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Ernährung von 9 Milliarden – eine Feldstudie

Mais für Welten

Von JAN GROSSARTH

19.01.2018 · Wintersheim und Nkolemfumu trennen Welten. Doch beide ernähren die Menschheit. In Zukunft wollen 9 Milliarden satt werden – und Flächen und Rohstoffe sind knapp. Wintersheim hat schwere Traktoren, Nkolemfumu träumt noch vom Ochsenpflug. Kann das genügen? Feldversuch bei zwei Bauern über ein Jahr.

Axel Dettweiler,
Bauer in Deutschland

Race to Feed the World

Felix Kangwa,
Bauer in Sambia

Das Jahr hat gerade begonnen, schon leben sieben Millionen Menschen mehr auf der Erde. Am Ende dieses Jahres werden sich 7,6 Milliarden den Planeten teilen, das sind 1,1 Prozent oder 83 Millionen zusätzliche Menschen. Die meisten leben in Asien und Afrika. Sind sie einmal erwachsen, werden sie unter neun Milliarden sein. Sie werden Reis, Mais und Brot essen, und immer mehr Fleisch. Ein wachsender Anteil lebt in Städten – weit mehr als jeder zweite –, ein immer geringerer auf dem Land, wo der Mais wächst.

Wettlauf zwischen Bevölkerungswachstum und Getreideproduktion


Wer versorgt sie? Und zu welchem Preis? Zwanzig Cent kostet derzeit ein Kolben Zuckermais im Norden von Sambia. Äße ein Sambier drei davon am Tag, dann kostete ihn diese eintönige Ernährung schon knapp ein Fünftel des durchschnittlichen Jahreseinkommens. An dieser Zahl sieht man, dass es für Hunderte Millionen Menschen lebenswichtig ist, dass genug Getreide wächst und der Preis nicht steigt.

Wachsen muss er etwa hier: Nordprovinz von Sambia, zehnter Breitengrad, südliche Erdhalbkugel. In der dünn bewaldeten Savanne sieht es in diesem Januar nach einer guten Ernte aus. Aber was heißt schon Ernte? Bis die Maiskolben reif sein werden, dauert es noch drei lange Monate. Die ersten Maispflanzen stehen hüfthoch. Der Lehmboden ist feucht. Leichter Wind geht durch die tuchbehangenen Fenster des kleinen Steinhauses. Der Bauer beginnt seinen Tag: Felix Kangwa, ein sambischer Landwirt von fünfundfünfzig Jahren, steht morgens um kurz vor sechs Uhr mit der Sonne auf.

Felix Kangwa stellt sich vor

Video: FAZ.NET

Er isst Maisbrei – morgens, mittags, abends. Im Raum lagert noch Mais vom Vorjahr in Säcken. Es ist genug da. Der Bauer hat sich für den Besuch fein gemacht, er trägt ein faltenloses lachsfarbenes Seidenhemd. Er geht raus, hier spaziert eine Ziege, dort wackelt ein Huhn. Dann geht er mit seinen sechs Kindern an die Feldarbeit: Einsaat der Bohnen, in Handarbeit. Sie düngen die Pflanzen, die eine Menge Stickstoff fressen. Gegen vier Uhr am Nachmittag ist die Arbeit getan. Um kurz vor sieben sackt die Sonne hinter den Horizont. Dann schläft Nkolemfumu, dessen Namen nicht mal Google Maps kennt.

Hier sieht es nach heiler Kleinbauernwelt aus. Und doch entscheidet sich in solchen Provinzen das Schicksal der Erde. Die kleinsten Preisausschläge für Grundnahrungsmittel lassen Hunderte von Millionen Menschen, die von einem Dollar oder weniger am Tag leben müssen, hungern und leiden. Familien können dann das Schulgeld für ihre Kinder nicht mehr bezahlen. Hungerkrisen bringen Unruhen und bedrohen die politische Stabilität. Im Herbst erst starben zahlreiche Marokkaner in bitterarmen Dörfern, die sich bei Essenausgaben zu Tode quetschten. Zuvor gab es Missernten wegen einer Dürre, die bis Spanien reichte und die lebenswichtigen Grundwasserpegel fallen ließ.

Man kann sich das, was auf dem sambischen Bauernhof so beschaulich dahinplätschert, das Säen und Ernten, durchaus als einen dramatischen Wettlauf vorstellen. Die Ernten müssen steigen. Auch Felix Kangwa weiß das und will das. Und sie müssen es trotz der bedrohlichen Klimaerwärmung. Um fast die Hälfte, bis Mitte des Jahrhunderts, so die Vereinten Nationen. Um mindestens 1,5 Prozent im Jahr 2018 – und weit mehr in den Ländern mit den hohen Geburten. Diesen globalen Wettlauf schauen wir uns an, ein ganzes Jahr lang. Dies ist der Anfang: Eine Suche nach Lösungen bei zwei ungleichen Bauern.

Die Maschinenhalle von Axel Dettweiler und das Gerätehäuschen von Felix Kangwa. Fotos: Wolfgang Eilmes, Jan Grossarth

Wie Wintersheim und Nkolemfumu die Welt ernähren

Wolken stehen am sambischen Himmel. Die Natur ist in Ordnung. Wolken und Regen im Januar sind üblich und lebenswichtig für Felix, für seine neun Kinder, für die dreizehn Millionen Kleinbauern in Sambia. Schon seit November regnet es regelmäßig in Nkolemfumu in der Nordprovinz. Seitdem hat Felix Kangwa eine Menge Arbeit. Schon Anfang Dezember säten er und die Kinder den Mais aus.

Auch Wintersheim in Rheinland-Pfalz ist beschaulich. Dieses Dorf kennt Google gut. Ein reifer deutscher Agrarstandort, wo die Bauern nicht mehr um höhere Ernten kämpfen, sondern gegen herbizidresistentes Unkraut. Und auch Deutschland ist voller Wolken. Und auch hier geht es ums Überleben. Es gibt einen tödlichen Preiskampf. Jedes Jahr geben einige tausend Bauernhöfe auf. Den Hof von Axel Dettweiler gibt es noch, er ist einer von noch rund zweihundersiebzigtausend deutschen Landwirten.

Wintersheim, Rheinhessen – neunundvierzigster Breitengrad, nördliche Hemisphäre; Axel Dettweiler hat hier bisher sehr gut überlebt. Er ist einer von vier Landwirten mit dem Nachnamen Dettweiler in diesem Winzerdorf von dreihundert Einwohnern. Der Bauer, spezialisiert auf Rübe, Getreide, Mais und Schnitttulpen, trägt seine Regenjacke im sportlichsten Rot, das Wintersheim zu bieten hat. Seit Wochen ist der Himmel trüb. „Ich bin gern Bauer“, sagt Dettweiler trotzdem. „Und ich glaube, dass ich hier auch ein wenig helfe, die Welt zu ernähren.“

Axel Dettweiler: „Natürlich bin ich auch Bauer, um die Welt zu ernähren. Wir leisten einen kleinen Anteil daran.“

Video: FAZ.NET

Einfach ist es nicht zu sagen, wer die Welt ernährt. Und doch versuchen wir es herauszufinden. Schließlich ist der Begriff der Welternährung in aller Munde seit der letzten globalen Lebensmittelkrise vor knapp zehn Jahren. Und Prognosen zeigen eine Knappheit in zehn Jahren an. Es lassen sich nicht mehr so viele neue Landflächen finden; Technikutopisten träumen vom Salat aus dem Weltall.

Die Bauern, die Basis der realen Erzeugung, können nicht in die Zukunft blicken. Aber bei ihnen kann man sehen, warum und wie die Ernten steigen und woran sie hängen. Axel Dettweiler hat bessere Bedingungen: dreihundert Hektar Land. Felix Kangwa beackert nur 3,75 Hektar. Dettweiler hat schwere Maschinen, Kangwa hat Holzhäken und Äxte. Axel Dettweiler hat Gebäude mit mehreren hundert Quadratmetern Fläche, ein Wohnhaus, ein Mietshäuschen; der alte Schweinestall ist an Städter als Self-Storage-Lager vermietet, und es gibt eine moderne Lagerhalle mit Solarzellen auf dem Dach. Dettweiler betreibt seine Landwirtschaft gemeinsam mit seinem Partner Gerhard Berges in einer juristischen Person. Sie heißt, wenig romantisch: Betriebsgemeinschaft Berges Dettweiler GbR. „Wir sind nicht nur Bauern, sondern auch Unternehmer“, sagt Dettweiler.

