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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Afternoon Tea Königliche Vergnügungen für alle Stände der Gesellschaft

 ·  Afternoon Tea ist in London keine Touristenfolklore, sondern eine hoch seriöse Tradition. Man muss allerdings wissen, wo man hingeht, um Enttäuschungen zu vermeiden - und Überraschungen zu erleben.

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© Brown's Hotel Das vermutlich heimeligste Kaminfeuer gibt es in Brown’s Hotel. Andere Orte haben andere Vorzüge - sensationelle Kuchen oder die Nähe zu den Royals.

Mit dem Afternoon Tea in London verhält es sich wie mit dem Singapur Sling in Singapur oder dem Bellini in Venedig: Man sucht ewig und vergeblich nach dem Original, wird dabei über den Tisch gezogen und mit vorgemischter Industrieware abgefüllt, die dem Gaumen keine Freude macht - bis man dann ganz unverhofft auf etwas stößt, dessen Qualität die Legende erklärt. Auch die englische Hauptstadt bietet noch immer ihre Adressen, bei denen sich Kenner sich zu einem echten, guten Afternoon Tea treffen.

Angeblich meditierte im Jahr 2737 vor Christus der chinesische Kaiser Shen Nung unter einem wilden Teebaum, als einige Blätter in seine Schale mit heißem Wasser fielen. Seine Majestät war berauscht und entzückt. Seitdem trinkt man Tee, der es in den vergangenen fast fünftausend Jahren sogar zum beliebtesten Getränk der Welt gebracht hat. Er belebt oder beruhigt, je nach Wahl der Blätter und deren Aufenthaltsdauer im heißen Wasser. Der üppige Afternoon Tea aber, der zwischen gefühlt drei und fünf Uhr am Nachmittag Köstlichkeiten wie hauchdünne Fingersandwiches mit extravagantem Belag und Scones mit dicker Sahne und Erdbeermarmelade verspricht, ist weit weniger asketischen Ursprungs. Im frühen achtzehnten Jahrhundert wurde Anna, die Herzogin von Bedford, zwischen einem üppigen, aber viel zu frühen English Breakfast, und endlosen, erst in den späten Abendstunden beginnenden Soupers von Hunger gequält. Zuerst ließ sie sich heimlich aus der Küche - „downstairs“ nennen die feinen Briten die Dienstbotengefilde euphemistisch - ein gut gefülltes Tablett nach „upstairs“ bringen, wo Lord und Lady herrschten. Dann aber gesellten sich ihre Freunde dazu. Der Afternoon Tea war geboren, zog aus dem herzoglichen Boudoir in den Salon und wurde gesellschaftsfähig.

Battenberg-Torte oder Osmanthus-Blüten

Diesem Ursprung des Afternoon Tea fühlt man sich im Dean Street Townhouse des noch immer ein wenig skandalumwobenen Londoner Stadtteils Soho nahe. Serviert wird im sogenannten Ante-Room Boudoir, das vage an die Ankleide einer nicht ganz ehrenwerten Dame erinnert - wie sie draußen vor der Tür noch immer stehen. Das Ambiente ist sicher der größte Pluspunkt dieses Etablissements. Der klassische Townhouse Tea bietet für sechzehn Pfund solide gemachte Sandwiches mit schottischem Lachs und eine wunderbar altmodische Kuchenauswahl, zum Beispiel eine Battenberg-Torte. Der Tee ist dunkel und kräftig und wird nach Verlangen nachgeschenkt. Erholt von einer möglichen Musical-Matinee und den Marktschreiern, hat man nun wieder Kraft zum Erforschen der zahllosen kleinen Gassen, die sich bis nach Chinatown erstrecken.

Allerdings findet man den besten Afternoon Tea à la chinois nicht dort zwischen Shaftesbury Avenue und dem Trafalgar Square, sondern im Grand Imperial Restaurant des aufwendig renovierten Dorchester Hotel an der Buckingham Palace Road. Hier muss man den Afternoon Tea nicht auf Toasts und klassische Kuchen beschränken, denn die Chefs bieten speziell für diese Gelegenheit erdachte Dim-Sum-Kreationen an. Sie sind süß oder salzig, wobei am überraschendsten ohne Zweifel die Meisterwerke aus Schokolade sind. Der wahre Höhepunkt des Besuches aber ist der unlimitierte Fluss von feinstem chinesischen Tee, der von Blättern mit frischem, blumigen Geschmack bis hin zu einer gegorenen Version aus Yunnan reicht. Ein Tee aus Osmanthus-Blumen soll sogar Wunder wirken und für einen Porzellanteint sorgen. Darin möchte man am liebsten baden. Das Vergnügen kostet, ein Glas Rosé-Champagner inbegriffen, 28 Pfund.

