, und dann zaubert er ein Bild hervor, auf dem ein Mann mit übertrieben aufgerissenen Augen und Jokerlächeln drauf ist. Die Gäste lachen, Niederauer hält drauf. Wenn alles durch ist, sagt er: „Jetzt bitte aufhören zu lächeln, wir sind hier in Deutschland.“ Manche Asiaten lächeln da zum ersten Mal.

          Später verkauft Niederauer seine Bilder für acht Euro das Stück. Er muss jeden Monat Pacht an das Land Baden-Württemberg zahlen, und irgendwie muss das Geld wieder reinkommen. Aber obwohl 2014 ungefähr 1,1 Millionen Menschen das Heidelberger Schloss besuchten, so viel wie noch nie, laufen seine Geschäfte schleppend. Denn sobald er die Fotos entwickelt hat, fangen die Leute an, sie abzufotografieren, statt zu kaufen. Immerhin: Er hat auch schon die Klitschko-Brüder abgelichtet. Die haben es nämlich ebenfalls hierher geschafft.

          Manchmal kommen sogar Deutsche

          Auch ein paar Franzosen sind gekommen. Sie stehen leicht genervt zwischen den asiatischen Reisegruppen herum, vielleicht, weil sie als einzige keine Kamera dabei haben. Daneben ein brasilianisches Pärchen, das einen Tag zuvor in München war und verzweifelt versucht hat, sich auf dem Oktoberfest zu betrinken. Man nahm ihnen allerdings an jedem Zelteingang die Biere ab. Nun sitzen sie in der Nähe des Brunnens, „zwischen genauso vielen Verrückten“.

          „Ameisenspeise!“ – Die Deutschen sind hier deutlich in der Minderheit.

          Und manchmal kommen sogar einige Deutsche. Da die Sprachen am Schloss in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit Japanisch, Koreanisch, Englisch und Arabisch sind, wirken sie aber etwas verloren. Weißhäuptig laufen sie durch den Innenhof, mit unbestreitbar praktischem Schuhwerk und hauchen ihr museales „Cheese“ in die Kamera, als wären sie ein Teil der Kulisse. „Ameisenspeise!“, sagt ein Mann als Lächelaufforderung zu seiner Frau, die am Brunnen posiert. Er fotografiert sie, ein Asiate fotografiert ihn.

          Auf die Frage, wie es ihm hier gefällt, antwortet der Asiate: „Yes, very like.“ Viel mehr kann er jetzt auch nicht sagen, denn in einer Stunde geht es in die Heidelberger Altstadt, am nächsten Tag nach Paris, am darauffolgenden nach Basel, dann zurück nach China, und er muss noch Fotos machen. Auch die anderen Reisegruppen müssen sich beeilen. Manche klappern mit dem Boot die Sehenswürdigkeiten am Rheinufer ab. Ihre Reiseführer halten bunte Schilder mit den Namen der Schiffe hoch, damit sie vor lauter Attraktionen keiner vergisst. Sie heißen zum Beispiel „Amadeus“, „Amacello pink“ oder „Amacello yellow“. Ganze Divisionen ziehen so durch die Burggräben und den weitläufigen Garten, als hielten sie eine Militärparade ab.

          Das Spinnennetz der Straßen und Gassen

          Bis es plötzlich, am Nachmittag so wirkt, als sei der ganze Spuk vorbei. Die Sonne hat den Kampf gegen die Nebelschwaden gewonnen. Eine Gruppe muslimischer Frauen macht ein Picknick im Halbschatten, nur ein Verirrter lässt sich noch ablichten, vor einem Baum. Es herrscht fast so etwas wie Stille. Aber das täuscht. Die Touristen sind nur woanders.

          Sie haben den Abstieg begonnen, von der Schlossruine durch die Gassen, zurück in die Altstadt. Von dort schaute vor etwa hundertdreißig Jahren auch der Schriftsteller Mark Twain auf die Stadt Heidelberg herunter. Seine Eindrücke beschrieb der Amerikaner im Werk „Bummel durch Europa“ mit diesen Worten: „Die Stadt lag, lang entlang des Flusses hingestreckt. Das verschlungene Spinnennetz der Straßen und Gassen strahlt wie Juwelen im glitzernden Licht. Hinter dem Schloss erhebt sich ein Hügel wie ein Dom, mit Wald bedeckt, und dahinter ein prächtiger und erhabener Berg.“

           „Die Stadt lag, lang entlang des Flusses hingestreckt. Das verschlungene Spinnennetz der Straßen und Gassen strahlt wie Juwelen im glitzernden Licht.“ So sah es Mark Twain, und so sieht es hier bis heute aus.

