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Veröffentlicht: 06.05.2017, 10:48 Uhr

Alaska Das Gold schwimmt jetzt im Glas

Ihren Namen verdankt sie einem trinkenden Gauner und ihre Existenz einer Laune des Schicksals. Mit beidem hat sich Alaskas unbekannte Hauptstadt Juneau abgefunden – und lebt zufrieden in einsamer Wildnis.

von Frank Rumpf
© Frank Rumpf Mal kleiner, mal größer: Der kalbende Taku-Gletscher im Süden Juneaus, der größte Auslassgletscher des Eisfelds, nimmt dann und wann auch zu.

Am Hafenpier begrüßt ein Schild aus regennassen Holzplanken die Gäste und weist fast trotzig auf die Funktion des Kaffs als Hauptstadt hin: „Welcome to Juneau, Alaska’s Capital City“. Im Hintergrund schaukelt eine putzige rote Gondel den tausend Meter hohen Mount Roberts empor, Möwen stürzen sich auf Reste eines Fischbrötchens. Nicht etwa Anchorage mit seinen Ölkonzernen und Hochhäusern ist der Regierungssitz des größten Bundesstaates der Vereinigten Staaten, sondern das Dreiunddreißigtausend-Einwohner-Städtchen in den tiefen Regenwäldern des Südostens von Alaska. Keine Straße führt hierher.

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Juneau, das mit seinen bunten Häusern am tannengrünen Wasser des Gastineau-Kanals wie aus Skandinavien herbeigeweht wirkt, erreicht man nur vom Wasser aus oder aus der Luft. Die Lokalzeitung „Juneau Empire“ hat eine Auflage von viertausendfünfhundert Exemplaren und hebt statt Trump aus dem fernen Washington ein ortsansässiges Ungeheuer auf die Titelseite: „Face to Face with a Bear“. Eine cholerische Braunbärin hat einen jungen Wanderführer ins rechte Bein gebissen. Das sind die Nachrichten, die in Juneau zählen.

Fast wie das Rheintal, nur mehr Wind

Einst hatte Sarah Palin hier ihren Dienstsitz. Die ehemalige Gouverneurin von Alaska wurde 2008 bekannt als Kandidatin für das Vizepräsidentenamt. In Fernsehdebatten fiel sie nicht nur durch ihre Liebe zu Feuerwaffen und konservativen Familienwerten auf, sondern auch mit seltsamen geographischen Zuordnungen. Afghanistan hielt sie für ein Nachbarland der Vereinigten Staaten und Nordkorea für einen Verbündeten. Juneau liegt eben weit weg vom Rest der Welt. Es liegt allerdings auch sehr schön, mitten in einer Insel- und Fjordlandschaft, der Inside Passage, die das nordamerikanische Festland vom rauhen Golf von Alaska trennt. Im Sommer landet fast eine Million Passagiere mit Kreuzfahrtschiffen am Pier an, stürmt die Souvenirgeschäfte und besichtigt das wenig repräsentative Kapitol.

46239544 © AP Vergrößern Die größten Gebäude sind die Kreuzfahrtschiffe: Eine Million Passagiere spucken sie jedes Jahr aus.

Der schmale Gastineau-Kanal, eine dreißig Kilometer lange, aber nur anderthalb Kilometer breite Meerenge, an deren Ufern sich die Stadt erstreckt, ist von hohen, steilen Bergen umgeben. Man fühlt sich an das Rheintal erinnert, in vergrößertem Maßstab und aufgrund der Einsamkeit mindestens doppelt so verwunschen. Gleich hinter der Stadt beginnt das Juneau Icefield, eine gewaltige Kappe aus Eis, fast anderthalbmal so groß wie das Saarland. Die frostigen Winde, die vom Eis herab wehen, spürt man selbst an warmen Sommertagen auf den Straßen Juneaus. Im Herbst und im Winter rasen Stürme darüber hinweg, die mehr als zweihundert Stundenkilometer erreichen. Vor einigen Jahren wurden Messgeräte auf den Berggipfeln installiert. Sie sollten erforschen, wie stark die Winde wirklich brausen. Der nächste Sturm kam, die Messgeräte schlugen bis zum Anschlag aus, dann rissen sie aus ihrer Verankerung und segelten auf Nimmerwiedersehen davon.

„Steht der Bär auf Old Spice, sind Sie dran!“

Mehr als dreißig Gletscher speisen sich aus der Eiskappe. Einer ist der Mendenhall, der Hausgletscher der Stadt. Nach Souvenirgeschäften und Kapitol ist er die beliebteste Attraktion und kann sich rühmen, Amerikas einziger „Drive-in“-Gletscher zu sein. Juneau ist zwar nicht mit dem Auto erreichbar, doch ein Straßennetz gibt es, sogar eine Autobahn: den sechzig Kilometer langen Highway 7. Nördlich der Stadt führt er über die Glacier Spur Road direkt zur blauweißen Eiszunge des Mendenhall.

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