Home
http://www.faz.net/-gxm-16p6z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußballfreie Zone: Die Sommerserie des Reiseblatts Hier rollt kein Ball

 ·  Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wir sind rettungslose Fußballfans und freuen uns auf die bevorstehenden vier Weltmeisterschaftswochen wie Kinder auf Weihnachten. Fußball wird auch unser Leben sein und unsere Welt regieren.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Doch so geht es seltsamerweise nicht allen sieben Milliarden Erdenbewohnern. Manche Menschen empfinden dieses Regiment als Tyrannei und werden um jede Fußballverschnaufpause froh sein, die länger dauert als die fünfzehn Minuten zwischen zwei Halbzeiten. Sie werden es schwer haben, denn die EM 2008 und die WM 2006 haben Exempel statuiert, die sich 2010 mit Sicherheit wiederholen werden: Fußball beherrschte in jenen Wochen so unangefochten den öffentlichen Raum und das öffentliche Leben, wie es nie zuvor ein Sport-Großereignis getan hatte. Die Geräuschkulisse aus den Stadien wurde zum Grundrauschen unserer Existenz, das Grün des Rasens zur allgegenwärtigen Hintergrundfarbe unseres Alltags. In fast jeder Kneipe lief der Fernseher, an Hunderttausenden Autos flatterten Fahnen, und das Nationalmannschaftstrikot avancierte zum Mao-Anzug der Nation im Fußballfieberwahn.

Vom Klosterurlaub bis zum Mekong-Delta

All jenen, die noch bei guter Gesundheit und klarem Verstand sind, bietet das Reiseblatt Asyl in seiner Sommerserie, die während der Weltmeisterschaft erscheinen wird. Sie beschreibt lauter Orte, in denen Fußball - aus ganz unterschiedlichen Gründen - keine oder nur eine periphäre Rolle spielt, fußballfreie Zonen also in einer fußballverrückten Welt. Den Auftakt macht heute ein Porträt des gepflegtesten Rasens überhaupt, der die Universität von Cambridge ziert und der seit Jahrhunderten manikürt wird - allein der Gedanke, auf diesem edlen Grün Fußball zu spielen, ist eine Todsünde. Eine weitere Folge beschreibt die Fußballflucht hinter Klostermauern in ein stilles Universum, in dem es einen richtigen Gott statt falscher Fußballgötter gibt. Ein dritter Artikel beschäftigt sich mit dem Zwergstaat San Marino, dem letzten der Fifa-Weltrangliste, also dem Land, in dem ganz offiziell der schlechteste Ball der Erde gespielt wird. Dann geht es in den tiefsten Tann des Schwarzwaldes, um als einsamer, der Welt entsagender Freizeitholzfäller eine Blockhütte zu bauen, und danach nach Irland, das nur wegen eines irregulären Treffers des Franzosen Thierry Henry in der Nachspielzeit des Relegationsrückspiels die Qualifikation für Südafrika verpasste; dass dort irgendjemand den Schmerz erträgt, in diesen Tagen Fußball zu schauen, scheint ausgeschlossen und wird bei Kneipengängen verifiziert. Eine letzte Folge schließlich führt ins Mekong-Delta in Vietnam, in der man mehr auf dem Wasser als an Land lebt und deswegen höchstens Wasserball spielen kann. Das aber ist wegen der vielen Schlangen nicht zu empfehlen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

Jüngste Beiträge