Er betrachtet die Fotos aus Sambia, die Felix Kangwa zeigen. Er und Kangwa – beide sind Ackerbauern, beide säen und ernten Mais. Dettweiler wirkt betroffen angesichts der bescheidenen Verhältnisse, die diese Fotos offenbaren. „Naja, wir beiden haben ja die gleiche Frisur“, sagt er. Aber er ist auch neugierig. Vielleicht will er einmal nach Sambia fliegen und sehen, wie es bei Felix Kangwa aussieht und was er ihm raten würde. Aber es ist ja wie eine andere Welt. Die teuersten Geräte, die Nkolemfumu und Wintersheim zur Verfügung stehen, sind jeweils: eine kleine blaue Tretpumpe im Wert von zweihundert Dollar – und ein Rübenroder von Holmer, knapp fünfhunderttausend Euro.

Dank dieser kleinen Pumpe kann Kangwa jetzt drei Mal im Jahr Gemüse ernten. Foto: Jan Grossarth

Felix Kangwa also besitzt neuerdings diese kleine Pumpe. Mit ihrer Hilfe kann er Wasser aus einem Bach auf seine Gemüsebeete umleiten. Die zweihundert Dollar zahlte er von einem Entwicklungskredit. Kangwa demonstriert nun, wie sie funktioniert: Er steigt auf die blaue Metallpumpe, erfunden 1999 im bitterarmen Malawi. Der Bauer beginnt zu steppen. Aus einem Plastikschlauch, der hinter einer Böschung in einen kleinen Bach mündet, strömt das Wasser hoch. „Ich muss nicht mehr ins Fitness-Studio gehen“, sagt er. Fitnessstudios kennt er ziemlich gut aus dem Fernsehen.

Kinder aus Nkolemfumu helfen bei der Bewässerung. Foto: Jan Grossarth

Das Wasser ist Leben. Es verteilt sich dann über ein mittels knöchelhöher Lehm-Wänden angelegtes Terrassensystem. In dieser Provinz haben schon fünfzig Bauern so ein Gerät, allein in Nkolemfumu sind es acht. Kangwa teilt sie sich mit seinem Nachbarn Abel. So wächst auch in der Trockenzeit Gemüse. Sie bewässern achtzehn mal fünf Parzellen. Auf einer Parzelle wachsen, zum Beispiel, zwanzig Zuckermaispflanzen. Diese bringen vier Dollar, wenn es so viele Käufer gibt. Drei Mal im Jahr können die Bauern hier Tomaten, Lauch oder Zuckermais ernten. Ein großer Schritt für Nkolemfumu.

Aber ist so etwas eine Antwort auf die große, höchst politische, irgendwie schrecklich abstrakte, hypothetische und akademische – aber gleichwohl existenzielle – Frage nach der Welternährung? Müsste auch Kangwa so ackern wie Dettweiler? Oder wird eines Tages selbst so ein Rheinhesse zum Auslaufmodell?

In Wintersheim wächst Wein und Wind. Foto: Wolfgang Eilmes
In Nkolemfumu wartet der präparierte Sandboden auf die Einsaat der Bohnen. Im Hintergrund sprießt schon der Mais. Foto: Chanda Chipwepwe

Die Erbse aus Wintersheim ernährt Schweine, China und Russland

Was ist der Beitrag der Berges Dettweiler GbR zur globalen Tischgemeinschaft? Sie liefert Weizen an eine Mühle, Gerste an eine Mälzerei, Erbsen an Tiermäster. Dettweiler weiß aber nicht, was aus dem Mehl wird, das aus seinem Weizen gemacht ist. Oder was aus den Schweinen wird, die all die Erbsen fressen, die er im vergangenen Spätsommer geerntet hat.

Zum Beispiel seine Erbsenbestände: Die haben sie gerade erst an einen Schweinemäster im Emsland verkauft. Emslandschweine fressen die Erbsen, dann werden sie zu Lendchen und Wurst. Solches Schweinefleisch, das wissen die Statistiken, geht teilweise auf Weltreise. Darin stecken gewissermaßen Axel Dettweilers Erbsen. Grob ein Fünftel des deutschen Schweinefleischs ist die Exportquote, das verkaufen Schlachtkonzerne wie Tönnies ins Ausland. Und immer mehr. Neben westlichen Industrieländern geht das deutsche Fleisch zu den wachsenden Mittelschichten in Chinas und Russlands Industriezentren. Und es geht – Huhn und Rind, nicht das Schwein – nach Saudi-Arabien. Das zahlt seine Rechnung gewissermaßen mit Erdöl.