          Typisch deutsche, asiatische Nudeln

          Twain wusste: „Um gut zu wirken, muss eine Ruine den richtigen Standort haben. Diese hier hätte nicht günstiger gelegen sein können. Sie steht auf einer die Umgebung beherrschenden Höhe, sie ist in grünen Wäldern verborgen, um sie herum gibt es keinen ebenen Grund, sondern im Gegenteil bewaldete Terrassen, man blickt durch glänzende Blätter in tiefe Klüfte und Abgründe hinab, wo Dämmer herrscht und die Sonne nicht eindringen kann. Die Natur versteht es, eine Ruine zu schmücken, um die beste Wirkung zu erzielen.“ Von oben schaute das Schloss herab „auf die kompakte Fläche der braun gedeckten Dächer der Stadt. Und von der Stadt her überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluss. Niemals habe ich mich an einem Blick erfreuen können, der solch einen befriedigenden Charme ausstrahlte wie diesen hier.“

          Stichwort Befriedigung. Die Touristen sitzen jetzt in den Restaurants, die sich um die Heiliggeistkirche an der Hauptstraße gruppieren, und essen die typisch deutsche „Pizza vier Jahreszeiten“ oder typisch deutsche, asiatische Nudelgerichte. Einige trauen sich sogar, Bier zu trinken. Bestens besucht ist das Restaurant „Saigon Sonne“ im „Gasthaus zur Goldenen Sonne“. Danach geht es weiter, immer die Hauptstraße entlang, eine der längsten Fußgängerzonen Europas, in der viele bedeutende Bauwerke liegen, Kurpfälzisches Museum, das Studentengefängnis, das auch Mark Twain schwer beeindruckte, und viele mehr, an denen sich die Touristen tapfer entlangknipsen.

          „I love Bier“

          Dann kommen die Souvenirläden. Zum Beispiel ein Geschäft, in dem es T-Shirts zu kaufen gibt, mit der Aufschrift „I love Heidelberg“, „I love Germany“ und sicherheitshalber auch noch „I love Bier“. Das Herz hat die Form eines Bierglases, halb gefüllt. Eine Asiatin bleibt stehen und macht: ein Foto.

          Gegenüber ist ein Geschäft mit dem Namen „Unicorn“, in japanischen Schriftzeichen. Dass es japanische Schriftzeichen sind, erklärt die Verkäuferin, eine Asiatin. Drinnen gibt es Nussknacker in allen Variationen, im Husarenkostüm, als Gendarm, König und Förster, Nussknacker mit Gewehren, Nussknacker mit Exerzierstab, Nussknacker mit Besen. Darüber japanische Schriftzeichen und ein Hinweis auf Deutsch: „Kann tatsächlich Nüsse knacken!“ Außerdem gibt es hier Kuckucksuhren, an denen vergoldete Tannenzapfen hängen, sowie Ansichtskarten, Miniaturen und Holzstiche vom Heidelberger Schloss. Im Angebot sind ansonsten mehrere Kuscheltiere, zum Beispiel ein Schwein oder ein Frosch, und außerdem noch ein Set Kochtöpfe, „garantiert deutsche Qualität“.

          Abends ist es hier wieder still, denn alle verschwinden auf ihre Schiffe und in ihre Busse.

          Etwas weiter unten befindet sich ein Laden mit dem Namen „Memories of Heidelberg“, der anbietet, was den anderen Geschäften offenbar fehlt: original polnische Keramik und Schweizer Taschenmesser. Ein asiatisches Pärchen läuft durch, eine Minute hier, eine Minute da, sie will ein Taschenmesser, er weigert sich standhaft. Als sie wieder nach draußen treten, hat die Dämmerung eingesetzt. So schnell, wie sie gekommen sind, sind die Touristen verschwunden, zurück in die Boote, Flugzeuge und Hotels. Vereinzelt stehen sie noch in Gruppen, im Schein von Leuchtreklamen, aber immer in der Nähe zum Hoteleingang. Die einsetzende Dunkelheit scheint ihnen nicht geheuer zu sein.

          Das Heidelberger Schloss steht im Scheinwerferlicht. Kantig hebt sich seine Silhouette vom Nachthimmel ab, mit einem Mal wirkt diese Ruine geheimnisvoll und verwinkelt. Vielleicht haben Romantiker sie so empfunden, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als sie den Bau zu ihrem Wahrzeichen erkoren, nachdem die Mächtigen ihn fast hundert Jahre lang hatten verfallen lassen. 1693 sprengten Franzosen die Türme und Mauern des Schlosses, bei der Einnahme der Stadt. Danach sollte die Ruine erst als Steinbruch für andere Fürstenresidenzen dienen, dann wiederaufgebaut werden, dann mangels Geld komplett abgerissen werden, dann blieb doch alles so, wie es war. Fotos gibt es von diesen Episoden allerdings nicht, höchstens ein paar Gemälde. Also nicht so wichtig.

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