27.05.2009 · RTL will „Erwachsen auf Probe“ trotz Protesten ausstrahlen. In der Sendung werden Babys in die Obhut überforderter Teenager gegeben. Dabei wird getrickst und getäuscht - was bei „Real-Life-Dokus“ gang und gäbe ist.
Von Sabine SasseDie Debatte über die neue Reihe „Erwachsen auf Probe“, die vom 3. Juni an bei RTL laufen soll, wirft ein Schlaglicht. Ein Schlaglicht auf die Art und Weise, in der Zuschauer mit pseudodokumentarischen Sendungen seit langem schon an der Nase herumgeführt werden. Was da so echt aussieht, ist nicht nur handelsüblich inszeniert, damit es dramatisch wirkt, sondern unter Umständen reine Fiktion. Es folgt einem Drehbuch, das sich allerdings echter Menschen bedient. Die Sender geben die Kritik an ihren Formaten, wie im Fall von „Erwachsen auf Probe“, mit dem Hinweis zurück, dass es sich doch um eine Inszenierung handle. Da die Auftritte der dafür eingespannten Menschen aber für echt gehalten werden, müssen sie mit den Folgen leben. Und die sind unter Umständen drastisch.
Formate wie „Mitten im Leben“ (RTL), „We are Family! So lebt Deutschland“ oder „U20 - Deutschland, Deine Teenis“ (Pro Sieben) laufen seit Jahren im Nachmittagsprogramm und leuchten menschliche Verhaltensweisen bis in die dunkelsten Abgründe aus. Mit ernstzunehmender Dokumentation haben diese „Real-Life-Dokus“ nichts zu tun. Hier geht es um Effekt, Krawall, Sensation. Denn auch wenn Pro Sieben etwa behauptet, „We are Family“ begebe sich „auf die Spuren deutschen Familienglücks“, ist in den einzelnen Folgen von Glück nur selten etwas zu bemerken, selbst wenn es am Ende zu einem mehr oder weniger positiven Schluss kommt. Da wird gebrüllt und geschimpft, erniedrigt, vernachlässigt, gelogen, bedroht, betrogen und geweint.
Jeder hat eine Geschichte
Jacqueline Krüger von der Castingagentur Casting Concept, die Protagonisten für „We are Family“, „Mitten im Leben“ und „U20“ sucht, räumt ein, dass positive Geschichten und glückliche Familien bei den Sendern nicht gefragt sind. Man suche das Außergewöhnliche, Laute und Absonderliche. Die Agentur Casting Concept hat allein 70.000 Namen von Personen in ihrer Datenbank, die bei einer Doku mitgemacht oder sich beworben haben und nun regelmäßig mit Newslettern beschickt werden, die dazu aufrufen, sich zu bewerben. Zudem schalten die Agenturen Anzeigen und verbringen viel Zeit damit, Leute, die aussehen, als wären sie für das eine oder andere Format geeignet, direkt auf der Straße anzusprechen. „Letztendlich hat jeder eine Geschichte zu erzählen, man muss sie nur finden“, sagt Jacqueline Krüger.
Das ist der Punkt. Denn welcher pubertierende Teenager, welche frustrierte Mutter einer großen Kinderschar, welcher gelangweilte Arbeitslose fühlt sich nicht geschmeichelt, wenn sich jemand für sie und ihre Probleme interessiert? Und dann auch noch das Fernsehen. Da kann man mal allen zeigen, wie schwer man es hat, oder - auch das ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt - sein schauspielerisches Talent beweisen.
Mehrfachverwertung von Doku-Profis
Den Sendern und Castingagenturen gehen allerdings langsam die Protagonisten aus. Allein von „We are Family“ sind in vier Jahren mehr als tausend Folgen gelaufen. Es wird schwerer, „besondere Familien mit besonderen Geschichten“ zu finden, die auch noch ins Fernsehen wollen. Wie Fangflotten die abgefischten Weltmeere durchkämmen Castingagenturen, Scouts und Redakteure die Republik auf der Suche nach geeignetem Menschen-Material.
Der Druck ist so groß, dass manche Familien mehrfach verwertet werden. Einige sind richtige Doku-Profis und treten zu den unterschiedlichsten Themen in verschiedenen Formaten in verschiedenen Sendern auf - meist aktiv animiert von den Redaktionen und Agenturen. Die fünfköpfige Familie Preuß aus Oberhausen stand innerhalb von neun Monaten dreimal im Mittelpunkt von „We are Family“: Am 6. Juni 2007 bekannte sie: „Wir sind zu dick“, am 21. Januar 2008 erklärte Mutter Manuela: „Ich trenne mich von meinen Kindern“, um sich am 11. März 2008, gerade noch fröhlich im Ess- und Shopping-Rausch, in der Episode „Kein Job - kein Taschengeld“ als Hartz-IV-Empfängerin zu präsentieren.
Wissen sie, worauf sie sich einlassen?
Die „Aufwandsentschädigungen“, die den Darstellern gezahlt werden, liegen nach Auskunft der Castingagenturen zwischen 200 und 750 Euro pro Dreh, manchmal gebe es sogar gar nichts, sagt Jacqueline Krüger. Das ist erstaunlich wenig, wenn man bedenkt, dass die Protagonisten tagelang von einem Filmteam begleitet werden, die Nation in ihre Seelen blicken lassen und den Sendern hohe Einschaltquoten bescheren.
Fraglich ist, ob den Menschen, die sich in diese Fernsehformate begeben, klar ist, auf was sie sich einlassen. Wie das sechzehnjährige, mitleiderregend naive Mädchen, das sich, unterstützt von Eltern und Freundinnen, in „U 20“ eine ganze Episode lang von einem Filmteam bei ihren Versuchen begleiten ließ, einem Jungen nahe zu kommen, der nichts von ihr wissen und sich nicht filmen lassen wollte.
Folgen der Entblößung
Das Mädchen las intimste Einträge aus seinem Tagebuch vor, schlich wie eine Stalkerin um das Elternhaus des Angebeteten und verhielt sich derart auffällig, dass ihm eine Lehrerin schließlich vor laufender Kamera mitteilte, der Junge wolle keinen Kontakt, und sie solle ihn endlich in Ruhe lassen. Wie verkraftet ein junges Mädchen eine derartige Abfuhr, bei der Millionen von Menschen zuschauen? Was passiert, wenn das Filmteam abgezogen ist? Welchem Spott ist sie nach der Ausstrahlung eines solchen Beitrags ausgesetzt?
Auch, wenn manche Episoden - wie in „Erwachsen auf Probe“, wie die Produzenten zugeben - nur eine verzerrte Realität wiedergeben und zugunsten der Dramaturgie übertrieben wird, erscheint den Zuschauern die Darstellung als real. Und so drängt sich der Eindruck auf, dass nicht nur die Zuschauer missbraucht werden, denen eine Wirklichkeit vorgegaukelt wird, die es nicht gibt, sondern vor allem die Darsteller, die sich instrumentalisieren lassen, ohne darüber nachzudenken, welche Folgen ihre Entblößungen haben. Bei manchen Folgen der „Real-Life-Dokus“ wünscht man sich, dass alles nur gespielt ist.