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Österreich : Hopfen und Malz erleichtern die Balz

Das Skigebiet von Ischgl bietet genügend Gelegenheit zum Austoben - was aber noch lange nicht bedeutet, dass man nach Liftschluss die Füße stillhält. Bild: Picture-Alliance

Nirgendwo wird das Après-Ski exzessiver gefeiert als in Österreich. Und kein anderer Ort hat es so perfektioniert wie Ischgl. Doch wer glaubt, das Tiroler Bergdorf könne nur Party machen, unterschätzt es.

          Die Verwandlung des Ischgler Skifahrers vom Pistengourmet zum Partymonster vollzieht sich mit gespenstischer Geräuschlosigkeit immer bei der letzten Talabfahrt. Eben noch hat er sich als Dr. Jekyll im Schnee oben auf der Silvretta in einem der gepflegtesten Skigebiete der Alpen ganz ohne Hüttenhalligalli körperlich ertüchtigt, um fünfzehn Minuten später unten als Mr. Hyde des exzessiven Après-Ski anzukommen und in Lokalen wie dem „Kuhstall“ direkt an der Talstation der Silvretta-Bahn außer Rand und Band zu geraten. Dieser Stall ist eine Krawallbude in Ballsaalgröße, die mit Tierhäuten, Melkutensilien und Milchkannenbarhockern ihrem Namen alle Ehre macht, allerdings nichts von der stillen Beschaulichkeit einer Milchviehunterkunft besitzt. Stattdessen dröhnt ein DJ die entfesselte Menge mit ballermannesker Schlagermusik von Interpreten zu, die sprechende Namen wie Nick Nackig, Tim Toupet oder Peter Wackel tragen und im Wesentlichen über den Beischlaf in stark alkoholisiertem Zustand singen. Auch sonst bewegt sich das Niveau des Amüsements auf der Ebene der lustigen Sinnsprüche in Reimform, mit denen das Lokal verziert ist. „Es pisst der Ochs, es pisst die Kuh, in meinem Herzen bist nur du!“, liest man in tadellosen Jamben, oder aber, rhetorisch nicht ganz so geschliffen: „Ach, wie tut das Herz mir weh, wenn ich vom Bierglas den Boden seh.“ Das Publikum beherzigt diesen Aphorismus pflichtschuldig, vermeidet also jeden kardiologischen Schmerz, so dass die Stimmung bombig, der Umsatz bombastisch und die bange Frage berechtigt ist, ob sich Mr. Hyde jemals wieder in den netten Dr. Jekyll zurückverwandeln wird.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ischgl ist ein Januskopf, so radikal bipolar wie Stevensons Held oder der habsburgische Doppeladler. Einerseits ist der Fünfzehnhundert-Seelen-Ort im Paznauntal Wiege und Welthauptstadt des Après-Ski mit dem höchsten Champagnerkonsum Österreichs, beginnt und beendet die Skisaison seit zwanzig Jahren größenwahnsinnig mit Konzerten von Superstars wie Elton John, Tina Turner, Kylie Minogue, Bob Dylan, Lionel Ritchie oder Mariah Carey und kennt keine Scheu, nach Liftschluss Go-Go-Girls auf dem Tresen tanzen oder in gleich vier Table-Dance-Bars die Hüllen fallen zu lassen. Andererseits ist Ischgl ein ganz normales Tiroler Bergdorf mit funktionierendem Gemeindeleben, das sich seine Seele vom Teufel des Kommerzes nach jedem Saisonende ziemlich unbeschadet zurückholt. Viel stolzer als auf die Stripperinnen sind die Ischgler auf ihren Schützen- und den Weihnachtskrippenverein, die freiwillige Feuerwehr und die hochaktive Landjugend, den Kirchenchor in Kompaniestärke und die größte Dorfmusikkapelle Tirols, die Tradition des Trachtennähens und die Beständigkeit des Viehbestandes, der seit dem Zweiten Weltkrieg stabil ist, weil fünf Dutzend Ischgler nebenbei noch immer Bergbauern sind.

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