07.12.2011 · Der Apache trail windet sich kühn durch den Salt River Canyon - und streift dabei Relikte aus der Vergangenheit, die aus einem Western stammen könnten.
Von Angelika JordansBetsy, die betagte, nicht gerade heißblütige Pferdedame, ist störrisch. Sie lässt sich weder durch einen aufmunternden Klaps auf ihr ausladendes Hinterteil noch durch zugeflüsterte Schmeicheleien von Dan, einem schmächtigen, schnauzbärtigen Cowboy, zum Weitergehen bewegen. Wie gebannt starrt sie die Tigerklapperschlange an, die am Wegrand ein Sonnenbad nimmt. Betsy schnaubt, tänzelt nervös und setzt sich erst vorsichtig in Bewegung, als das Reptil unter einem Kreosotbusch verschwindet. Dan seufzt erleichtert. "Vor einigen Monaten hat eine Klapperschlange sie in die Nase gebissen. Sie hat sehr gelitten und seitdem einen höllischen Respekt vor den Biestern. Dabei greifen sie nur an, wenn sie sich bedroht fühlen", sagt er, während Armeen von bis zu sechzehn Meter hohen Saguaro-Kakteen vorüberziehen. Über ihnen thronen wie eine Trutzburg die Superstition Mountains, verehrt und gefürchtet von den einst hier lebenden Pima-Indianern. Denn sie glaubten, dass dort die Seelen ihrer Ahnen auf die Weiterreise ins Jenseits warteten. Auch den Apache-Indianern waren die Berge heilig, weil dort der Donnergott seinen Wohnsitz hatte.
Bis zu eintausendachthundert Meter hoch türmen sich die bizarr zerfurchten Gipfel über dem Tal des Salt River auf, majestätisch und verschwiegen, denn das Geheimnis der Lost Dutchman's Gold Mine bewahren sie bis heute. In den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts soll ein aus Preußen immigrierter Deutscher namens Jacob Waltz in den Superstition Mountains eine reiche Goldader entdeckt haben. Das behauptete er selbst beharrlich bis zu seinem Tod. Immer wieder, so wird erzählt, sei er in die Berge östlich des heutigen Ortes Apache Junction geritten, um mit kleinen Goldmengen zurückzukehren, und mitunter habe er geprahlt: "Es gibt einen Trick auf dem Weg zu meiner Mine. Sie liegt dort, wo niemand nach Gold suchen wird."
Er starb 1891 in Phönix, der Hauptstadt Arizonas, im Haus seiner Pflegerin Julia Thomas, die unter seinem Totenbett achtundvierzig Pfund Gold fand. Ihr soll er in seiner letzten Stunde zugehaucht haben: "Wenn die Sonne untergeht, ist dort, wo der Schatten der Weaver's Needle den Boden trifft, der Eingang zur Mine." Wenig später brach Thomas mit zwei Begleitern in die Superstition Mountains auf, kehrte aber nach einigen Wochen mit leeren Händen und ruiniert zurück. Ihre Begleiter suchten für den Rest ihres Lebens vergebens nach der Goldader, und manche spätere Glücksritter kamen nie zurück aus dem dreihundertneunzig Quadratkilometer großen Gebiet der Superstition Mountains, in deren vulkanischem Gestein nach Meinung der meisten Geologen keine reiche Goldmine versteckt sein könne.
Die Frage, ob er auch schon einmal sein Glück versucht habe, kostet Cowboy Dan nur ein müdes Lächeln. Nein, das sei nur etwas für Träumer. Dann zeigt er in die Ferne, dorthin, wo auf einem Hügel zwischen den Superstition und den Goldfield Mountains das Geisterstädtchen Goldfield auftaucht. Dort wurde Gold tatsächlich entdeckt, zwischen 1893 und 1898 gewann man Goldstaub im Wert von drei Millionen Dollar. Goldfield hatte zu jener Zeit viertausend Einwohner, verkümmerte nach dem Ende des Booms aber schnell zur Geisterstadt. Zwölf Jahre später kam ein Mann namens George Young in das Wüstennest, führte neue Ausrüstungen und Abbaumethoden ein und förderte weiteres Gold zutage. Goldfield wurde Youngsberg genannt und starb 1926 nach dem Tod von George Young abermals.
In den achtziger Jahren bestand Goldfield nur noch aus einigen Betonfundamenten, alten Hütten und einem klapprigen Wasserturm. Doch für den damals siebenunddreißigjährigen Robert F. Schoose aus Kalifornien, den schon seit Kindertagen der Bergbau und die Schatzsuche leidenschaftlich interessierten, war es Liebe auf den ersten Blick, als er die Ruinen abseits des Apache Trail sah, der offiziell Highway 88 heißt. Er erfüllte sich seinen Traum, eine eigene Geisterstadt in der Wüste zu besitzen. Ein Jahr später begann er mit dem Bau des Minentunnels, schaffte aus dem gesamten Südwesten altes Bergbaugerät und Oldtimerskelette heran und eröffnete 1991 das Superstition Mountains and Lost Dutchman Museum. Heute säumen etliche rekonstruierte Holzbauten die staubige Hauptstraße, die während der an den Wochenenden inszenierten Schießereien mit scheintoten Schurken gepflastert ist, tragische Opfer von Platzpatronen. Derweil hocken zwei in bauschige Kleider aus rotem Taft und schwarzer Spitze gehüllte, üppig geschminkte Damen auf einer Bank vor Lu Lu's Bordello, das wie das Gefängnis und alles andere auch reine Staffage ist.
Der Mammoth Saloon ist hingegen halbwegs echt, hier suchten schon 1893 trinkfeste Minenarbeiter Kurzweil. Seit seinem Wiederaufbau treffen sich die Einheimischen aus der Umgebung häufig zu Pferde und in Cowboy-Montur in der Kneipe, so auch drei verwegen aussehende Burschen, die sich gerade zu vier älteren Cowboys an den meterlangen, blank geputzten Tresen gesellen. Die Szene beflügelt die Phantasie: Liegt zwischen den bärtigen Gestalten vielleicht ein Revolverduell in der Luft, oder stecken wir mitten in einem Westernfilm? Angelehnt an das Buch "Thunder Gods Gold" von Barry Storm, der als Erster eine Chronik der Lost Dutchman's Gold Mine schrieb, verkörperte Glenn Ford 1949 in dem Film "Lust for Gold" den Jacob Waltz. Später drehten John Wayne, Steve McQueen, Burt Lancaster und Ronald Reagan vor der spektakulären Wüstenszenerie und in den Kulissen der Apacheland Movie Ranch. Die auffällige weiße Holzkapelle dort ist ein Relikt aus dem 1968 entstandenen Film "Charro" und Elvis Presley gewidmet, der damals als geläuterter Bösewicht Jess Wade durch das Gelände ritt.
Die vier Cowboys an der Bar entpuppen sich schließlich als gutgelaunte, leutselige Rentner aus Michigan, die jeden Winter vor den vereisten Straßen in die Sonora-Wüste fliehen und dort Temperaturen von nicht selten zwanzig Grad Celsius genießen können. Im April reisen sie wieder nach Hause, bevor die Sommerhitze das Land ausdörrt. Auf der anderen Seite des Apache Trail besitze jeder von ihnen ein Häuschen, erzählen sie. Das klingt angesichts der penibel gepflegten Ansiedlung im Schatten der Superstition Mountains, wo zwischen Kakteen, Agaven, Yuccas und Palo-Verde-Bäumen asphaltierte Wege zu komfortablen, im Adobe-Stil errichteten Bungalows führen, beinahe kokett. "Eigentlich gehört die Wüste den Klapperschlagen, Gila-Monstern, Taranteln und Skorpionen. Wir wohnen auf ihrem Terrain und wundern uns, dass sie in unsere Vorgärten kommen", brummt Sam, der pensionierte Rechtsanwalt aus Detroit und mit siebzig Jahren Älteste des Quartetts. Er saugt versonnen an seiner Pfeife. "Aber wir Rentner werden hier sehr umworben."
Verwunderlich ist das nicht, gelten doch die mobilen Senioren, die sogenannten Snowbirds, aus den kalten Nordstaaten längst als bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region. Die Wintergäste mit Caravans haben die Wahl zwischen mehr als fünfzig zum Teil riesigen Wohnmobilparks in der Umgebung von Apache Junction, einem faden Städtchen mit zweiundvierzigtausend Einwohnern, das erst 1950 offiziell gegründet wurde. Knapp dreißig Jahre zuvor hatte sich der Geschäftsmann George Cleveland Curtis aus Utah an der Kreuzung des Highways 60 und des Apache Trail, der längst als eine der schönsten Routen des Landes galt, niedergelassen, das "Apache Junction Inn" gebaut und den ersten Zoo Arizonas gegründet. Während der zunächst einzige Bewohner, ein Affe namens Jimmie, als Besuchermagnet fungierte, verkauften Curtis' Frau und die drei Töchter Reisenden Lebensmittel, Wasser und Benzin.
Schon 1903 hatte man begonnen, den steilen, schmalen Apache Trail auszubauen, der mehr als tausend Jahre lang den Salado, Pima, Yavapai und Apachen als Handels- oder Kriegspfad gedient hatte. Zwei Jahre später konnte man Versorgungsgüter und Baumaterialien durch die gewaltige Felsschlucht des Salt River zu der Baustelle des Theodore-Roosevelt-Dammes transportieren, der den Tonto Creek zum siebenunddreißig Kilometer langen Roosevelt Lake stauen sollte. Als der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt 1911 den damals mit einer Höhe von vierundachtzig Metern größten gemauerten Staudamm der Erde nach sechsjähriger Bauzeit seiner Bestimmung übergab, schwärmte er: "Am Apache Trail treffen das Großartige der Alpen, die Pracht der Rocky Mountains und die Herrlichkeit des Grand Canyons zusammen."
Der Apache Trail windet sich durch archaisches Vulkangestein in kühnen Schwüngen durch die Schlucht des Salt River nach Tortilla Flat. Der kleinste Ort und Wahlbezirk Arizonas mit nur sechs Einwohnern wurde 1904 als Wechselstation für Muligespanne gegründet. Bald schon diente er auch als Rastplatz für Postkutschenreisende. Anfang der dreißiger Jahre hatten sich am Ufer des Tortilla Creek hundert Menschen niedergelassen. Aus dieser Zeit hat das winzige Schulhaus am Ortsende, das Platz für vierzehn Schüler bot und 2004 zum Museum umfunktioniert wurde, als einziges Gebäude überlebt. Von hier sind es nur ein paar Schritte ins Zentrum der "freundlichsten Kleinstadt Arizonas", die nicht viel mehr als eine Holzfassadenzeile im Westernstil mit überdachtem Bürgersteig ist. Es gibt ein Postamt, einen Country Store, der für sein Feigenkaktuseis bekannt ist, und den Superstition Saloon, dessen Wände Tausende von Spendern signierte Dollarnoten schmücken. Statt auf Hockern sitzen die Gäste auf echten Pferdesätteln an der Bar, um sich für die schwierigste Etappe des Apache Trail zu stärken.
Sie beginnt jenseits von Tortilla Flat, dort, wo die Asphaltstraße zur Schotterpiste wird. Kurvenreich klettert sie auf eine trockene, steinige Hochebene hinauf, die mit Mormonentee, indianischem Reisgras und Agaven, Scharen von Biberschwanz-, Rotweinbecher- und Feigenkakteen bestanden ist. Der skurrile Ocotillo, auch Spazierstock des Teufels genannt, reckt seine dornigen Zweige in die Höhe, als wolle er die der Bergriesen rundherum übertrumpfen. Dann fällt der Blick hinab in den engen, gewundenen Fish Creek Canyon und auf die einspurige, nach Regenfällen tückisch schlüpfrige Waschbrettpiste, die sich in Haarnadelkurven ängstlich gedrängt an gespaltene, faltige, überhängende Felswände und entlang jäher Abgründe hinuntertastet. Da können auch die nur sporadisch montierten Leitplanken kein Sicherheitsgefühl vermitteln, schon gar nicht angesichts des ausgebrannten Autowracks in der Tiefe. Das ist nichts für nervenschwache Autofahrer. Die Postkutschen überstanden den heiklen Streckenabschnitt einst nur unbeschadet, indem man die Zugmulis kurzerhand als Bremse an die Hinterseite des Gefährtes spannte, während die Passagiere zu Fuß folgten.
So reizvoll die Abfahrt ist, so großartig die Panoramen sind, ein leises Aufatmen kann man sich nicht verkneifen, wenn man endlich den Roosevelt Lake erreicht. Zwischen den Yachthäfen, Restaurants und Geschäften an seinem Ufer und der rätselhaften Welt der Salado-Indianer liegen fünfzehn Autominuten und eine Wanderung von einem knappen Kilometer mit einer hinreißenden Aussicht auf den Stausee. Der Pfad führt zu den Skeletten einer ein- bis zweistöckigen Wohnanlage mit neunzehn Räumen und zu den Klippenwohnungen, die die Salado um 1250 in den ausgewaschenen Nischen und Höhlen des präkambrischen Gesteins der Mazatzal Mountains bauten und um 1400 aus ungeklärten Gründen wieder aufgaben. Dass die Salado hervorragende Töpfer und Weber waren, zeigen die mehrfarbigen Schüsseln, Krüge, Töpfe und außergewöhnlichen Webarbeiten im nahen Besucherzentrum. Die Besichtigung ist nur nach Voranmeldung mit einem Park Ranger möglich - aber nicht immer. "Im vergangenen Jahr war das zeitweise unmöglich", sagt die Führerin, "denn es wimmelte hier vor Klapperschlangen."
Informationen: OK Corral Horseback Riding Stables (2655 E Whiteley St. Apache Junction, Arizona 85219, Telefon: 001/480/9824040, www.okcorrals.com) bietet Reittouren in die Superstition und die Goldfield Mountains an. Der Tagesausflug kostet inklusive Mittagessen 120 Dollar pro Person. Allgemeine Auskünfte beim Arizona Office of Tourism c/o Kaus Media Services, Luisenstraße 4, 30159 Hannover, Telefon: 0511/8998900.
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