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Veröffentlicht: 12.01.2013, 15:00 Uhr

Prozess um russisches Agentenpaar Die Maulwürfe im deutschen Garten

Wie im Kalten Krieg: Ein russisches Agentenpaar spionierte mehr als zwanzig Jahre unerkannt in Deutschland. Nun steht es in Stuttgart vor Gericht.

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© F.A.Z.

Am Dienstag werden Sascha und Olga als Angeklagte vor dem Oberlandesgericht Stuttgart erscheinen. Wenn Sascha und Olga denn so heißen. Ihre wahren Namen kennt das Gericht nicht. Obwohl sie 23 Jahre lang in Deutschland gelebt haben. Sie führten ein bürgerliches Leben, er als Ingenieur, beschäftigt bei verschiedenen Automobilzulieferern in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg, sie als Hausfrau und Mutter. Ein Leben mit einer Tochter, einem Einfamilienhaus, drei Autos und regelmäßigen Urlauben. Ihre österreichischen Pässe lauteten auf die Namen Andreas und Heidrun Anschlag. In Wirklichkeit sind Sascha und Olga hauptamtliche russische Agenten. Fast ein Vierteljahrhundert haben sie unentdeckt in Deutschland spioniert, Befehle aus Moskau erhalten und Informationen dorthin geliefert.

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Es ist der größte bekannte Spionagefall in Deutschland seit dem Fall der Mauer. Seine Anfänge gehen zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Daran wird am Dienstag auch die Anwesenheit des Verteidigers erinnern. Es ist der Münchner Anwalt Horst Dieter Pötschke. Einst hat er Günter Guillaume verteidigt, den Spion im Kanzleramt, über den Willy Brandt als Kanzler stürzte.

Ertappt

Das bürgerliche Leben der Familie Anschlag endete am 18. Oktober 2011 im hessischen Marburg-Michelbach und im baden-württembergischen Balingen. Eine Truppe der Anti-Terror-Einheit GSG9 holte Andreas Anschlag gegen drei Uhr morgens aus dem Bett in seiner Zweitwohnung und verhaftete ihn. Das war in Balingen, wo er seit einem halben Jahr in einem Technikunternehmen als „Leiter für Sonderprojekte“ arbeitete. Gut drei Stunden später stürmten Männer der Spezialeinheit das Wohnhaus des Ehepaars in Marburg und erwischten Heidrun Anschlag just in dem Moment, wo sie über einen Kurzwellenempfänger, der mit einem Decoder und einem Laptop verbunden war, Funksprüche aus Moskau empfing. Das hatte sie seit vielen Jahren getan, frühmorgens, ein- bis zweimal die Woche.

Die Funksprüche, die Heidrun Anschlag mit einem Gerät in der Größe einer Brotdose empfing, sind kaum zu knacken, weil sie verschlüsselt sind. Wer den Code nicht kennt, kann das Rauschen nicht entziffern. Die Beamten fanden größere Summen ausländischen Geldes in der Wohnung und eine Reihe von Geheimdokumenten. Die Anschlags wurden direkt aus der Zentrale des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR geführt; sie waren sogenannte „Illegale“, hauptamtliche Agenten.

Geordneter Abzug anstatt Flucht

Anfang August 2011 hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz durch die Amerikaner und einen osteuropäischen Partnerdienst von der Existenz des Agentenpärchens erfahren. Die Fachleute von der deutschen Spionageabwehr waren elektrisiert - viele hatten nicht geglaubt, dass die Sowjetpraxis der „Illegalen“ noch existiert. Nun galt es, vorsichtig zu sein, man hatte es mit Profis zu tun. Observanten wurden nicht eingesetzt, Erkundigungen bei Firmen und in der Nachbarschaft fielen aus. Die Telefone der Anschlags wurden abgehört. Bald stellten die Verfassungsschützer fest, dass die Agenten ihre Abreise vorbereiteten. Sie kündigten Zeitschriftenabos, verschenkten Bücher an Bibliotheken, erkundigten sich nach Speditionen. Sie sprachen oft über „die Sache“, wenn sie die Ausreise meinten, und von dem Problem, dass die erwachsene Tochter in Marburg studierte.

Ihre Umgebung beobachteten sie mit großem Misstrauen. Andreas Anschlag achtete im Auto stets darauf, ob ihm jemand folgte. Seine Frau machte sich Sorgen, weil der Müll aus dem Garten verschwunden war. Und sie fragte sich sogar, was die Maulwurfshügel im Garten zu bedeuten hatten. Schnell wurde den Verfassungsschützern klar: Der russische Dienst hatte Wind davon bekommen, dass man seinen Leuten auf der Spur war schließlich war kurz zuvor durch einen Überläufer ein Agentenring in den Vereinigten Staaten aufgeflogen. Doch wie nahe die Deutschen an dem Agentenpaar dran waren, wussten die Russen nicht. So entschied sich der Auslandsgeheimdienst für einen geordneten Abzug, nicht für die eilige Flucht. Glück für die deutsche Spionageabwehr.

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