http://www.faz.net/-ilp-96eb0

Wo kommt unser Essen her? : Salatbeet im Skyscraper

Kommt die Landwirtschaft in die Städte? Dächer gibt es reichlich. Bild: Rhonald Blommestijn

Es heißt, die Flächen werden knapp. Aber braucht man in Zukunft noch Äcker? Oder kommt die Landwirtschaft in die Städte? Und was hätte Karl Marx dazu gesagt? Ein Blick in die Zukunft des Essens.

          Das Leben auf dem Land, es ist das letzte Abenteuer. Aber wer will schon Abenteuer. Sicherheit ist gefragt, und Geld, mit anderen Worten: Stadt. Die Sicherheit dort zeigt sich in Form von dünnen Betonwänden mit Styroporhülle, Eichenparkett und in einem bis 2047 kalkulierbaren Immobilienkredit. Zum Beispiel in Frankfurt: Die Sicherheit heißt „Praedium“, „Solid Home“, „Neue Mitte“, Wohnen im Block oder Turm, siebentausend Euro je Quadratmeter und mehr. Zehntausende Menschen im Jahr ziehen hier ein. Es gibt neue Stadtteile, und jeder hat einen Tengelmann, Norma oder Aldi, und durch die Straßen fahren die kleinen roten Lieferwagen vom Rewe, die Online-Bestellungen ausliefern.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Aber wer versorgt uns da eigentlich? Und woher kommt das, was der kleine rote Wagen bringt? Heute, und übermorgen? 500 Gramm Schweinegeschnetzeltes, 1,99 Euro. Wolfsbarsch aus Aquakultur, 4,50 Euro. Schinken-Käse-Croissant, 53 Cent – Herbst 2017 im Lidl. Diese Preise sind kein Grund zur Klage. Der Lidl speist uns zuverlässig günstig. Der Großteil des Essens kommt über den Discount zu uns, über die Supermärkte. Das Essen kommt vom Land: Massenschweinemast in Cloppenburg, griechische Fischfarmen, Weizen vom Glyphosat-Acker aus Brandenburg. Das Land ernährt die Stadt.

          Karl Marx war es nicht wohl beim Anblick der rasant fortschreitenden Urbanisierung.

          Karl Marx hätte das Entfremdung genannt, in diesem Fall: eine Entfremdung von der Natur, der Erde, dem Boden. Wörtlich nannte er es: Stoffwechselstörung. Was er damit meinte, wird dieser Text erklären. Und auch, warum das noch heute und zukünftig bedeutsam ist.

          Die Städte wachsen, das Land wird zum Agrarindustriegebiet. So zuverlässig die Food-Industrie seit 60 Jahren sättigt, so fraglich ist die Stabilität des Systems. Das wird nur dann klar, wenn man sie unter Aspekten betrachtet der Nährstoffströme, der Energie, der Abhängigkeit vom Öl. Die großen Statistiken bezeugen: Wir leben vom Öl. Die Nahrungsproduktion, Weltbevölkerung und der Erdölverbrauch gehen über Jahrzehnte im Gleichschritt und entkoppeln zu langsam. Wie sicher isst die Stadt?

          Die Bauern werden zu Technikfreaks

          Antworten gibt es auf dem Land. Die Geschichte von zwei Landwirten zeigt, woher das Essen derzeit kommt. Thomas Beuler ist einer, der Lebensmittel für die relativ wenigen, zahlungsbereiten „Bio-Deutschen“ herstellt: ein Biobauer im Vogelsberg, eine Stunde von Frankfurt. Diese Gegend ist eine der am dünnsten besiedelten in Deutschland, der Ackerbau ist hier schwer, überall liegen Steine im Boden. Beulers Kühe grasen also auf der Weide. Das ist etwas Besonderes. Laut einer Studie der Uni Bozen wird die Weidekuh in den kommenden Jahren aus der Landschaft verschwinden. Das Land ist industrialisiert, hier wachsen Energie-Mais und Ethanol-Raps, Tierfutter, Brot für die Welt.

          Beuler will aber nicht optimieren: „Ich kämpfe dafür, dass der Betrieb unabhängig bleibt.“ Dafür baut er viele Säulen, die in die Zukunft tragen. Die Milch ist nur eine; Beulers Milch gibt es in Biomärkten in Berlin. Die Famlie vermietet drei Ferienwohnungen, will weitere bauen. Beuler ist gegen Herbizide, mit großem Herz für Frösche. Und er lässt die Kälber einige Tage bei den Mutterkühen – ein No-Go in der hocheffizienten, hochverschuldeten Standard-Kuhhaltung der „Wachstumsbetriebe“. Das wichtigste ist ihm: Freiheit.

          Topmeldungen

          Liebesgrüße aus Moskau : Karin Kneissls Band zu Putin

          Die Parteilose ist österreichische Außenministerin für die FPÖ. Zu ihrer Hochzeit erscheint diesen Samstag ein prominenter Gast: Wladimir Putin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Race to Feed the World

          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld