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Als Gourmet im Gebirge : Die Französin läuft immer am Baum vorbei

Nichts da mit Waldesruh’ - zumindest wenn der Specht auf der Suche nach einer neuen Klopfstelle durch die Vogesen fliegt. Bild: (c) Poinsignon and Hackel/Nature

In den Vogesen konzentriert man sich auf das, was im Übermaß vorhanden ist, weil es im Wald wächst. Und wie schmeckt eine Crème Brûlée mit Tannenbaumkruste? Erstaunlich gut.

          Zweihundert Kilo von Hand gepflückte Tannenzweige braucht Nicolas Thomas für seine Destillerie. Er füllt sie in einen großen Edelstahlzylinder, durch den Wasserdampf emporsteigt. Die Schwitzkur entzieht den Nadeln ihre ätherischen Öle, die am Ende dickflüssig in einen Glasbehälter tropfen. Ein betörender Duft durchzieht die „Ferme du Bien-Être“ in Gérardmer. Neben zahlreichen anderen Essenzen verkaufen Thomas und sein Kompagnon in der Scheune drei verschiedene Tannenöle: Douglasie riecht angenehm nach dem klassischen Badezusatz. Die Riesenfichte dagegen weist eine irritierende leichte Schweißnote auf, als sei es den Nadeln in der Destillerie ein bisschen zu warm geworden.

          Seit zwei Jahren füllt Nicolas Thomas diese Scheune mit Kräutertees, Lavendelseifen, Bärlauchpesto, Blaubeermarmelade und Gewürzmischungen. Er hat nicht einmal zwei Hektar Land, „eher einen großen Garten“, wie er sagt, aber er verwendet alles, was die Vogesen hergeben. Der Überfluss an Tannenbäumen spiegelt sich nicht nur in den kosmetischen Produkten wie der Tannenbaum-Körpercreme: Tannenbonbons werden in Blechdosen verkauft, und „Sirop de sapin“ steht zwischen Mirabellen- und Johannisbeersirup. Tannenbaum zum Trinken? Was für ein abwegiger Gedanke.

          Ein riesengroßer Flammkuchenofen

          Zumindest bis zum Aperitif im Garten des mondänen Grand Hôtel von Gérardmer. Der kleine Ort schmiegt sich in eine Kuhle der bewaldeten Hügel und an einen See, in dem die Einheimischen am frühen Abend planschend Abkühlung suchen. Die Jugend des Ortes läuft zwischen einem Beachvolleyballfeld und dem Ufer hin und her. Den anstrengenden Sport machen hier die Touristen: Mountainbiking, Skipisten und ein Triathlon im Herbst ziehen Bewegungsfreudige an. Viele von ihnen wissen gar nicht, dass sie nicht mehr im Elsass sind. Die Vogesen bilden die Grenze zwischen zwei Regionen, von denen die eine den Deutschen als begehrenswerter großer Flammkuchenofen gilt und die andere lediglich mit Verdun in Verbindung gebracht wird. Lothringen ist stolz auf seine Johannisbeeren, Mirabellen - und eben auf die Tannen, die hier in Form von Likör mit Prosecco als Kir gereicht werden.

          Rauhes Idyll mit gelegentlichen Weinreben: Die Schönheit der Vogesen erschließt sich erst auf den zweiten Blick.
          Rauhes Idyll mit gelegentlichen Weinreben: Die Schönheit der Vogesen erschließt sich erst auf den zweiten Blick. : Bild: Lena Bopp

          Das Damengrüppchen, dem ich angehöre, reagiert anfangs skeptisch auf das grüne Getränk. Lothringen hat sich Frauen als besondere Zielgruppe auserkoren. Dafür muss die Region den Anblick all der schwitzenden Freizeitsportler in hautengen Lurexanzügen, die auf ihren Fahrrädern die Serpentinen bevölkern, allerdings erst ausgleichen. Gemäß in Bars durchgeführter Geschlechterforschung müsste alles, was blubbert, dafür besonders gut geeignet sein. Der Kir au Sapin jedenfalls tut seinen Dienst: Widerstandslos probieren wir anschließend auch noch die Crème Brûlée, deren Kruste ebenfalls nach Tannennadeln schmeckt. Und zwar wider Erwarten ganz hervorragend.

          Wir nehmen die Energie des Baumes auf

          Sogar Wein lässt sich aus Tannen produzieren. Zumindest, wenn man es so sehr will wie Fabrice Chevrier. In La Bresse stellt er verschiedene Fruchtweine her, die sich allerdings von Traubenweinen durch besonders großzügige Nachzuckerung unterscheiden. Rhabarber, Ingwer, Tannenbaum - sogar vor Heu macht Chevrier nicht halt. „Dem Heu fehlt es allerdings nicht nur an Zucker, sondern auch an Säure für die Gärung“, erklärt er. „Deshalb füge ich auch noch Zitronensaft hinzu.“ Die Aromen sind deutlich erkennbar in den Cuvées, wie er das Getränk aus lebensmitteltechnischen Gründen nennen muss. Der Zucker allerdings auch - der Gedanke an Kopfschmerz und Sodbrennen macht sich noch vor dem Gefühl erster Beschwipstheit im Kopf breit. Mit herkömmlichem Wein hat die Kombination aus Zitrone und raffiniertem Zucker eben nicht viel zu tun.

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