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Zwangsprostitution Zur Sklavenarbeit nach Berlin

27.02.2005 ·  Es begann mit einem falschen Visum und endete als Nebenklägerin im Prozeß gegen ihren Peiniger: Die Lebensgeschichte von Irina, die sich prostituieren mußte.

Von Peter Carstens
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„Ich werde dir Europa zeigen, du wirst für mich in Deutschland arbeiten und du wirst eine gute Zukunft haben“, versprach ihr der gelernte Schweißer Boris B. Und Irina C. aus Skala Podolskaya hat das anfangs glauben wollen.

Die siebenundzwanzig Jahre alte Ukrainerin verließ ihre galizische Heimat, wo sie als Lehrerin dreizehn Euro pro Monat verdient hatte. Das war zuwenig für sie und ihren damals vier Jahre alten Sohn, schon der Kindergarten kostete vier Euro. Irina C. ging nach Deutschland, um für eine gute Zukunft zu arbeiten, doch alles, was sie sah, waren schäbige Wohnungen, gierige Männer und am Ende das Kriminalgericht in Berlin-Moabit.

„Direktor, Vater und Gott“

Im August 2000 traf sie im Kulturhaus von Skala Podolskaya einen Mann, der anbot, ihr eine Arbeit als Haushaltshilfe und Kindermädchen in Polen verschaffen zu können. Irina willigte ein. Mit geliehenem Geld vom Vater ihres Sohnes - fünfundsechzig Euro - besorgte sie sich einen Paß und reiste im Mai 2001 nach Polen. Dort wurde sie in der Nähe von Breslau von Boris B. empfangen, einem damals dreißig Jahre alten Landsmann. Boris B. war in einem Internat aufgewachsen, hatte als Soldat der Sowjetarmee in Afghanistan gedient, hatte Geschäfte in Polen gemacht und war 1998 als Autohändler nach Deutschland gekommen. Dann eröffnete er in Berlin ein Bordell. Und für das brauchte er Frauen.

B. machte Irina C. Versprechungen und teilte ihr mit, so erinnert sie sich, von nun an sei er ihr „Direktor, Vater und Gott“. Auf dem Tisch des Hauses, in dem sich dies zutrug, lagen Pornohefte. Die solle sie sich ansehen, habe Boris B. zu ihr gesagt. Zur Vorbereitung auf die Arbeit.

In Abschiebehaft

Doch zunächst mißlang der Versuch, die junge Frau nach Deutschland zu schleusen. Irina fuhr in die Tschechische Republik, von dort aus wollten sie und ein Begleiter mit dem Zug nach Berlin reisen, wo B. einen „Haus- und Hotelbetrieb“ aufgezogen hatte, eine Frauenvermietung, in der nach Kenntnis der Staatsanwaltschaft mindestens sechzehn Frauen als Prostituierte arbeiten mußten.

Die meisten von ihnen waren, wie Irina, mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt worden. Doch diese Fahrt nach Berlin endete schon vor der Grenze. Bei einer Personenkontrolle flog Irina C. auf. Sie schrieb den polnischen Namen aus ihrem verfälschten Paß falsch, und außerdem sprach sie kein Polnisch. Die tschechische Grenzpolizei nahm sie fest, Irina kam in Abschiebehaft.

Zurück in der Ukraine, fanden die Schleuser sie rasch wieder. Beim nächsten Versuch sollte es klappen. Doch Irina C. war skeptisch geworden durch das Erlebnis mit den Pornoheften aus Breslau. Aber es gab kein Zurück, denn sie hatte kein Geld mehr, und der Mann, der sie nunmehr bewachte, sagte, sie habe schon zuviel gekostet - allein zweitausend Euro schulde sie für die mißlungene Schleusung. Das müsse sie in Deutschland abarbeiten. Diesmal wolle man es mit einem Visum der Botschaft versuchen.