Ohne solche Überlegungen kommt man nicht weiter. Handel, Energie, Öl sind zentrale Ebenen der Analyse. Die Welternährungsfrage entscheidet sich nicht allein bei den Hunderten Millionen Bauern der Welt. Man darf sich diese Frage also nicht nur als einen Wettlauf vorstellen von Bauern. Man muss auf die Handelsströme achten zwischen Ländern, Konzernen und Menschen, die Dollars und Euro, Yuan und Yen besitzen. Diese Ströme fließen vor allem zwischen Industriestaaten und rohstoffreichen Ländern.

Axel Dettweilers Frau und Kinder und ein kleiner Teil der Familie von Felix Kangwa mit Nachbarskindern. Fotos: Wolfgang Eilmes, Jan Grossarth

Felix Kangwa mag keine Schweine, er ist ein gläubiger christlicher Sieben-Tage-Adventist und hält sich an alte Speisegebote. Aber abgesehen von der Religion: Alle Kleinbauern wie er leben in den Entwicklungsländern nahezu vegetarisch. Denn es fehlt an Kaufkraft. Auf den Tisch der Familie Kangwa kommt immer derselbe Maisbrei, zur Abwechslung mal mit gekochtem Lauch, mal mit Tomaten, mit Bohnen, anderen Bohnen. „Wir essen einmal im Monat ein Huhn, oder seltener“, sagt er. Das sind aber die Hühner vom Hof oder dem der Nachbarn. Es herrscht hier überwiegend Tauschwirtschaft. Eine Studie vor einigen Jahren ergab in ähnlichen Dörfern in der Nähe von Nkolemfumu, dass die Einwohner durchschnittlich etwa zwischen einhundertachtzig und siebenhundert Dollar zu Verfügung haben. Im Jahr. Da bliebe kaum Geld für ein sogenanntes Billighuhn aus deutscher Massenhaltung. Aber auch diese Hühner aus sambischen Tierfabriken, die es auch längst gibt, etwa die neue von Zambeef Products Plc., das in der Woche zweihunderttausend Hühner schlachtet.

Die sind viel zu teuer für die arme Landbevölkerung. Zumal es in Nkolemfumu ja nicht mal einen Laden gibt. Mit anderen Worten: Axel Dettweilers Erbsen ernähren Sambias Landbevölkerung nicht. Die muss das schon selbst machen.

Der globale Tisch ist gedeckt mit Regen, Sonne und Erdöl

Zurück zu dem Gedanken, dass der globale Handel vor allem einer unter reichen Staaten ist – reich an Industrie, reich an Rohstoffen wie Öl. Bauern leben ja nicht von Regen und Böden und Sonne allein. Die Rohstoffe sind zunehmend eine Grundlage für hohe Ernten. Zum Beispiel das Erdöl: Von Arabien, Iran oder Russland kommt es auf Schiffen nach Rotterdam, es schippert darauf etwa den Rhein herab. Hier kreuzt es fast die Wege von Axel Dettweilers Mähdrescher. Keine zehn Kilometer von Wintersheim entfernt fahren die Frachtschiffe auf dem Rhein in Richtung Ludwigshafen, zur BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt. Konzerne wie BASF machen aus Öl verschiedene chemische Pflanzenschutzmittel. Und aus der Luft machen sie Stickstoffdünger, unter Einsatz großer Mengen Öl.

Beides kommt auch auf dem Hof von Axel Dettweiler an. Hier geht die Energie aufs Feld, in die Erbse, dann ins Schwein, ins Schlachthaus, und, zum Beispiel, zurück nach Russland, in das Herkunftsland des Öls, und immer so weiter.

Und auch Sambia exportiert Rohstoffe, vor allem Kupfer, vor allem nach China und in die Schweiz. Und auch Sambia importiert Süßigkeiten, Wein, Wurst und andere verarbeitete Lebensmittel aus der EU. Die gibt es in den wenigen Supermärkte der Metropolen, in der Hauptstadt Lusaka. Die sind für Felix Kangwa so weit weg wie der Mond.

