24.06.2009 · El Bolsón war einmal ein Hippiedorf und die erste atomfreie Zone Argentiniens. Heute ist es eine grüne Künstlerkolonie. Der Ort zieht noch immer Glücks- und Sinnsucher an - und viele Touristen.
Von Richard FraunbergerEtwas oberhalb des zweiundvierzigsten Breitengrades Süd und nahe dem einundsiebzigsten Längengrad West liegt, vom Wald verschluckt, eine Blockhütte aus rohen Baumstämmen. Sie steht an einer Lichtung, bewachsen mit blauen und pinkfarbenen Lupinen. Hellgrün leuchten die zarten, lanzenförmigen Blätter der Farne, ein Bach plätschert, über dem Wasser schwirren Mückenschwärme, im Beet neben der Blockhütte wachsen Zwiebeln, Möhren und Salat, und zwischen Dachrinne und Baum hängen auf einer Schnur Bündel von getrocknetem Johanniskraut. Jetro Martinez, vierundfünfzig Jahre alt, von der hageren Gestalt eines Eremiten, das schulterlange Haar ergraut, kam 1980 in die südargentinische Provinz Río Negro, fand im Wald einen einsamen Flecken Erde, griff zur Axt, schlug Holz und zimmerte eine Hütte. Da hatte er schon mehrere Leben hinter sich, als Percussionspieler in Zürich und London, als Pantomime in Hamburg und, weil er sich noch immer nicht gefunden hatte, auch als Bhagwan-Jünger in Poona.
Jetro Martinez lebt, wie ein Mensch fünfundzwanzig Busstunden von Buenos Aires entfernt leben kann. Er ernährt sich von Johannisbeeren und Pilzen. Forellen und Lachse fängt er im Fluss. Hat er Durst, trinkt er aus dem Bach. Er zieht Kartoffeln, sammelt Nüsse und Kräuter, produziert das bisschen Strom, das er benötigt, mit einem Wasserrad, an dem er zehn Jahre lang getüftelt hat. Den Winter, wenn meterhoher Schnee liegt, verbringt er mit Heizen und Meditieren. Im Frühling verwandelt er seinen Privat-Aschram in eine alchemistische Werkstatt. Dann quillt das Zimmer über von Schläuchen, Trichtern, Rundkolben und Röhren, die in einem Kessel zusammenlaufen. Jetro Martinez destilliert Johanniskraut. Das Öl füllt er in Flakons ab und beklebt sie mit dem Bild seines verstorbenen Meisters. "Das hilft gegen Schmerzen und Depression", sagt er. Auch Salben stellt er her, die er mit dem Öl auf dem Markt in El Bolsón verkauft, einer Kleinstadt an den Ufern des Río Quemquemtreu.
Butch Cassidy und Sundance Kid waren auch da
Schon immer haben Hippies und Aussteiger ein sicheres Gespür für die schönsten Plätze der Welt gehabt. El Bolsón, fünfzehntausend Einwohner groß, von dichten Wäldern und 2200 Meter hohen Bergketten umgeben, ist ein Postkartenidyll, ein verträumtes Städtchen in einem fruchtbaren Tal, in dem Kühe über saftige Wiesen trotten, Obst- und Mandelbäume blühen, in dem ein Dschungel aus Hopfen der Sonne entgegenrankt und alle erdenklichen Beeren wachsen wie anderswo Unkraut. Was auch draußen in der Welt geschieht, die Finanzkrise, die Anschläge in Afghanistan, kommt hier allenfalls als leises Rauschen an, so abseits und fern der Zeit liegt das Tal. Seit Jahrhunderten schon ist das Gebiet und alles südlich davon ein Ort der Zurückgezogenheit und Weltflucht. Wer hierherkam, suchte Einsamkeit oder ein Versteck. In Cholila, einem Dorf unweit von El Bolsón, erwarben 1901 Butch Cassidy, Sundance Kid und seine Freundin Etta Place zwölftausend Morgen Land. Die Banditen waren auf der Flucht. Längst hatten Gesetz und Ordnung das letzte unerschlossene Gebiet Nordamerikas erobert. Also schifften sich die drei nach Buenos Aires ein und ritten von dort an das Ende der Welt, hinein in ein neues Leben, das nach Pferden roch und in dem die Freiheit weder Grenzen noch Gesetze kannte. Großartig ist die Gegend nahe der chilenischen Grenze noch immer.
