Home
http://www.faz.net/-gpf-q0p1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zwangsprostitution Zur Sklavenarbeit nach Berlin

Es begann mit einem falschen Visum und endete als Nebenklägerin im Prozeß gegen ihren Peiniger: Die Lebensgeschichte von Irina, die sich prostituieren mußte.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Mit Versprechungen gelockt - zur Prostitution gezwungen

„Ich werde dir Europa zeigen, du wirst für mich in Deutschland arbeiten und du wirst eine gute Zukunft haben“, versprach ihr der gelernte Schweißer Boris B. Und Irina C. aus Skala Podolskaya hat das anfangs glauben wollen.

Peter Carstens Folgen:  

Die siebenundzwanzig Jahre alte Ukrainerin verließ ihre galizische Heimat, wo sie als Lehrerin dreizehn Euro pro Monat verdient hatte. Das war zuwenig für sie und ihren damals vier Jahre alten Sohn, schon der Kindergarten kostete vier Euro. Irina C. ging nach Deutschland, um für eine gute Zukunft zu arbeiten, doch alles, was sie sah, waren schäbige Wohnungen, gierige Männer und am Ende das Kriminalgericht in Berlin-Moabit.

Mehr zum Thema

„Direktor, Vater und Gott“

Im August 2000 traf sie im Kulturhaus von Skala Podolskaya einen Mann, der anbot, ihr eine Arbeit als Haushaltshilfe und Kindermädchen in Polen verschaffen zu können. Irina willigte ein. Mit geliehenem Geld vom Vater ihres Sohnes - fünfundsechzig Euro - besorgte sie sich einen Paß und reiste im Mai 2001 nach Polen. Dort wurde sie in der Nähe von Breslau von Boris B. empfangen, einem damals dreißig Jahre alten Landsmann. Boris B. war in einem Internat aufgewachsen, hatte als Soldat der Sowjetarmee in Afghanistan gedient, hatte Geschäfte in Polen gemacht und war 1998 als Autohändler nach Deutschland gekommen. Dann eröffnete er in Berlin ein Bordell. Und für das brauchte er Frauen.

B. machte Irina C. Versprechungen und teilte ihr mit, so erinnert sie sich, von nun an sei er ihr „Direktor, Vater und Gott“. Auf dem Tisch des Hauses, in dem sich dies zutrug, lagen Pornohefte. Die solle sie sich ansehen, habe Boris B. zu ihr gesagt. Zur Vorbereitung auf die Arbeit.

In Abschiebehaft

Doch zunächst mißlang der Versuch, die junge Frau nach Deutschland zu schleusen. Irina fuhr in die Tschechische Republik, von dort aus wollten sie und ein Begleiter mit dem Zug nach Berlin reisen, wo B. einen „Haus- und Hotelbetrieb“ aufgezogen hatte, eine Frauenvermietung, in der nach Kenntnis der Staatsanwaltschaft mindestens sechzehn Frauen als Prostituierte arbeiten mußten.

Die meisten von ihnen waren, wie Irina, mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt worden. Doch diese Fahrt nach Berlin endete schon vor der Grenze. Bei einer Personenkontrolle flog Irina C. auf. Sie schrieb den polnischen Namen aus ihrem verfälschten Paß falsch, und außerdem sprach sie kein Polnisch. Die tschechische Grenzpolizei nahm sie fest, Irina kam in Abschiebehaft.

Zurück in der Ukraine, fanden die Schleuser sie rasch wieder. Beim nächsten Versuch sollte es klappen. Doch Irina C. war skeptisch geworden durch das Erlebnis mit den Pornoheften aus Breslau. Aber es gab kein Zurück, denn sie hatte kein Geld mehr, und der Mann, der sie nunmehr bewachte, sagte, sie habe schon zuviel gekostet - allein zweitausend Euro schulde sie für die mißlungene Schleusung. Das müsse sie in Deutschland abarbeiten. Diesmal wolle man es mit einem Visum der Botschaft versuchen.

Teilnahme an einer Gruppenreise

So geschah es. Die 450 Euro für das erschlichene Schengen-Visum der deutschen Auslandsvertretung übernahm zunächst Boris B., den das Landgericht Berlin im Frühsommer 2004 wegen gewerbsmäßiger Schleusung, Menschenhandel, Zuhälterei und anderer Delikte zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt hat. Am 28. Mai 2001 fuhren Irina und ein Begleiter zur polnisch-deutschen Grenze nach Slubice/Frankfurt an der Oder. Dort übergab B. ihr eine Teilnehmerliste für eine Gruppenreise sowie eine Hotelreservierung. Bei einer Kontrolle sollte sie gegebenenfalls erzählen, sie hätte ihre Reisegruppe verloren. Die Reisegruppe gab es natürlich gar nicht, das Hotel war bloß eine Fassade, wie in so vielen Fällen der Visa-Erschleichung an der deutschen Botschaft in Kiew.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ukraine-Konflikt Als Stalin Hitlers Verbündeter war

Präsident Putin hat die Tradition der Angriffskriege in Europa wiederbelebt. Das Geschichtsbild wird dieser Entwicklung angepasst - und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 rehabilitiert. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Timothy Snyder

20.12.2014, 08:27 Uhr | Politik
Freihandelszone Grenzverkehr zwischen Europa und Russland bringt Wirtschaftsboom

Noch vor der Ukraine-Krise startete das Pilotprojekt zwischen der EU und Russland - ein Grenzverkehr zwischen den polnischen Regionen Danzig und Masuren und dem russischem Gebiet Kaliningrad. Ohne große Visumformalitäten können Polen und Russen die Seiten wechseln. Es ist ein regionaler Wirtschaftsboom entstanden, der durch die Folgen der Ukraine-Krise gefährdet ist. Mehr

19.11.2014, 16:15 Uhr | Wirtschaft
Groß-Gerau Iranische Familie findet Asyl in der Kirche

Weil einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran die Abschiebung drohte, kümmerte sich eine Gemeinde in Groß-Gerau um sie - und gewährte Kirchenasyl. Die mittelalterliche Tradition verändert noch heute Leben. Mehr

12.12.2014, 18:39 Uhr | Rhein-Main
Transport durch Deutschland MH17-Wrackteile auf dem Weg in die Niederlande

Der Konvoi mit den geborgenen Wrackteilen des über der Ukraine abgeschossenen Flugzeugs mit der Flugnummer MH17 überquert die polnisch-deutsche Grenze. Mehr

08.12.2014, 08:06 Uhr | Politik
Wieder ein Krieg in Europa? Denen rutscht doch das Herz in die Hose

Jüngst veröffentlichten bekannte Persönlichkeiten dieses Landes den Aufruf Wieder ein Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen! Dieser Appell führt in die Irre. Er ist auf Putins Russland fixiert und blendet die Ukraine fast völlig aus. Mehr Von Bert Hoppe

10.12.2014, 22:18 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.02.2005, 21:03 Uhr

Sicherheit kostet

Von Reinhard Müller

Der Tadel aus Brüssel zum Thema mangelnde Flughafensicherheit trifft gerade den Musterknaben Deutschland. Eine Erinnerung, dass nicht an der falschen Stelle gespart werden sollte. Mehr 6 7