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Salatanbau im Selbstversuch : Es muss nicht immer Cannabis sein

Was passiert mit Salatköpfen, wenn man sie selbst im Keller zieht? Bild: Jens Gyarmaty

Wir ziehen Salat. Im Keller! Dass das funktioniert, ist keine Frage. Ob es sich lohnt, schon.

          Seit vergangenem Dienstag sind sie umgetopft: Dreizehn Salatpflänzchen der Sorte Lollo bionda beziehungsweise rosso und fünf noch hauchzarte Senfkohlsetzlinge sind in der Erde. Und weder ein jäher Temperatursturz, tagelange Sonnenabstinenz noch fiese Schädlinge können dem Blattgemüse etwas anhaben. Zwar unwahrscheinlich, aber ein ernsthaftes Problem wäre dagegen ein längerer Stromausfall. Denn die Pflanzen wachsen nicht im Freien, sondern gut geschützt in einem Spezialzelt im Keller eines Frankfurter Mehrfamilienhauses – unter dem violetten Licht einer Pflanzenleuchte, deren winzige LEDs per Zeitschaltuhr das junge Gemüse täglich zwölf Stunden lang bescheinen und wärmen. Und wenn wir das Gießen nicht vergessen, ist die Ernte sicher, hat Nils Andreas, Chef des Gartenfachgeschäfts Samen Andreas in Frankfurt versprochen. Doch ob die Zucht von Kellergemüse sich auch lohnt?

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das wollen wir herausfinden. Das Zelt mit den Setzlingen ist daher auch nicht aus überschäumendem gärtnerischen Enthusiasmus im Keller gelandet, sondern ein kleines Experiment im Rahmen eines großen Projekts zur Welternährung. Unter dem Titel „Race to feed the world“ geht die Frankfurter Allgemeine ein Jahr lang auf verschiedene Weise der Frage nach, wie die erwarteten mehr als neun Milliarden Menschen, die bis 2050 die Welt bevölkern, satt werden können. In den Zukunftsszenarien spielt dabei die Stadt als Anbaugebiet für Obst und Gemüse eine wichtige Rolle, auch weil man damit rechnet, dass dann gut zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben.

          Schon heute gibt es Projekte, die beweisen, dass unter Einsatz der entsprechenden Technik das Reservoir der Städte in dieser Hinsicht gewaltig – und bisher noch weitgehend ungenutzt – ist. Das fängt ganz simpel beim Gärtnern auf Brachen und Parkplätzen an, die Aktivisten der Urban-Gardening-Szene machen es vor, und hört bei der Mobilisierung von Dächern zur Bienenhaltung und Champignonzucht nicht auf. In Los Angeles, Tokio, London und Berlin erproben urbane Gemüsebauern das sogenannte Vertical Farming, bei dem die Fassaden von Hochhäusern ebenso als Anbaufläche dienen können wie das Innere mehrgeschossiger Gebäude, oberirdisch oder im Untergrund. Oft haben die Pioniere der städtischen Landwirtschaft eine Verbindung zur Gastroszene, wie etwa die Initiatoren von „Farmers Cut“ aus Hamburg, die in einer riesigen Halle in der Nähe des Hauptbahnhofs auf neun übereinanderliegenden Wachstumsebenen achtzig verschiedene Sorten Salat ziehen.

          Damit verglichen sind unsere achtzehn Töpfe mit Blattgemüse natürlich lächerlich. Aber die Ernte soll auch keine Restaurantgäste satt machen. Was uns interessiert, ist, inwieweit sich die Städter selbst versorgen können, wenn sie keinen Garten besitzen, ja vielleicht nicht einmal einen Balkon. Ein kleines Kellerabteil aber hat (beinahe) jeder. Unseres misst gut vier Quadratmeter, allerdings mit Schräge, da es in einem Gewölbe unter einem typischen Gründerzeitaltbau liegt, ist gut belegt und dürfte damit ziemlich typisch sein.

          Was kann man damit anfangen? Drei, maximal vier Rabatte bepflanzen und mit verschiedenen LED–Leuchten bestrahlen? Die allererste Idee ist schnell verworfen. Zu unsicher, denn Mäuse und Ratten könnten sich über den Salat hermachen, und zu ineffizient, weil die leistungsstarken Hightech-Leuchten von 300 Watt und mehr gleich den ganzen Keller illuminieren. Dazu kommt noch die relativ niedrige Temperatur im Gewölbe. Anbaufachmann Nils Andreas bringt deshalb ein Spezialzelt, auch Growzelt oder Growbox genannt, ins Spiel. Das hat sich im illegalen Cannabisanbau bewährt und diese Erfahrung machen sich nun die Indoorgärtner ob im kleinen oder großen Stil zunutze. „So wie das Internet für die Pornographie erfunden wurde, kommen die technische Ausrüstung und das Wissen über die Pflanzenzucht in geschlossenen Räumen aus dem Drogenanbau“, sagt Andreas.

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          Race to Feed the World

          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld