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Baikalsee : Der Gott des Sees nimmt uns gelassen hin

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Die Sonne so rot: Abendstimmung über dem Baikalsee Bild: Ulrike Maria Hund

Schamanen, Hüpfburgen und ein paar mutige Schwimmer im kalten Wasser: Der einst einsame Baikalsee in Sibirien entwickelt sich allmȁhlich zu einer Touristenregion.

          Als ich meinen Freunden erzähle, ich werde im Sommer an den Baikalsee fahren, ist die erstaunte Frage: Ist er nicht ausgetrocknet? – Sie haben ihn mit dem Aralsee verwechselt. Der Baikalsee liegt in Sibirien, stelle ich klar. Mit 1642 Metern ist er der tiefste See der Welt. Würde er ausfließen, wäre das ganze Festland der Erde zwanzig Zentimeter tief mit Süßwasser bedeckt. Daraufhin Schweigen, dann kommt zwangsläufig die nächste Frage: Hast du auch genügend Pullover dabei?

          Um es vorwegzunehmen: Die Pullover habe ich nicht gebraucht. Im Gegenteil, ich habe in Sibirien die heißesten Tage des letzten Sommers verbracht. Dennoch hatte auch ich Bedenken, als ich nach Jahren wieder an den Baikalsee zurückkehrte. Ist Listwjanka, das kleine Fischerdorf, wirklich so überlaufen, wie man sagt? Was ist aus der Insel Olchon geworden, diesem magischen Ort? Kann man immer noch zum Holzsammeln auf den Schienen der Baikaleisenbahn spazieren gehen? In Irkutsk den wunderschön geschnitzten Holzhäusern beim Zerfallen zusehen?

          Der Baikalsee ist mit 1642 Metern der tiefste See der Welt.

          Kurz nach der Wende war ich zum ersten Mal dort. In den Läden gab es damals weder Wurst noch Käse zu kaufen, dafür aßen wir wunderbare Fischpiroggen bei einer sibirischen Bauersfrau. Grillten Omul, den berühmten Baikalfisch, an einem Lagerfeuer am Strand. Duckten uns vor dem kalten Nordostwind hinter die sandigen Dünen am Strand und badeten trotzdem in den eiskalten Wellen. Und natürlich gossen wir ein paar Tropfen Wodka in den See, damit wir wiederkommen.

          Die größte Veränderung sind die Chinesen

          Nun lande ich also wieder in Irkutsk, dem Tor zum Baikalsee, der einzigen Stadt im Osten Sibiriens, die diesen Namen verdient – davon sind meine Freunde überzeugt. Gebaut wurde sie an den Ufern der Angara, des einzigen Stromes, der den Baikalsee Richtung Westen verlässt. Mit sechshunderttausend Einwohnern ist die Stadt nicht ganz so groß wie Frankfurt, ihre Ausdehnung beträgt jedoch ein Vielfaches.

          Burchan ist der Gott des Baikals, dem nicht nur Schamanen opfern.

          Vor knapp zweihundert Jahren wurden nach einem Aufstand gegen den Zaren aufständische Adlige in den Osten Sibiriens verbannt. Nach Jahrzehnten der Lagerhaft durften sich einige von ihnen in Irkutsk ansiedeln. Sie brachten die europäische Musik, Malerei, ganze Bibliotheken mit. Dann kam die sibirische Eisenbahn. Reiche Kaufleute errichteten mehrstöckige Holzhäuser mit prächtigem Schnitzwerk an Fenstern und Giebeln. Einen Teil dieser Häuser hat ein findiger Gouverneur vor ein paar Jahren im Zentrum abtragen und am Ufer der Angara wieder aufbauen lassen. Dort ist ein neuer Stadtteil entstanden mit Kneipen, Bars, einem Einkaufszentrum, Museen mit lokalem Brauchtum, einer Fußgängerzone. Die Irkutsker lieben dieses sibirische Disneyland. Es sei hier zwar teurer als im Zentrum, aber sicherer, erklärt mir eine Bekannte. Und wenigstens konnten so ein paar der alten Häuser gerettet werden. Die Kirchen wurden mit viel Gold renoviert. Eine Moschee gebaut. Auch die kilometerlange Uferpromenade an der Angara wurde saniert. Irkutsk hat einen neuen Flughafen bekommen. Aber für die Holzhäuser hat es nicht gereicht.

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