Man darf ihn berühren. Man darf vor ihm niederknien, tiefer noch und die Wange an seinem zarten, kühlen, feuchten Fell reiben, aber dann ist Schluss. Wer je versucht hat, den universitären Rasen eines der fünfunddreißig Colleges in Cambridge zu betreten, wird den Kastenteufel nicht vergessen, der aus seiner Portiersloge geschossen kommt: "Don't walk on the grass!" Wer ihn nicht versteht, bekommt es auch gern schriftlich und auf Deutsch wie im King's College: "Besucher werden gebeten, den Rasen nicht zu betreten und von Picknicks Abstand zu nehmen. Bitte verursachen Sie keinen Lärm. Die Benutzung von Radios und Kassettenspielern ist untersagt."
Der Rasen, mit dem die Innenhöfe der Cambridger Institute samtig ausgeschlagen sind, heißt nämlich nicht "lawn", wie etwas, auf dem man Tennis spielt oder grillt, sondern "turf". Und er ist heilig. Nur Tutoren und Professoren dürfen die Grünfläche queren, und sie tun es mit dem Flair flüchtiger Halbgötter, der Unbefugten nicht achtend, deren neidische Blicke ihnen Löcher in den wehenden Talar brennen. "Der weite Rasen lag schattenlos in der Sonne, ein Inbegriff von Grün, das die duftende Luft färbte", schrieb P. D. James in "Ein reizender Job für eine Frau". "Ein zierlicher älterer Tutor in Talar und Mütze humpelte über das Gras. Miss Leaming sagte, als hätte Cordelia um eine Erklärung gebeten: ,Er ist Mitglied des Lehrkörpers. Der geheiligte Rasen wird deshalb von seinen Füßen nicht befleckt.'"
Sensenmänner am Werk
Virginia Woolf, mit dem Kopf in den Wolken, versuchte einmal, in Cambridge ein heilig's Turfle unter die großen Füße zu nehmen, als auch sie von einem gestikulierenden Herrn in Gehrock und Melone abgefangen wurde, dessen Gesicht Schrecken und Empörung ausdrückte. "Er war der Pedell, ich eine Frau. Dies war der Rasen; der Weg war dort. Mein Platz war der Kies." Sie trat auf den Weg, und die Lage entspannte sich; seine Arme sanken herab, die Miene fand zur üblichen Gelassenheit zurück. Schaden war keiner entstanden, nur der Gedanke an ein Zimmer für sich allein, den sie im Gehen formuliert hatte, war ihr entschlüpft.
An einigen Instituten soll der Posten des Portiers früher in der Regel von einem illegitimen Spross des englischen Königshauses bekleidet worden sein. Und wie auch nicht? Es gibt kein nobleres Grün als das der Gelehrten, sauber abgestochen wie ein Stück Kuchen, gerahmt von Rabatten und Wasserbecken, umschlossen von Tudorfachwerk oder backsteinroten und mittelaltergrauen Mauern, an denen eine baumstarke Glyzinie in Bleu Mourant hochgeht. Kegel aus Buchs und Eibe stehen stramm vor dem grünen Teppich. Auf dieser Bühne wird seit 1209 dasselbe Stück gespielt. Es ist eine versponnene, vordemokratische Welt, und wäre nicht das Schnurren und Klötern hochentwickelter Rasenschurgeräte, die im Sommer pausenlos herumkurven, könnte sich der Besucher der Illusion hingeben, in ein altes Bild getreten zu sein. Sechshundert Jahre Pflege sagt man der Grasnarbe nach, obwohl die Sensenmänner des fünfzehnten Jahrhunderts nichts dem heutigen Flor Vergleichbares zustande brachten und die Menge der Jahre wohl in Umlauf gesetzt wurde, um amerikanische Touristen zu verblüffen. Ein Rasen, der fünf Jahre lang picobello gegossen und gedüngt wird, unterscheidet sich in nichts von einer fünfhundert Jahre alten federnden grünen Schwarte.