Nach diesem Beispiel muss man sich die globale Nahrungsversorgung vorstellen, um verstehen zu können, wer wen ernährt. Und wovon wir uns ernähren. Also: in Energieeinheiten. Öl wird zu Dünger und zur Erbse und zu Schwein. Dazwischen steht eine gigantische Global-Logistik mit Containerschiffen, Lastwagen, Güterzügen. Auf jedem Meter Landwirtschaft, Transport und Verarbeitung geht ein wenig Energie verloren: Sie sickert als überschüssiger Stickstoffdünger in die Böden, sie wärmt die Luft rund um die Chemiefabriken, sie wärmt die Luft der Schweineställe in der Form der Wärme, die die Schweine abgeben. Die Energie geht vom Menschen über seine Fäkalien und die Klärwerke in die Flüsse und Meere. Auf jedem Stück der Reise hinterlässt sie auch ihre Spuren in den Ökosystemen. Auch diese Spuren soll die Serie „Race to feed the world“ über ein Jahr verfolgen.

Und dabei soll der Blick von Statistiken, Studien und Forschungslaboren immer wieder auf diese beiden Bauernhöfe zurückgehen, auf denen all dies sichtbar und spürbar wird. Und fragen: Wo kreuzen sich die Wege der globalen und der lokalen Handelsströme für Lebensmittel? Mit welchen Folgen für die Menschen vor Ort? Was hat Wintersheim mit Nkolemfumu zu tun? Was kann das eine vom anderen lernen?

Dettweiler im Kornspeicher. Teile hat er mit seinem Compagnon Gerhard Berges gerade über einen Agrarhändler im Januar an eine Getreidemühle verkauft. Foto: Wolfgang Eilmes

Felix Kangwa und Axel Dettweiler säen in zwei Welten, doch die sind nicht voneinander isoliert. Ihre Länder sind im Austausch miteinander. Das Getreide von Bauern wie Dettweiler essen auch Käufer südlich der Sahara. Zehn Prozent des deutschen Weizenexports geht in die am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Dazu zählen Sambia und seine Nachbarn wie Malawi, Kongo, Mosambik oder Tansania. In Euro gemessen geht aber nicht mal ein Prozent der deutschen Lebensmittelausfuhr in diese armen Staaten. Die Ernährungsindustrie hat kein Interesse daran, Essen an Menschen zu verkaufen, die Rechnungen nicht bezahlen können.

Sambia bemüht sich also um Industrialisierung. Regen, Maschinen und Dünger reichen nicht, nötig ist der Ausbau der gesamten industriellen Infrastruktur. Überall bauen chinesische Staatskonzerne Straßen, Schulen und Shopping Malls. Und es gibt auch landwirtschaftliche Infrastruktur, die hilft, die Teller zu füllen: In Kasama, der naheliegendsten Stadt von Nkolemfumu aus, steht seit einigen Jahren zum Beispiel eine Anlage, die Reis von den Hülsen trennt, wäscht und siebt. Die lokale Reisfirma berät die Bauern bezüglich Lagerung, Düngung, Sortenauswahl. „Die Ernten stiegen seit 2010 dadurch von zweieinhalb auf fünfeinhalb Tonnen je Hektar“, sagt der Fabrikleiter. Die Anlage kam gebraucht aus China. Alle Wartungsanleitungen sind auf Chinesisch verfasst. Eine Ratte nagt an einem Reissack.

Ohne die Kleinbauern hat die Welt nicht genug zu Essen

Der Anteil der Unterernährten an der sambischen Bevölkerung ist im Weltmaßstab mit rund 47 Prozent extrem hoch. Und Sambia ernährt sich größtenteils selbst. Auch mit großen industriellen Farmen, die rund um die Hauptstadt Lusaka vom Flugzeug aus an ihren kreisrunden, satt grün bewässerten Feldern zu erkennen sind. Mit Hühner- und Rinderfarmen, mit Zucker- und Reisfabriken. Vor allem aber mit den Kleinbauern, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.

