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Bhutan : Am Tag, als der Schnee kam

Winterwunderland: Kälteeinbruch in den Bergen von Haa, eine Woche vor Frühlingsbeginn. Bild: Freddy Langer

Die Läden geschlossen, kein Unterricht in der Schule und kaum noch ein Auto unterwegs: Gestrandet in Haa, einem Weiler am äußersten Zipfel Bhutans.

          Wir wären zu zehnt gewesen. Ein kleiner Trupp. Fast schon eine Expeditionsmannschaft. Ein Träger, ein Koch, ein Hirte. Dazu Tashi, mein Guide, und ich. Außerdem fünf Pferde. Sie sollten das Gepäck schleppen. Zelte, Matratzen und Schlafsäcke, Küchenutensilien und Lebensmittel, für jeden einen Beutel mit Reservekleidung und was man sonst noch so braucht bei einer dreitägigen Wanderung in Höhen zwischen drei- und viertausend Metern. Nach dem Frühstück wäre es losgegangen, von Haa aus, einem Weiler im Haa-Tal nahe der Grenze zu China. Über einen historischen Pass wollten wir durch die Ausläufer des Himalajas bis Paro wandern.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Zumindest ein Gipfel unterwegs ragt ein Stück weit über siebentausend Meter in den Himmel. Auf Postkarten ist er schneebedeckt, während sich unten in sattem Grün eine liebliche Landschaft ausbreitet wie im deutschen Mittelgebirge. Viel davon gesehen hatte ich nicht. Am Vortag hatte es geregnet. Die Wolken hingen tief und schwarz zwischen den Flanken der Berge, und bevor wir über eine schaglochübersäte Piste mit Tausenden von Kurven unser Quartier erreicht hatten, war es Nacht geworden. Im Lichtkegel der Scheinwerfer waren nur noch Schilder mit Warnsprüchen zu erkennen gewesen, an denen wir im Schritttempo vorüberhockelten. „Speed thrills, but kills“ stand da etwa oder „After whisky, driving risky“.

          Am nächsten Morgen war alles weiß. Es hatte geschneit. Und es schneite noch immer. Dreißig Zentimeter hoch lag der Schnee bereits, der erste in diesem Jahr und der erste richtige Schneefall im gesamten Winter. Dabei waren es nur noch acht Tage bis zum Frühlingsbeginn. Die Angestellten im Hotel veranstalteten auf dem Parkplatz eine Schneeballschlacht, und aus dem Tal drang Kinderlachen herauf. Schneefall bedeutet schulfrei in Bhutan. Niemand ist darauf vorbereitet, nicht einmal im zweitausendsiebenhundert Meter hoch gelegenen Haa. Es gibt keine Räumfahrzeuge, keine Schneeschieber, auch keine Säcke mit Salz. Als der Fahrer eines Kleinbusses die Anlage verlassen wollte, kam der Wagen ins Rutschen und stellte sich im Tor des Hotels quer gegen die Wand. Dort würde er stehenbleiben und die Einfahrt blockieren, bis der Schnee geschmolzen war. Aber auf der Piste durch die Berge wäre er ohnedies nicht weit gekommen. Auf Tashis Mobiltelefon prasselten im Minutentakt Fotos von dramatischen Unfällen ein. Autos im Graben, Autos am Klippenrand, Autos auf dem Kopf. „We are stranded“, sagte er. „Wir stecken fest.“ Keine Wanderung. Und dann empfahl er mir, ausgiebig zu frühstücken und danach zu lesen, die hundert Kanäle im Fernsehen auszunutzen oder mit ihm und den anderen Guides Karten zu spielen. Das taten sie bis in die Nacht, und am Ende hatte Tashi umgerechnet dreißig Euro verloren. Aber er zuckte nur mit den Schultern. Er sei einmal in Singapur gewesen, auf Einladung eines seiner Gäste. Da habe er im Casino einiges mehr verloren. Sehr viel mehr, korrigierte er sich und nannte eine Summe, die ich kaum glauben konnte.

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