Düsentrieb und grüner Daumen
Erst seit 1830 wird sie maschinell getrimmt. Damals hatte der junge Ingenieur Edwin Bear Budding eine Maschine für eine Textilfabrik entworfen, die Wolltuch für Uniformen rattenkurz schor. Beim Rotieren der Spindel gegen das Messer kam ihm der Gedanke, das Ding auf Räder zu stellen und Rasen statt Stoff unterzulegen. Vorsichtshalber probte er in der Nacht, um nicht für plemplem erklärt zu werden. Es klappte. Der erste Spindelmäher rollte ins Grüne. "Gentlemen auf dem Lande werden im Gebrauch der Maschine eine amüsante, nützliche und gesunde Beschäftigung erkennen", pries Mr. Budding seine Erfindung.
Dass sie in Gloucestershire glückte, ist natürlich kein Zufall. Die Engländer, die weder für ihre Küche noch für ihr Temperament sprichwörtlich sind, haben ihre grünen Daumen mit ihren Düsentrieben gepaart und sich der Welt mit dem feinsten Rasen ins Gedächtnis geschrieben. Nirgendwo in Europa meint es das Klima besser mit Wiesenrispe, Rotschwingel, Schafschwingel, Weidelgras und feinblättrigem Straußgras. Regen tränkt den Rasen gründlich und innig, stimuliert ihn, seine Wurzeln tief ins Erdreich zu senken. Keine wüste Sonne lässt ihn erbleichen, keine beharrliche Schneedecke verschimmeln. Und ständig ist ein Mensch mit Messer, Vertikutierer, Rasenkantenabstecher, Walze, Federrechen und Düngerstreuwagen um sein Wohlergehen besorgt.
Im Land der Rasenmäherrennen
Nur in England kann es seit 1806 eine Firma wie Suttons geben, die sich Hoflieferant für Grassamen nennen darf. Nur hier wirken Institutionen wie der Old Lawnmower Club und das British Lawnmower Museum für Sammler und Bewunderer antiker Rasenschurgeräte. Wo anders hätte sich die British Lawnmower Racing Association gründen können, die 1973 das erste Aufsitzrasenmäherrennen startete, ein Wettbewerb, wie ihn Liebhaber von Krach&Stink auch gern auf dem Kontinent veranstalten. Die Messer sind ausgebaut; aber auch ohne sie wächst danach auf dem Parcours kein Gras mehr. Von England aus nahm im achtzehnten Jahrhunderts die Revolution des Landschaftsgartens ihren Ausgang, der bis heute das Bild europäischer Parks prägt. Englische Bauherren und Gartendesigner rissen als Erste die gezirkelten Hecken und Broderien der Barockanlagen aus, versetzten Hügel und Baumgruppen, schufen Seen, Tempel und Brücken, die sich im stillen Wasser spiegelten, und betteten das Ensemble in mehr oder minder naturbelassene Wiesen. Man konnte natürlich Schafe darauf weiden lassen, aber die angemessene Eleganz des „pleasure grounds“ wurde erst durch die makellose grüne Auslegeware ohne Gänseblümchen, Günsel, Wegerich und Löwenzahn erzielt.
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts sensten und sichelten im Park von Schloss Blenheim noch fünfzig Gärtner den ganzen Sommer hindurch. Dass ihre Arbeit durch Mr.Buddings tonnenschweres gusseisernes Ungetüm leichter wurde, sollten erst dessen Weiterentwicklungen weisen. Das British Lawnmower Museum in Southport hat dem jungen Mann aus Gloucestershire auf seiner Website eine Hymne im Country- und Westernsound gewidmet. Statt „mäh, mäh, mäh“ oder „swisch, swisch, swisch“ ging es nun „push push push“ mit der wundervollen brandneuen Maschine über die englische Prairie. Um 1842 kam der erste von einer Pferdestärke gezogene Aufsitzrasenmäher dazu; um 1890 der von einer Dampfmaschine, 1902 der von einem Benzinmotor getriebene Mäher.
Wie kommt das Schachbrettmuster auf den Rasen?
