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Zukunft des Essens : Schnecken für die Welt

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Bild: Getty

Alle Welt redet von Insekten als Proteinquelle. Doch warum eigentlich nicht von der guten alten Weinbergschnecke? Besuch auf einer appetitlichen Zuchtfarm.

          Der Nachwuchs kann jetzt stündlich kommen. Hierher an den Rand Wiens, wo die letzten Kleingartensiedlungen in die Felder der Bauern ausfransen und wo die Stadt schon ausschaut wie das Land. Rothneusiedl heißt dieser Teil des Grüngürtels. Wegen der roten Ziegel, die man einst aus dem Lehm formte, der die Erde bis heute fruchtbar macht, weil er die Nährstoffe nicht durchsickern lässt.

          Bauer Andreas Gugumuck steht auf seinem Acker. Ein Mann in T-Shirt und Markenjeans, mit einer Schieberkappe auf dem Kopf und einem schnellen „Du“ auf den Lippen. Unter seinen Füßen wächst der Mangold spärlich und das Unkraut kniehoch. Der Acker sieht ein bisschen aus wie ein verwildertes Urban-Gardening-Projekt. Schnurgerade ziehen sich Reihen umgedrehter Gemüsekisten übers Feld. Dazwischen verlaufen Trampelpfade, ausgetreten von vielen Schritten, wie im Zoo, wo der Panther seine Runden dreht.

          Eigenhändig hat Gugumuck vor zehn Jahren vier Pflöcke in den Boden gerammt, um das Feld abzustecken, auf dem er, der IT-Manager, sich als Bauer versuchen wollte. Nicht als Ackerbauer, nicht in der Viehwirtschaft, nein. Gugumuck, dessen Familie diesen Flecken Erde seit 1720 bewirtschaftet, hatte anderes im Sinn. „Schau her“, sagt der Mann und nimmt ein zeitungsgroße Holzplatte auf, dreht sie um und zieht eine Weinbergschnecke davon ab. „Das ist eine Petit Gris.“ Zwischen Gugumucks Fingern dreht sich die Schnecke aus ihrem gesprenkelten Gehäuse heraus und hinterlässt eine saftige Schleimspur auf der Hand.

          Gugumuck ist Schneckenzüchter in erster Generation. Der einzige in Österreich. Drei Rassen: Helix Aspersa Maxima, Helix Pomatia und Petit Gris. Im Vollerwerb. 300 000 Stück macht Gugumuck jedes Jahr auf dem nur 2000 Quadratmeter großen Acker, in Gewicht gerechnet produziert er eine Tonne Schneckenfleisch. Alles in allem keine Goldgrube, aber er und seine Familie können davon leben.

          Und nur ums Geld geht es ja nicht. Gugumuck arbeitet mit seinen Schneckenpopulationen an der künftigen Eiweißversorgung der Großstadtmenschen, zumindest sieht er das so. Superfood, Future Farm, Ressourcenschonung, das sind die theoretischen Begriffe, mit denen er hantiert.

          Auch die 100 000 nur millimetergroßen Babyschnecken, geliefert aus Polen nach Deutschland, werden nach ihrer Ankunft für die Praxis sorgen – wie alle Generationen vor ihnen. Das heißt vorerst, sich durch das Unkraut und den Mangold zu fressen und durch alles andere – Küchenabfälle, Pastinaken, Suppengrün –, was Gugumuck ihnen sonst noch ins Gehege wirft. Sie verwerten Abfälle, schließen die Nahrungskette, so wie die Insekten, von denen alle Welt spricht, wenn es um die Zukunft der Ernährung geht.

          Gugumuck setzt die Schnecke zurück unter die Holzplatte und putzt sich die Hände an der Hose ab. Dieses Tier hat noch einmal Glück gehabt. In den Tagen zuvor hatte Gugumuck einen Teil ihrer Artgenossen eingesammelt, um sie für ihren letzten Weg in den menschlichen Rachen vorzubereiten.

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