Lieber verschleiert als nackte Schultern

Das Dorchester ist natürlich nicht das einzige große Londoner Hotel, das zum Afternoon Tea bittet. Alle großen Namen von Ritz bis Savoy bieten am Nachmittag zierliche Canapés, sahnige Törtchen und einen halb in Trance musizierenden Harfenspieler oder Pianisten. Der König unter den Klassikern des Afternoon Tea ist und bleibt das Claridge’s, das auch in diesem Jahr wieder für seine Teatime mit Preisen ausgestattet wurde. Das Hotel nahe der eleganten Bond Street gibt seinen Gästen schon durch seine elegante Atmosphäre das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben. Keine nackten Schultern und keine Flipflops fordert die Website bei der Reservierung. Dafür bietet das Hotel eine Momentaufnahme derer, die unsere Welt heute finanziell beherrschen: elegant und teuerst gewandete Chinesinnen; Verschleierte und mit Gold behängte Khalifas; dünne, blasse russische Oligarchen, für deren bullige Leibwächter der Begriff „Schrank von Mann“ neu definiert werden muss. Der Kellner weiß alles über die reiche gebotene Teeauswahl, angefangen bei der sehr originellen englischen Sorte, die in den vergangenen sieben Jahren unter strenger Geheimhaltung auf der Tregothnan Plantage in Cornwall gewachsen ist, bis hin zur Marco-Polo-Mischung aus chinesischen und tibetischen Blüten, die einen ruhigen Geist und eine zufriedene Seele verspricht. Zusammen mit einem Glas Champagner zahlt man zwar zwischen 49 und 62 Pfund, dennoch: Wenn es was zu feiern gibt, dann muss es das Claridge’s sein.

Wer sich um seine Taille sorgt, dem sei das Tea-Tox des Brown’s Hotel empfohlen. Ohne Zucker, mit nur geringem Gehalt an Kohlenhydraten und so gut wie fettfrei zubereitet, schlemmt es sich hier mit gutem Gewissen. Statt Sandwiches wird dunkles Vollkornbrot mit geräucherter Makrele und Wachteleiern serviert, während an die Stelle von Scones Fruchtspieße treten, zu denen Joghurt mit Honig als Dip von der höchst aufmerksamen Bedienung gereicht wird. Das Brown’s ist vor allem in den Wintermonaten ein Lieblingsort. Denn nirgendwo sonst in London brennen die Kaminfeuer so heimelig wie in seinem English Tea Room. Die Preise liegen hier zwischen 37 und fünfzig Pfund pro Person.

Peoplewatching an der Kings Road

Wenn es die Wintersonne gut mit den Menschen meint, sind die kleinen runden Tische der Gallery Mess im Saatchi Museum am Duke of York Square nahe der Kings Road heiß begehrt. Das Café wirkt wie die entspannte, englische Schwester des Pariser Cafés Marly, das zwischen den Säulen des Louvre beheimatet ist. Fabelhaftes „peoplewatching“ während des Afternoon Tea ist im Schnäppchenpreis von siebzehn Pfund für zwei Personen inbegriffen. Hier sind noch immer die hübschesten Mädchens Londons unterwegs - kein Wunder, denn die Kings Road ist wieder die Hauptstraße des glamourösen Eurotrashs, und bei gutem Wetter stehen Ferraris, Maseratis und Lamborghinis Stoßstange an Stoßstange. Der Afternoon Tee fällt nicht allzu üppig, doch ausreichend aus. Originell sind die kleinen Stamperl-Gläser voll verspieltem Pimms Jelly, der von frischen Erdbeeren gekrönt wird, und sündig die kleinen Backsteine vom viellagigen, schaumigen Schokoladenkuchen.

Um einen der beiden Tische vor dem Chelsea Teapot weiter unten an der Kings’ Road zu bekommen, muss man Glück haben. Nicht schlimm, wenn es nicht klappt, denn innen macht das Café seinem Namen alle Ehre und dem Zitat von Tom Hanks als Forrest Gump, das Leben sei wie eine Pralinenschachtel, Konkurrenz. Der ganze Laden erinnert an eine altmodische Konfiserie oder eine sehr bunte Puppenstube. Der Afternoon Tea wird für achtzehn Pfund gereicht, die Teesorten stammen allesamt aus dem renommierten House of Dammann. Serviert wird alles auf scheinbar zufällig, aber eben doch mit viel Sorgfalt zusammengestelltem, alten Porzellan vom Flohmarkt. Bunte Cupcakes sehen auf einem antiken, dreistöckigen Kuchentablett aus wie Spielzeug, und zu den im Haus gebackenen Scones wird ebenfalls selbstgemachte Erdbeermarmelade mit münzgroßen Fruchtstücken darin gereicht. Voller Charme und doch entspannt, ist der Chelsea Teapot für Geburtstage und Kindergeburtstage gleichermaßen beliebt - unbedingt vorbestellen!

Deckenhoch gestapelte Kuchen mit Kate

Sollte das Londoner Wetter seinem schlechten Ruf alle Ehre machen, empfiehlt sich die Orangerie des Kensington Palace. Man kann hier zwar nicht, wie sonst üblich, für den Afternoon Tea reservieren, aber an einem Wochentag sollte ein Tisch problemlos zu bekommen sein. Ansonsten heißt es Schlange stehen, was ja eine andere große britische Tradition ist. Hier hat früher Queen Anne ihre Gäste bewirtet und ihren Orangen- und Zitronenbäumen Schutz vor dem britischen Winter geboten. Tee wie bei Königs? Die großartige Lage mitten im Grünen, nahe den Shopping-Adern von Notting Hill und der Kensington High Street lässt nichts zu wünschen übrig. Bestellen sollte man unbedingt den Enchanted Palace Tea für knapp achtzehn Pfund und ihm noch eine freie Auswahl der deckenhoch zur Pyramide gestapelten Kuchen hinzufügen. Und wer weiß, vielleicht taucht ja tatsächlich ein Mitglied des Königshauses auf, vielleicht sogar Kate, deren Apartment nur einen Steinwurf entfernt liegt. Da, die schlanke Brünette mit dem tief ins Gesicht gezogenen Hut und dem quirligen schwarzen Terrier, ist sie das nicht? Wohl kaum. Vielmehr steigt einem der Tee genauso zu Kopf wie einst Kaiser Shen Nung.

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