Bevölkerungswachstum in Zentralafrika


Felix Kangwa ernährt Sambia. Das Land braucht seinen Mais. Auch, um ihn an die Nachbarländer verkaufen zu können, in denen weniger Regen fällt. Der Bedarf wächst mit jeder Geburt: Im Nachbarland Tansania, etwa zweihundert Kilometer von Kangwas Bauernhof entfernt, sind es 1,7 Millionen Kinder im Jahr, in der nahen Demokratischen Republik Kongo 2,6 Millionen. Sambia ist überhaupt das einzige Land im südlichen Afrika, das mehr Mais hat, als es verbraucht. Die Händler fahren ihn über alle Grenzen: nach Tansania und Kongo im Norden, Malawi und Moçambique im Osten, Simbabwe, Botswana im Süden, nach Namibia und Angola im Westen. In Flugzeugen und Schiffen geht der Mais sogar nach China – eine Gegenleistung für alte Reisfabriken und neue Straßen. Auch China verbraucht mehr Mais, als es erzeugen kann. Sambias Kleinbauern ernähren die Welt. Felix Kangwa ernährt China. In China trifft sich sein Mais vielleicht mit dem aus Wintersheim.

Kangwa ernährt die Welt. Aber so denkt er nicht. Er hat ja nicht mal ein Motorrad. Sein Land Sambia hat Wasser, hat Frieden, es hat Hoffnung. Die Seelen der Menschen wurden Jahrzehnte von Bürgerkriegen oder Diktatoren verschont. Das Land, doppelt so groß wie Deutschland, ist noch sehr dünn besiedelt. In den Kirchen, die überall die Straßenränder säumen, beten die Priester und Pfarrer für Wohlstand. Sie beten für Wachstum.

Die Nordprovinz, in der Nkolemfumu liegt, hat sogar so viele Regenfälle, dass sie ein Reservoir für die Ernährung ist. Selbstverständlich ist der Niederschlag aber nicht mehr. „Wir spüren den Klimawandel“, sagt Felix Kangwa. Vor zwei Jahren kostete eine Trockenheit ihn drei Viertel der durchschnittlichen Maisernte. „Wir haben hier aber mehr Regen und Wasser als die Saharaländer, also können wir künftig immer mehr dorthin exportieren“, hofft Kangwa. „Wir sind mit Regen gesegnet.“ Und auch Kangwa selbst geht es heute besser als je zuvor. Kangwa hat neuerdings ein festes Dach über seinem kleinen Wohnhaus aus Backstein, er hat vier Kinder durch die Mittelschule gebracht, zwei arbeiten in der Stadt und verdienen Geld. „Ich habe sogar elektrischen Strom“, sagt der er. Und er hat ein Handy.

Und Hybridmais. Der ist die Basis von Kangwas bescheidenem Wohlstand. Hybridmais ist eine Art Inzest-Pflanze, die größere Erträge bringen – wenn man sie nur gut düngt. Der nötige Stickstoff-, Kali- und Phosphor-Dünger kommt vom Händler aus Kasama, vierzig Kilometer entfernt. Solche Wege fährt man hier mit dem Fahrrad. In schlechten Jahren erntet Kangwa fünfmal so viel Mais, wie seine Familie für sich benötigt. In guten Jahren ernten sie dreißigmal so viel. Mit dem Hybridmais hat auch der Kleinbauer einen Schritt der landwirtschaftlichen Industrialisierung gemacht – einen, der im Amerika der 1930er Jahre begann und der in Deutschland in den 1960er Jahren durchschlug. Felix Kangwa nutzt seit mehr als zehn Jahren Hybridsaaten. Nicht ohne Nachteile: Jetzt muss er auch das Saatgut jedes Jahr kaufen. Mit dem Hybridmais kommen ökologische Probleme auf: „Die Böden wurden anfangs immer ärmer“, sagt er. Erst als er Bohnen dazu säte, die Stickstoff binden, habe sich das wieder gebessert.

Und er hat vieles geändert. Man nennt es „Conservation Farming“: vielfältige Pflanzen, auch bodendeckende Erdnüsse, die Pflanzenreste der Ernte verbleiben auf dem Boden. Seither spart er rund achtzig Dollar im Jahr für das Pflügen: „Für das Geld schicke ich meine Kidner in die Schule oder kaufe zwei Fässer Dünger.“ Die Böden bleiben erhalten, die Ernte steigt. Sein Dünger und die Samen fahren hier weite Wege. Die Saaten kommen von Konzernen wie Pioneer aus den Vereinigten Staaten oder MRI Seed Zambia und auch der meiste Dünger komme aus Fabriken in der Hauptstadt Lusaka, sagt Kangwa – elf Autostunden entfernt. Die im Land zunehmenden Maisflächen und auch Monokulturen sind etwa auch ein Paradies für Maiszünsler oder Maiswurzelbohrer, die bedrohlichsten Schädlinge. In Afrika steigen dann Flugzeuge mit Kampfpiloten gegen sie in den Himmel. Das Militär Sambias schickte in diesem Winter ihre Flugzeuge mit Insektiziden über die Felder. Für Kangwa lohnt sich der Hybridmais.