Ursprünglich von den Tehuelche-Indianern als Lagerplatz, später von chilenischen Bauern als Ackerland benutzt, wuchs das abgelegene Kaff El Bolsón zur Kleinstadt, als La Trochita, der alte Patagonien-Express, 1941 das benachbarte El Maitén erreichte. Deutsche Einwanderer zogen hierher, Italiener, Schweizer, Libanesen. In den siebziger Jahren kamen die Hippies. El Bolsón wurde zu einem Hauptort der internationalen Sinnsucherszene, zur Spielwiese für Tantriker, Makrobioten, Astrologen und Philosophen, die ihre letzten Erkenntnisse auf Reispapier niederschrieben. Es ging um Selbstverwirklichung, um ein ungestörtes Leben in einem toleranten Umfeld und in einer intakten Natur. Über die Jahre eröffneten und schlossen Bioläden, spirituelle Erweckungszentren, Ateliers und Kindergärten, die aussahen wie bunte, überdimensionale Pilze. Manche kauften kleine Farmen, stellten Käse und Marmelade her und hausgemachtes Bier. Manche bauten sich Häuser, rustikale Trollhütten, verziert wie hinduistische Tempel. Eine Bohème entstand. Dichter, Maler, Biobauern verkauften einmal in der Woche auf der Plaza Pagano eingemachte Stachelbeeren, Honig, spirituelle Traktate, im hütteneigenen Studio produzierte man Sphärenmusik und hie und da handgetöpferte Chillums.
Die Alternativkultur blüht
Doch allein von der kosmischen Energie, derentwegen viele nach El Bolsón kamen, konnte niemand leben. Aus dem Hippiemarkt, auf dem man sich traf, Musik machte, tanzte und nebenbei Handel trieb, erwuchs die "feria artesanal", ein landesweit bekannter Kunsthandwerksmarkt mit vierhundert Ständen, geöffnet an drei Tagen in der Woche. Er und der Mythos von der Hippiekommune sind zum Markenzeichen von El Bolsón geworden. Auch als Ökozentrum hat sich die Stadt einen Ruf gemacht. Hopfen, Obst und alle Früchte auf den Plantagen werden biologisch angebaut und ohne Konservierungsmittel verarbeitet. Immer mehr Urlauber fahren für ein paar Tage in die grüne Aussteigerkolonie, die sich 1984 zur ersten atomfreien Zone Argentiniens erklärte.
Neben Jetro Martinez verkauft Susana Sommer auf dem Markt Gemälde und Kinderpuzzles aus Holz. Auch sie stammt aus Buenos Aires, wie die meisten Hippies in El Bolsón. Die Nachfahrin dänischer Einwanderer hat dunkle Augen, ihr schwarzes Haar ist in der Mitte gescheitelt. Die Einundsechzigjährige sieht aus wie die Mapuche-Indianer auf ihren Gemälden. Sie kam 1980 hierher. Vier Stunden dauerte damals die Fahrt auf der Schotterpiste von San Carlos de Bariloche, hundertzwanzig Kilometer sind das. Susana Sommer wollte mit Gleichgesinnten in Harmonie mit der Natur leben, sie wollte weg von Besitzdenken und Profitstreben, autark sein, sich von Gemüse ernähren, das sie neben ihrem VW-Bus zog, in dem sie lebte. Heute wohnt sie allein in einem Häuschen am Rande der Stadt. Ihr Wohnzimmer ist vollgestellt mit Rahmen, Ölfarben und Entwürfen. Vom Malen allein kann Susana Sommer nicht existieren. Sie vermietet Zimmer an Touristen. Sie sagt: "El Bolsón lebt von der Alternativkultur der Hippies. Aber Hippies gibt es schon lange nicht mehr, und ihre Träume sind der Kommerzialisierung gewichen." Viele, die sich in dem Kleinbauernidyll eingerichtet hatten, gaben ihre Farm bald wieder auf. Große Obst- und Hopfenplantagen durchziehen heute das Tal. Die meisten Pioniere der Hippiegeneration haben El Bolsón verlassen. Sie wurden vertrieben von steigenden Grundstückspreisen und hohen Mieten. Was auch die Hippies als Erste entdecken, Inseln, Strände, Täler, früher oder später werden sie fortgespült von den Wellen des Tourismus und immer neuer Zuwanderer.
Erbeerbier und Tolstoi-Bart
Nahuel Palomeque ist vierunddreißig und so ein Zugezogener. Er hatte genug von Buenos Aires und brach auf, um ein neues Leben zu finden. Er suchte es in Feuerland und an den Ufern des großen Nahuel-Huapi-Sees. Aber nirgendwo in Argentinien fand er einen Ort, an dem man der Natur so nahe ist wie in El Bolsón. Auch das Klima sei hervorragend, sagt Palomeque, vor allem für Hopfen. Sein Kleinbus ist vollgestopft mit allem, was man zum Bierbrauen benötigt. Bierbrauen hat Tradition in El Bolsón. Es wird gebraut, was das Zeug hält: Himbeer-, Mais- und Schokoladenbier, Kirsch-, Honig- und Erdbeerbier, dunkles Rauchbier und Chili-Pepper-Bier. Abends, wenn sich die Straßen leeren und hinter Häusern Kinder kicken, füllen sich die Bierkneipen mit angeschlossener Brauerei. "Es geht nicht ums Geschäftemachen", sagt Nahuel Palomeque und zupft an seinem Tolstoi-Bart. Da hätte er in Buenos Aires bleiben können. "Wichtiger als viel Geld ist, gut zu leben." Er möchte über die Runden kommen, seinen Traum von El Bolsón verwirklichen, eine Farm und ein kleines Haus. Das Einzige, das ihn hier an diesem "magischen Ort" störe, seien jene Althippies, die glaubten, sich auf einer höheren Evolutionsstufe zu befinden.
Wer der Stadtmitte mit ihren Zuckerbäckereien und Eiscafés den Rücken kehrt und am Flussufer entlangschlendert, der mag die Rede vom magischen Ort und von der guten Energie, die El Bolsón ausstrahle, bezweifeln. Dort, wo die geteerten Straßen enden, beginnt ein anderes El Bolsón. In selbstgezimmerten Verschlägen hausen Familien ohne Arbeit. Klapprige, verbeulte Chevrolets und Falcons mit zerrissenen Sitzen parken neben dem Hühnerstall, Wäsche flattert zwischen Strommasten, Schweine grunzen. Es sind illegale Bauten, errichtet von Menschen, die nicht auf der Suche nach dem Glück hierherkamen, sondern nach Arbeit, in der Hoffnung, im prosperierenden El Bolsón ein Auskommen zu finden. Tatsächlich lebt die Mehrzahl der Einwohner unter der Armutsgrenze. Etwas ist schiefgelaufen in Argentinien bei der Verteilung von Land, Arbeit und Chancen. Wie in ganz Südamerika herrscht auch hier ein Gefühl von Unsicherheit. Überfälle gibt es zwar keine, und man kann auch nachts allein durch die Straßen streunen. Aber jedes Haus wird dreimal abgesperrt, und hinter Stacheldrahtzäunen wacht eine Schar knurrender Hunde.
Flechten wie lindgrünes Lametta
Wie eine lärmende, viel zu hektische Großstadt wirkt El Bolsón, sobald man es hinter sich lässt. Mit jedem Schritt verflüchtigt es sich, weicht patagonischen Zypressen, Birken, dreißig Meter hohen Lengas, nach oben drängendem, lichtschluckendem Grün. Ein Chlorophyllrausch ergreift einen und ein Gefühl von unbändiger Freiheit. Bei Wharton, einer gottverlassenen Siedlung eine halbe Autostunde von El Bolsón entfernt, führt ein Pfad an dem rauschenden Río Azul entlang durch einen Wald hinauf ins Gebirge. Es geht über schwankende Hängebrücken, knorriges Wurzelwerk, durch das Geäst alter Südbuchen, von denen Flechten herabhängen wie lindgrünes Lametta. Schmetterlinge flattern. Türkis schimmert der kristallklare Fluss. Durch den Wald hallt das Klopfen eines Spechts. Durstig und nassgeschwitzt, wirft man an einem Felsen alles von sich ab, springt in den Fluss, taucht ein und trinkt beim Tauchen das Wasser. Hinterher liegt man auf Moos und denkt: So muss es gewesen sein, als die Welt noch schöpfungsbelassen dalag.