Heute ist neben dem passenden Gerät die Samenmischung von großer Bedeutung. Es gibt Sport-, Golf- und Zierrasen, die aus verschiedenen Mischungen bestehen, je nachdem, ob sie mit Fußballstiefeln getreten, von Golfbällen touchiert oder nur mit den Augen gestreichelt werden dürfen; ob sie einmal ausgerollt und dann entsorgt oder zweimal am Tag um einen Millimeter gekürzt werden. Auf einem erstklassigen Rasen drücken sich an die 850 Graspflänzchen auf einem Quadratfuß zusammen und bilden je nach Sorte Horste oder Rhizome.
Wie aber kommt das raffinierte Streifen- und Schachbrettmuster zustande, das die Maschinen in Golfplätze und Collegerasen bürsten? Es ist das Werk des Spindelmähers - nicht das des inferioren Sichelmähers. Die Spindel säbelt den Halm glatt wie ein Stück Papier über dem Messer ab. Die Sichel verursacht Spliss, weil sie die Grasspitze ausfransen lässt. Pfui! Der Spindel stellt sich der Halm möglichst taufrisch und drei Zentimeter hoch entgegen. Vorne wird er von ihr geköpft, hinten legt ihn die Walze in Fahrtrichtung um. Beim Wenden wechseln auch die Grasschwaden ihre Neigung. Nach ein paar Stunden hat der natürliche Aufrichtungswille alle Halme wieder in Form gebracht, und das grüne Lichtspiel ist vorbei.
Zigarettenasche auf dem heiligen Grün
Natürlich provoziert die makellose Beschaffenheit des Cambridger Rasens auch das Gelüst, sie zu beflecken. Lord Byron, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Student am Trinity College, führte seinen zahmen Bären im Innenhof spazieren, der sich rühmt, den größten Collegerasen in Cambridge zu rahmen. Studierende des einundzwanzigsten Jahrhunderts räumen nachts manchmal die Möbel in die Mitte oder lassen Kaninchen darauf los, und einmal im Jahr um 12 Uhr mittags beim Doppelschlag der Turmuhr pesen die Erstsemester drumherum: 370 Meter im Karree. Die Uhr braucht 43,6 Sekunden bis zum letzten Ton, die Läufer in der Regel etwas länger. 1927 schaffte es der spätere Olympiasieger Lord Burghley in 43,1 Sekunden. Weltrekordler Sebastian Coe, der 1988 antrat, war beim finalen Gong noch Meter von der Ziellinie entfernt. Erst 2007 schlug ein Student die Uhr und Lord Burleigh mit 42,7 Sekunden.
Die größte - sanktionierte - Übertretung ereignet sich zu den Mai-Bällen nach den Abschlussexamen, wenn auch das teuer zahlende studentische Fußvolk eingeladen ist, in Smoking und Abendkleid auf dem Rasen zu lagern, zu lärmen, Radios und Kassettenspielgeräte einzuschalten, Zigarettenasche zu verstreuen, Gläser umzukippen und den Flor mit Stöckeln zu perforieren. In den frühen Morgenstunden nach dem Ball versammeln sich die letzten Hundertschaften traditionell an heiliger Stätte zum Survivor's Photo, ehe sie aus den Latschen kippen. Der Rasen hat das Fest dann ebenfalls überlebt, braucht aber etwas länger, um sich wieder aufzurichten.
Entsetzen über das Loch im Rasen
In Dorothy L. Sayers Krimi „Gaudy Night“ verbrennt eine Unheilstifterin sogar die Talare von Tutoren und Studenten im Universitätsinnenhof. „Das Feuer hat ein hässliches Loch in den Rasen gefressen“, klagt die bestürzte Dekanin. Aber diese Katastrophe ereignete sich nicht in Cambridge, sondern in „the other place“: Oxford.
Art statt Sorte
TILMAN KLUGE (TILMAN_KLUGE)
- 04.06.2010, 14:24 Uhr
Ein
Martin Luce (luce)
- 04.06.2010, 14:45 Uhr
Nicht auf dem Rasen gehen?
Cornelius J. Müller (demuliere)
- 04.06.2010, 17:44 Uhr
Diese Briten
Sabine Sprick (SabineSprick)
- 05.06.2010, 10:10 Uhr
Rare britische Eindrücke
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 05.06.2010, 14:51 Uhr