Einsatz von Düngemitteln


Pflanzenzucht, chemische Pestizide und Dünger aus Stickstoff, Phosphor und Kalisalz. Diese drei sind im Jahr 2018 tragende Säulen der Welternährung. Die Düngerproduktion geht seit Jahrzehnten ziemlich genau mit dem Wachstum der Weltbevölkerung einher. Die drei sind schnelle Turnschuhe im Wettlauf ums Überleben – oder als skeptische Metapher: Es sind die Dopingmittel. Sie setzten sich mehr oder weniger global durch in den 1960er Jahren. „Der einzige Kontinent, in dem es keine grüne Revolution gab, war Afrika“, sagte kürzlich die äthiopische frühere Wall-Street-Getreidehändlerin Sara Menker in einer Rede auf einer im Internet übertragenen Konferenz. In zehn Jahren werde das Essen auf der Welt knapp, liest Menker aus ihren Daten. Die angeblich einzige Lösung: „Afrikas Landwirtschaft muss kommerzialisiert werden, dann kann Afrika sogar ein großer Nettoexporteur von Lebensmitteln werden.“ Ein anderer Weg könnte es aber auch sein, dass sich die Produktion von der Fläche löst: in in urbanen Kreislauffarmen, beleuchtet mit LED-Licht.

Aber auch auf den Feldern bescheidener christlicher Kleinbauern gibt es Veränderungen. Es ist nicht so, dass Felix Kangwa noch der Bauer wäre, der er vor zehn Jahren war. Hier und in vielen Dörfern Afrikas steigen die Ernten auch ohne Revolution. Man sieht es überall, wenn man von Nkolemfumu in die umgebenden Dörfer fährt: Zum Beispiel auch in Lwabe, wo mehrere hundert Menschen im Umkreis einer Grundschule von der Landwirtschaft leben. In diesem Dorf stieg die Ernte in den vergangenen drei Jahren um mehr als ein Fünftel, sagen die Zahlen der UN-Organisation für ländliche Entwicklung Ifad. Sie finanziert hier Schulungen für den gleichzeitigen Anbau von Erdnüssen, Bohnen und Mais. „Sie ernten jetzt mehr als fünfzig Säcke Mais pro Hektar“, sagt die Landesdirektorin der Organisation, Abla Benhammouche, auf einer Einladungsreise für Journalisten. Ein Sack fasst fünfzig Kilo, Lwabe erntet also zweieinhalb Tonnen.

Wintersheim erntet im Januar 2018 vor allem Strom

Wintersheim hat kräftigere Traktoren, es trägt viel mehr zur globalen Speisetafel bei, und es hat mehr landwirtschaftliche Geschichte. Im Dorfkern kann man sie nachvollziehen: Fast jedes Haus ist ein alter Bauern- oder Winzerhof. In dieser Zeit kamen auch die Dettweilers hierher, Mennoniten aus dem Schweizer Dorf Dettwyl. Sie verstanden sich vortrefflich auf Ackerbau und gottgefällige Sparsamkeit. Alte, von Sandsteinmauern eng umschleuste Wege führen durch Wintersheims alte Bauerngärten. Als Axel Dettweilers Ur-Ur-Ur-Ahnen hier ankamen, hatten sie wohl Eisenpflüge und Ochsenkarren und Pferde, es gab einen Handel mit Getreide, Fleisch, Milch und Gemüse, der bis nach Mainz und Frankfurt reichte.

