08.09.2005 · Alec Soth' Bilder vom Strom der Träume / Von Freddy Langer
Am Anfang steht ein Bett: Es ist das Kinderbett von Charles Lindbergh auf der Veranda seines Elternhauses in Little Falls, Minnesota. Von dort aus, sagte der amerikanische Flugpionier später, habe er die Sterne beobachtet und auf den Fluß geschaut. Es war ein Ort zum Träumen. Zu Hause gehalten freilich hat ihn das nicht. Seine Visionen mußten sich anderswo erfüllen.
Alec Soth hat das Bett fotografiert: Sein nachträglich verbreitertes Eisengestell und die dennoch viel zu breite Matratze machen einen seltsam fragilen Eindruck. Mehr als einem Möbelstück gleicht dies schnörkellose Bett der Skulptur eines Surrealisten.
Auch Soth, geboren im Jahre 1969, stammt aus Minnesota, jenem Landstrich, in dem der Mississippi dem Lake Itasca entspringt. Aber Soth hatte keine Träume im Gepäck, als er sich aufmachte, dem Fluß von seinem Ursprung bis zum Delta am Golf von Mexiko zu folgen, insgesamt viertausend Kilometer Wasserlinie, verteilt auf etliche Reisen, verteilt auf etliche Jahre. Alec Soth suchte vielmehr nach Träumen.
Was er mit sich schleppte, war seine Plattenkamera. Er richtete sie auf die Landschaft, auf die Architektur, auf Interieurs und immer wieder auf die Menschen am Ufer dieses Flusses, der einmal zu den Hauptverkehrswegen des Lands zählte - heute aber vor allem ein Verkehrshindernis darstellt. Und tatsächlich wirken die Menschen dieser Bilder, die man höflich als Exzentriker bezeichnen kann und von denen Soth sehr freundlich sagt, sie seien "kreativ", auf eigentümliche Weise wie Gefangene: der Bodybuilder Lenny, der sich wünscht, noch mit hundert Jahren so auszusehen wie heute; die Prostituierte Aja, die gern Krankenschwester wäre; oder Frankie Jean, die Schwester des Rockmusikers Jerry Lee Lewis und eine Cousine des Fernsehpredigers Jimmy Swaggart, die ihr Wohnhaus in Ferriday, Louisiana in ein kleines, bescheidenes Museum verwandelt hat und nun auf dem Boden schläft, damit die Betten der prominenten Verwandten nicht leiden.
"Sleeping by the Mississippi" hat Alec Soth seinen Fotoband genannt, gerade so, als biete der Schlaf die einzige Möglichkeit der Flucht, den letzten Ort für Träume. Deshalb sind auf seinen Bildern immer wieder Betten, Sofas und Matratzen zu sehen. Die Wirklichkeit ist trostlos - ob Bretter und Wellblech in den Straßen liegen wie nach einer Naturkatastrophe oder ein Seitenarm des Flusses aussieht wie ein Abwasserkanal.
"Sleeping by the Mississippi" ist ein melancholisch stimmendes Buch: keine Aufbruchstimmung eines Huckleberry Finn, keine Andeutung von Schaufelraddampfer-Romantik wie im Musical "Show Boat". Vergeblich wartet man auch auf Beispiele für grandiose technische Leistungen, die Schleusen des Mississippi etwa oder den Triumphbogen aus Edelstahl am Ufer von St. Louis. Und nur ein einziges Mal blitzt die Erinnerung an eine Zeit auf, als sich das Glücksversprechen Amerikas noch aus der Weite des Kontinents speiste: mit dem Bild der Ansichtskarte eines gewaltigen Stroms im dramatischen Licht der Abendsonne. Zurückgelassen hängt sie an einer Wand, deren übriger Zierat längst abgenommen wurde und nur in den Verfärbungen der Tünche seine Spuren hinterlassen hat. Irgendwo klebt als winziger Rest eines Zeitungsartikels allein das Wort "folklore" - ein Thema, das Alec Soth gerade nicht interessiert.
Ihm ist es um eine Kultur des Dennochs zu tun, um ein Leben im trotzigen Ausharren. Sex und Religion erscheinen darin als Möglichkeiten des Trosts oder gar der Erfüllung. Belege von Lebenslust jedoch fand Soth auf seiner Reise vom kalten Norden in den schweißtreibenden Süden, nach New Orleans und darüber hinaus bis Venice, nirgendwo. So erhält sein Buch auf schaurige Weise eine gespenstische Aktualität.
Auch am Ende steht ein Bett: Es ist ein weißes Metallgestell, wie von Geisterhand in die Sumpflandschaft des Mississippi-Deltas gestellt und dort von Schlingpflanzen und Schilf wild überwuchert. Bis vor kurzem hätte die Szene als Illustration eines Märchens dienen können. Seit voriger Woche taugt sie als Symbolbild für einen Albtraum.
"Sleeping by the Mississippi" von Alec Soth. Mit einem Vorwort von Patricia Hampl und einem Nachwort von Anne Wilkes Tucker. Steidl Verlag, Göttingen 2004. 122 Seiten, 46 Fotografien. Gebunden, 49,80 Euro. ISBN 3-86521-007-4.