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Afternoon Tea Königliche Vergnügungen für alle Stände der Gesellschaft

Afternoon Tea ist in London keine Touristenfolklore, sondern eine hoch seriöse Tradition. Man muss allerdings wissen, wo man hingeht, um Enttäuschungen zu vermeiden - und Überraschungen zu erleben.

© Brown's Hotel Vergrößern Das vermutlich heimeligste Kaminfeuer gibt es in Brown’s Hotel. Andere Orte haben andere Vorzüge - sensationelle Kuchen oder die Nähe zu den Royals.

Mit dem Afternoon Tea in London verhält es sich wie mit dem Singapur Sling in Singapur oder dem Bellini in Venedig: Man sucht ewig und vergeblich nach dem Original, wird dabei über den Tisch gezogen und mit vorgemischter Industrieware abgefüllt, die dem Gaumen keine Freude macht - bis man dann ganz unverhofft auf etwas stößt, dessen Qualität die Legende erklärt. Auch die englische Hauptstadt bietet noch immer ihre Adressen, bei denen sich Kenner sich zu einem echten, guten Afternoon Tea treffen.

Angeblich meditierte im Jahr 2737 vor Christus der chinesische Kaiser Shen Nung unter einem wilden Teebaum, als einige Blätter in seine Schale mit heißem Wasser fielen. Seine Majestät war berauscht und entzückt. Seitdem trinkt man Tee, der es in den vergangenen fast fünftausend Jahren sogar zum beliebtesten Getränk der Welt gebracht hat. Er belebt oder beruhigt, je nach Wahl der Blätter und deren Aufenthaltsdauer im heißen Wasser. Der üppige Afternoon Tea aber, der zwischen gefühlt drei und fünf Uhr am Nachmittag Köstlichkeiten wie hauchdünne Fingersandwiches mit extravagantem Belag und Scones mit dicker Sahne und Erdbeermarmelade verspricht, ist weit weniger asketischen Ursprungs. Im frühen achtzehnten Jahrhundert wurde Anna, die Herzogin von Bedford, zwischen einem üppigen, aber viel zu frühen English Breakfast, und endlosen, erst in den späten Abendstunden beginnenden Soupers von Hunger gequält. Zuerst ließ sie sich heimlich aus der Küche - „downstairs“ nennen die feinen Briten die Dienstbotengefilde euphemistisch - ein gut gefülltes Tablett nach „upstairs“ bringen, wo Lord und Lady herrschten. Dann aber gesellten sich ihre Freunde dazu. Der Afternoon Tea war geboren, zog aus dem herzoglichen Boudoir in den Salon und wurde gesellschaftsfähig.

Battenberg-Torte oder Osmanthus-Blüten

Diesem Ursprung des Afternoon Tea fühlt man sich im Dean Street Townhouse des noch immer ein wenig skandalumwobenen Londoner Stadtteils Soho nahe. Serviert wird im sogenannten Ante-Room Boudoir, das vage an die Ankleide einer nicht ganz ehrenwerten Dame erinnert - wie sie draußen vor der Tür noch immer stehen. Das Ambiente ist sicher der größte Pluspunkt dieses Etablissements. Der klassische Townhouse Tea bietet für sechzehn Pfund solide gemachte Sandwiches mit schottischem Lachs und eine wunderbar altmodische Kuchenauswahl, zum Beispiel eine Battenberg-Torte. Der Tee ist dunkel und kräftig und wird nach Verlangen nachgeschenkt. Erholt von einer möglichen Musical-Matinee und den Marktschreiern, hat man nun wieder Kraft zum Erforschen der zahllosen kleinen Gassen, die sich bis nach Chinatown erstrecken.

Allerdings findet man den besten Afternoon Tea à la chinois nicht dort zwischen Shaftesbury Avenue und dem Trafalgar Square, sondern im Grand Imperial Restaurant des aufwendig renovierten Dorchester Hotel an der Buckingham Palace Road. Hier muss man den Afternoon Tea nicht auf Toasts und klassische Kuchen beschränken, denn die Chefs bieten speziell für diese Gelegenheit erdachte Dim-Sum-Kreationen an. Sie sind süß oder salzig, wobei am überraschendsten ohne Zweifel die Meisterwerke aus Schokolade sind. Der wahre Höhepunkt des Besuches aber ist der unlimitierte Fluss von feinstem chinesischen Tee, der von Blättern mit frischem, blumigen Geschmack bis hin zu einer gegorenen Version aus Yunnan reicht. Ein Tee aus Osmanthus-Blumen soll sogar Wunder wirken und für einen Porzellanteint sorgen. Darin möchte man am liebsten baden. Das Vergnügen kostet, ein Glas Rosé-Champagner inbegriffen, 28 Pfund.

Lieber verschleiert als nackte Schultern

Das Dorchester ist natürlich nicht das einzige große Londoner Hotel, das zum Afternoon Tea bittet. Alle großen Namen von Ritz bis Savoy bieten am Nachmittag zierliche Canapés, sahnige Törtchen und einen halb in Trance musizierenden Harfenspieler oder Pianisten. Der König unter den Klassikern des Afternoon Tea ist und bleibt das Claridge’s, das auch in diesem Jahr wieder für seine Teatime mit Preisen ausgestattet wurde. Das Hotel nahe der eleganten Bond Street gibt seinen Gästen schon durch seine elegante Atmosphäre das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben. Keine nackten Schultern und keine Flipflops fordert die Website bei der Reservierung. Dafür bietet das Hotel eine Momentaufnahme derer, die unsere Welt heute finanziell beherrschen: elegant und teuerst gewandete Chinesinnen; Verschleierte und mit Gold behängte Khalifas; dünne, blasse russische Oligarchen, für deren bullige Leibwächter der Begriff „Schrank von Mann“ neu definiert werden muss. Der Kellner weiß alles über die reiche gebotene Teeauswahl, angefangen bei der sehr originellen englischen Sorte, die in den vergangenen sieben Jahren unter strenger Geheimhaltung auf der Tregothnan Plantage in Cornwall gewachsen ist, bis hin zur Marco-Polo-Mischung aus chinesischen und tibetischen Blüten, die einen ruhigen Geist und eine zufriedene Seele verspricht. Zusammen mit einem Glas Champagner zahlt man zwar zwischen 49 und 62 Pfund, dennoch: Wenn es was zu feiern gibt, dann muss es das Claridge’s sein.

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Veröffentlicht: 08.01.2013, 15:50 Uhr