Wintersheim heute: Um den alten Dorfkern gibt es Siedlungshäuser, dahinter beginnen Felder und Monokulturen aus Weinreben. Es gibt im Dorf keine Schweine mehr, keine Hühner. Dafür gibt es hier jetzt Stromkraftwerke – Windräder, wohin man blickt. Axel Dettweiler liebt sie zwar nicht, aber er sagt: „Bei guter Sicht kann man das Atomkraftwerk Biblis sehen. Die Windräder sind keine Schönheit, aber sie sind mir lieber als das.“ Im alten Ortskern wirtschaften noch zehn Bauern. Sie haben sich in dieser warmen Region mit guten Böden auf Acker- und Weinbau spezialisiert. Vor vielen Jahren gab der letzte Tierhalter auf.

Der Januar beginnt für Axel Dettweiler und seine vier Kinder mit einer Influenza. Auf halber Strecke in den Skiurlaub kehrt die Familie um und legt sich in die Betten. Es ist auch nicht viel zu tun in dieser Zeit. Die Felder sind regendurchweicht, man kann sie nicht befahren, und es wäre laut EU-Vorgaben auch nicht erlaubt. Die Beihilfen aus Brüssel – für viele europäische Bauern die Hälfte des Einkommens – würden für Teilflächen gekürzt, wenn der Bauer jetzt aufs Feld führe. Aus Gründen des Bodenschutzes. Auf den Feldern stehen nun Phacelia, Sonnenblumen, Ölleinen, Ramtillkraut – eine EU-Umweltauflage, das Greening. Das gibt es in Sambia nicht. Die Zwischenfrüchte sorgen dafür, dass Nährstoffe im Boden fixiert werden und sich Humus bildet. Die Bauern sind sehr damit beschäftigt, solche Auflagen im Blick zu haben. Sie ändern sich oft, ab Januar gilt eine neue Düngeverordnung. Im Bauernblatt liest Axel Dettweiler sonst meist nur die Tabellen mit regionalen Getreidepreisen. „Wir verhalten uns im Grunde opportunistisch“, sagt er, „wir reagieren auf Preise, staatliche Programme und schauen, was nachhaltig ist.“

In Rheinhessen ist die Landschaft total industrialisiert. Foto: Wolfgang Eilmes

Düngen darf er erst ab Februar. Dettweiler macht nun notgedrungen Steuersachen. Er und sein Compagnon Berges telefonieren mit Agrarhändlern. An sie verkaufen die beiden in diesem Januar Teile der Gersten- und Weizenlagerbestände. Sie lassen die Reste der Rübenernte vom Herbst in die Zuckerfabrik bringen. Dettweiler versucht in der zweiten Januarwoche seinen Mähdrescher zu verkaufen, es gibt Interessenten. „Es macht einen wichtigen Teil unseres Einkommens aus, dass ich die gebrauchten Maschinen gut verkaufe“, sagt er. Das kann mehr bringen, als fünf Hektar Ernte.

Das Beispiel zeigt, was ein europäischer Ackerbauer können muss. Säen und ernten reicht nicht. Er muss Maschinenhändler sein und Weizenverkäufer. Dettweiler hat auch einen Nebenjob: als Berater für den Saatgutkonzern KWS. Er besucht Bauerntage und Messen, jetzt im Januar die Agrartage Nieder-Olm des örtlichen Bauernverbandes. Dort drückt er Bauern Prospekte über Sortenleistungen in die Hand. „Das wird nicht hoch bezahlt, aber es bringt Synergieeffekte“, sagt er.

Dettweiler sieht seine Kinder zu den Mahlzeiten, Kangwa könnte ohne die ständige Mitarbeit seiner Kinder nicht leben. Kangwa blickt zum Himmel und hofft auf Regenwolken. Dettweiler blickt auch aufs Wetter, aber das sieht er auf dem Smartphone. Und darauf hat er auch die Agrarpreise und Zinsentwicklung im Blick. Er sagt: „Es ist ein großer Druck. Es gibt auch bestimmt nicht weniger Bauern, die in Burnout-Kliniken sind, als in anderen Berufsgruppen.“ Seine Ernten hängen an Krediten, Weizen-, Diesel- und Dügerpreisen. Und in Sambia? Da ist das auch nicht mehr ganz anders.

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Fotos: Wolfgang Eilmes, Chanda Enock Chipwepwe, Jan Grossarth, David Paqui (Ifad)
Videos: Daniel Blum, Wolfgang Eilmes, David Paqui (Ifad)
Animation: Carsten Feig
Layout, Infografiken: Jens Giesel

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.01.2018 12:59 Uhr