Vielleicht war das der Grund, warum Mariano Monasterio vor zwölf Jahren hier hochstapfte und unterhalb des zweitausend Meter hohen Cerro Dedo Gordo an einer Lichtung neben einem Bach ein Blockhaus errichtete. Unter der Wollmütze des Achtundvierzigjährigen steckt ein kahlgeschorener Schädel, er hat braune Augen und Hände wie Schaufeln. Er ist so stämmig, dass er locker Bäume ausreißen könnte. Vielleicht hat er das auch getan. Gerade treibt er zwei Stiere an, die Baumstämme aus dem Wald ziehen. Mariano Monasterio baut an. Er vergrößert seine Berghütte. Neuerdings übernachten so viele Gäste bei ihm, da genügen die zehn Schlafplätze nicht mehr. Seine Hütte liegt auf einem Wanderweg, der hinaufführt zum See Lahuan. In der Küche ertönt aus dem solarbetriebenen Rekorder sanfter Blues. Kerzen flackern. Die Holzbänke sind mit Schaffellen bespannt, von Balken hängen verrußte Töpfe und Tassen.
Nachts kommt der Puma
Drei Jahre lang habe er an der Hütte gebaut, er sei Schreiner, Klempner, Hüttenwirt, er backe Brot und braue sein eigenes Bier, sein "refugio" sei ein Einmannkomplettbetrieb, sagt er und saugt mit der Bombilla, dem blechernen Trinkhalm, Mate-Tee aus einem selbstgeschnitzten Napf. Nach jedem vierten Zug gießt er heißes Wasser in den Napf. So geht das eine Stunde lang. Alles, was auf der Hütte benötigt wird, transportiert er auf zwei Pferden aus dem Tal herauf. Das Leben hier oben auf siebenhundertfünfzig Metern mitten im Wald sei ganz wunderbar, "nur ein bisschen einsam vielleicht, vor allem im Winter". Er schnitze dann Holzfiguren und höre Radio. Und manchmal, wenn sich wieder ein Puma herumtreibe, so wie dieses Jahr, schaut er im Pferdestall und im Wald nach dem Rechten. Dem Nachbar habe der Puma sieben Schafe gerissen. Natürlich besitze er ein Gewehr, aber Pumas ließen sich auch mit einem lauten Schrei vertreiben. So seien die Pumas hier.
Kurz bevor alle Sterne des Südens funkeln und man einen Wolf von einem Puma nicht mehr unterscheiden kann, kommen zwei Reiter angeritten. Es sind Freunde Marianos aus El Bolsón. Nein, sie machen keinen Urlaub, es sei ein Spaziergang. Sie wollen noch heute Nacht zurück. Sie haben Wein mitgebracht, Mate und Steaks, so groß wie eine Pizza. Petroleumlampen leuchten. Aus den Fenstern ergießt sich pures Gold in die Dunkelheit. Auf Tellern liegen Brot- und Fleischreste. Die beiden Freunde satteln die Pferde. Hufe trappeln, sie reiten zurück in den Wald. Mariano Monasterio stopft sich eine Pfeife. Ob er sich vorstellen könne, je wieder nach Buenos Aires zu ziehen, zurück in seine Heimatstadt? Paffend steht er auf der Veranda und blickt hinaus in die sternenbeleuchtete patagonische Nacht. Ihm ist selbst El Bolsón zu laut.
Anreise: Unter anderem mit Lufthansa oder Air France nach Buenos Aires. Weiter mit Aerolineas Argentinas nach Río Gallegos oder San Carlos de Bariloche und dann mit dem Bus nach El Bolsón.
Feria Artesanal: Die Kunsthandwerksmesse findet jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 10 bis 15 Uhr statt, im Dezember und Januar auch sonntags.
Wandern: Bei Wharton beginnt ein Rundwanderweg, der in vier Tagen zu schaffen ist. Unterwegs gibt es vier bewirtete Hütten, die Übernachtung kostet etwa acht Euro.
Information: Argentinisches Fremdenverkehrsbüro, Adenauerallee 52, 53113 Bonn, Telefon: 0228/228010, Internet: www.turismo.gov.ar und www.argentinaturismo.com.ar.