13.10.2003 · PEKING, 12. Oktober. Wenn alles gutgeht, werden sich Chinas Parteiführer in der nächsten Woche einen Traum erfüllen, den schon die kommunistischen Staatsgründer geträumt haben. China will zum ersten Mal einen Astronauten in den Weltraum schicken. Neben einem Triumph für chinesische Wissenschaft und ...
Von Petra KolonkoWenn alles gutgeht, werden sich Chinas Parteiführer in der nächsten Woche einen Traum erfüllen, den schon die kommunistischen Staatsgründer geträumt haben. China will zum ersten Mal einen Astronauten in den Weltraum schicken. Neben einem Triumph für chinesische Wissenschaft und Technik wird der erste bemannte Raumflug eine Feier von Chinas gewachsener internationaler Bedeutung werden. Und die erste Reise eines Chinesen ins All wird auch dazu angetan sein, von irdischen Problemen auf chinesischem Boden für eine Weile abzulenken.
Ganz im Gegensatz zur bisherigen Praxis dürfen chinesische Medien dieses Mal sogar über das bevorstehende Großereignis berichten. Bilder von der Raketenbasis Jiuquan in der Provinz Gansu prangen auf den Titelseiten fast jeder Zeitung. Selbst das steife Parteiorgan "Volkszeitung" zeigte am Sonntag ein Farbfoto der Raketenbasis an prominenter Stelle - ohne freilich den bevorstehenden Anlaß noch einmal zu erwähnen. Der Start wurde offiziell für die Zeit zwischen dem 15. und dem 17. Oktober angekündigt, nach Berichten aus Hongkong soll Chinas erster Astronaut schon am Mittwoch morgen an Bord der "Shenzhou V" gehen. "Shenzhou" wird wörtlich mit "Göttliches Schiff" übersetzt, der Name ist allerdings auch ein Wortspiel mit einer alten Bezeichnung für "China". Das Raumschiff wird von der Trägerrakete "Langer Marsch" ins Weltall gebracht und soll die Erde vierzehnmal in einer Mindesthöhe von 200 Kilometern und einer maximalen Höhe von 350 Kilometern umkreisen. Der Astronaut soll dann in der Inneren Mongolei landen. Das chinesische Staatsfernsehen will Chinas Aufbruch ins All live übertragen.
Deng Xiaoping leitete Chinas Raumfahrt ein
Wer der erste chinesische Astronaut sein wird, wurde noch nicht bekanntgegeben. Sechs Jahre lange wurde eine Gruppe von Piloten der chinesischen Luftwaffe auf die große Aufgabe zuerst in Rußland und danach in China vorbereitet. Sie seien alle, so wußten chinesische Zeitungen zu berichten, 1,70 Meter groß und 65 Kilogramm schwer. Bekannt ist, daß vierzehn Anwärter in die engere Wahl kamen, aus dieser Gruppe wurden dann noch einmal die drei besten ausgewählt. Erst kurz vor dem Start soll entschieden werden, welcher von ihnen als erster Astronaut Chinas in den Weltraum fliegen und damit in die Geschichte eingehen wird.
Chinas bemannte Raumfahrt wurde im Jahr 1986 noch auf Geheiß des Architekten der Reformpolitik, Deng Xiaoping, eingeleitet. Im Jahr 1992 wurde mit der Entwicklungsphase begonnen. Als Vater des chinesischen Raumfahrt- und Raketenprogramms gilt der mittlerweile 91 Jahre alte Qian Xuesen. Qian ist schon jetzt ein Held, ohne daß ein sogenannter Taikonaut im All war. Nach der ursprünglichen Planung war ein bemannter Flug erst für das Jahr 2005 vorgesehen. China hat allerdings schon vier unbemannte Raumschiffe getestet - daher die römische Zahl fünf im Namen "Shenzhou V". Wenn der Flug mit dem ersten Astronauten an Bord erfolgreich verläuft, werde es weitere bemannte Flüge geben, gab die Regierung bereits bekannt. Bis zum Jahr 2010 wollen die Chinesen nicht nur Astronauten zum Mond schicken, sondern auch eine Raumstation nach dem Vorbild der Mir zusammenbauen. Zudem will Peking schon in zwei Jahren ein eigenes Weltraumteleskop ins All schicken.
Technik der „Sojus“-Schiffe
Nach Angaben des leitenden Ingenieurs des Weltraumprojekts, Qi Faren, beruht die chinesische Raumkapsel zwar auf der Technik der sowjetischen "Sojus"-Raumschiffe. Bestandteile von "Shenzhou V" seien aber auch in China hergestellt worden. Um vor allem die Bedenken amerikanischer Fachleute zu zerstreuen, die bemannte Raumfahrt Chinas diene auch militärischen Zwecken, versicherte die Regierung mehrfach, ihr Programm habe ausschließlich friedliche Ziele. China werde nie an einem Wettrüsten im Weltall teilnehmen, hieß es aus dem Außenministerium.
Für die chinesische Führung steht viel auf dem Spiel. Der Start der "Shenzhou V" wird einen Tag nach dem Abschluß eines wichtigen Plenums des Zentralkomitees stattfinden. Chinas neue Parteiführung berät derzeit über weitere Strategien der Wirtschaftspolitik und über Möglichkeiten, die verarmten alten Industriegebiete des Nordostens aus der Depression zu führen. Eine Erfolgsmeldung aus dem Weltall käme sehr gelegen, um den Nationalstolz zu fördern und von den schweren wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die die weniger entwickelten Regionen Chinas plagen, abzulenken. Ein Fehlschlag wäre für die Führung unter Hu Jintao, deren Amtszeit in diesem Frühjahr mit der Sars-Krise begann, ein weiteres schlechtes Omen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
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| Rohöl Brent Crude | 107,26 $ | +0,38% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |