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Alles zu Fuß Weltumrundung

 ·  Eine Handvoll Häuser um eine Kirche herum, mehr hat das nordfriesische Dorf Welt kaum zu bieten. Eine Umrundung allerdings hat ihre Tücken - und Überraschungen.

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© Freddy Langer Großer Name für einen kleinen Ort: Welt

“Das war mal eine Gurke“, sagte Reinhard Wolter, während ich mit der Hand über das vertrocknete Gemüse strich. Jemand hatte Schuppen in den langen Körper geschnitzt, dazu zwei Augen, groß und rund und ein wenig traurig dreinblickend. „Zwölf Euro“, sagte Reinhard Wolter noch, dann tappte er in seiner Latzhose zurück zu der Wohnzimmeruhr, die er in seiner Werkstatt in tausend Teile zerlegt hatte. Und ich sah in Gedanken einen nordfriesischen Fischer an einem kalten Wintertag in der kleinen Stube seiner kleinen Kate sitzen, mit einem Messer in der Hand und der getrockneten Gurke auf dem Schoß, wie er sich die Zeit damit vertrieb, das knochenharte Stück Gemüse in einen Fisch zu verwandeln.

Die Wurst und der Windstoß

Reinhard Wolter hat einen kleinen Antiquitätenladen in Welt. „Gegenüber der Kirche“ lautet die Adresse. Je nachdem, woher man kommt, ist es das zweite oder das vorletzte Haus des Orts. Man könnte aber auch sagen, dass sein Laden mitten im Zentrum liegt. Denn besonders groß ist Welt nicht gerade. Wir hatten das Dorf einmal umrundet oder besser: umrunden wollen, immer wieder jedoch landeten wir vor irgendwelchen Entwässerungskanälen, die schnurgerade zwischen die Kuhweiden gezogen sind und, dem Lärm nach zu urteilen, ganzen Rudeln von Fröschen als Heimat dienen. Aber die Hindernisse hatten uns den Spaß an unserer Expedition ebenso wenig nehmen können wie der Wind, der von der Nordsee her so heftig über das Land blies, dass er bei unserem Picknick zwischen Kühen und Schilf die Wurstscheiben vom Brötchen hob.

Etwa zweihundertdreißig Einwohner zählt der Ort. Glaubt man den Fahnen in den Vorgärten der Handvoll hübscher Häuser, stammen nicht alle von der Halbinsel Eiderstedt, auf der sich Welt zwischen Tönning und St. Peter-Ording unter einer viel zu großen Backsteinkirche versteckt. Neben der nordfriesischen Flagge mit den drei Segelschiffen knatterten dort die Fahnen von Schweden und Berlin sowie die des HSV im Wind. Menschen jedoch begegneten wir fast gar nicht, als wir eine Straße hoch, eine Straße quer und eine Straße zurück zu unserem Auto liefen. Eine Frau führte ihren Hund aus. Das war’s. Dabei sah der Ort so adrett aus, als wären unentwegt ganze Horden von Gärtnern damit beschäftigt, alles in Form zu halten. „Reet - Kein Blech“ warb ein Dachdecker auf seinem Lastwagen für sein Unternehmen. So denkt man hier ganz augenscheinlich. Und auf einem Schild an der Bushaltestelle konnte sich die Stadtverwaltung den Hinweis nicht verkneifen, dass die Welt ein Dorf sei. Auch so denkt man hier. Die Kinder hatten die Redensart noch nie gehört und mussten lachen.

Der Fisch und das Fensterbrett

Als wir zum wiederholten Mal bis zum Knöchel in den feuchten Weiden einsanken, begann es zu regnen. Und weil das einzige Lokal im Ort, der Kirchspielkrug, Ruhetag hatte, flüchteten wir uns in den Laden von Reinhard Wolter. Den Fisch, sagte er, da hatten wir ihn schon bezahlt, habe er von einem Zugezogenen gekauft. Der habe ihn aus Mexiko mitgebracht. Jetzt liegt er bei uns auf dem Fensterbrett, und wenn Besuch fragt, woher wir ihn haben, sagen wir, er sei ein Andenken an unsere Weltumrundung.

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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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