Teilnahme an einer Gruppenreise

So geschah es. Die 450 Euro für das erschlichene Schengen-Visum der deutschen Auslandsvertretung übernahm zunächst Boris B., den das Landgericht Berlin im Frühsommer 2004 wegen gewerbsmäßiger Schleusung, Menschenhandel, Zuhälterei und anderer Delikte zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt hat. Am 28. Mai 2001 fuhren Irina und ein Begleiter zur polnisch-deutschen Grenze nach Slubice/Frankfurt an der Oder. Dort übergab B. ihr eine Teilnehmerliste für eine Gruppenreise sowie eine Hotelreservierung. Bei einer Kontrolle sollte sie gegebenenfalls erzählen, sie hätte ihre Reisegruppe verloren. Die Reisegruppe gab es natürlich gar nicht, das Hotel war bloß eine Fassade, wie in so vielen Fällen der Visa-Erschleichung an der deutschen Botschaft in Kiew.

Trotzdem kamen sie problemlos über die Grenze. Am 21. August 2001 traf Irina C., die junge Lehrerin und Mutter aus Skala Podolskaya, in Berlin ein und galt fortan wie andere Frauen in B.'s Sex-Betrieb als eine „junge ukrainische Nymphe“ oder als „naturgeile jg. Ukrainerinnen“, als die sie Boris B. in der Berliner Gossenpresse feilbot. In seiner Kundendatei fand die Polizei mehr als dreieinhalbtausend Telefonnummern.

Keine Wahl

Irina wurde mit mehreren Frauen zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin-Friedenau festgehalten. Mehrere Zwangsprostituierte teilten sich dort ein Doppelstockbett und eine Klappcouch, eine der Frauen mußte auf dem Boden schlafen. Irina C. erhielt abermals einen gefälschten polnischen Paß, ihren richtigen Ausweis mit dem Touristenvisum behielt Boris B. bei sich. Der neue Paß kostete sie weitere 3.500 Euro. Inzwischen waren ihre Schulden bei Boris B. auf mehr als siebentausend Euro gestiegen - das Fünfhundertvierzigfache ihres ukrainischen Lehrerinnenlohnes. Ein Jahr lang brauchte sie, um diese Schulden zu begleichen. Einmal konnte sie fünfhundert Euro für ihren Sohn in die Ukraine schicken.

Wenn sich Freier auf Zeitungsanzeigen meldeten, fuhr ein Fahrer Irina oder eine der anderen Frauen zu den Anrufern. Eine Stunde mit „Irina“, „Natascha“ oder „Larysa“ kostete zwischen fünfundsiebzig und fünfundneunzig Euro, je nach Sexualpraktik und Kundenstatus. Knapp ein Drittel davon bekamen die Frauen, die allerdings einen großen Teil des Geldes für ihre Schulden, überhöhte Miete und ihren Lebensunterhalt wieder an Boris B. abgeben mußten. Die Frauen durften ihre Unterkünfte nur mit seiner Erlaubnis verlassen, die ihnen für Arzttermine und Einkäufe erteilt wurde. Ihre Kunden konnten sie sich nicht aussuchen, teilweise waren die Männer schmutzig, alkoholisiert oder standen unter Drogen. Gelegentlich wurden sie geschlagen.

Nebenklägerin im Prozeß

Fluchtgedanken erstickte Boris B. mit Drohungen. Man könne, so bekamen Irina und die anderen zu hören, leicht ein Haus in der Ukraine sprengen, oder es gebe ja noch die Familie - wie etwa Irinas Sohn. Viele der jungen Frauen betranken sich systematisch vor ihren Freierbesuchen, anders war es für sie nicht zu ertragen. Ihre einzige Chance, Boris B. und seinen Komplizen zu entkommen, bestand darin, daß sie unter ihren Kunden einen fanden, der bereit war, für die Freiheit seiner Sexdienerin zu bezahlen. Bis zu 25.000 Euro pro Frau verdiente B. mit dieser Art des Sklavenhandels.

Im November 2002 wurde Irina C. von der Polizei festgenommen und vier Wochen später zu einer Bewährungsstrafe wegen Urkundenfälschung und Verstoßes gegen das Ausländergesetz verurteilt. Einige Monate später zerschlug eine großangelegte Durchsuchungsaktion der Berliner Staatsanwaltschaft die Organisation des Boris B. und beendete das Martyrium der Ukrainerinnen und Polinnen, das mit einer Lüge von Hausmädchenarbeit und einem erschlichenen Touristenvisum der deutschen Botschaft begonnen hatte. Bei dem Prozeß gegen Boris B. traten vier der Frauen als Nebenklägerinnen gegen ihn auf, darunter die Lehrerin Irina C. aus Skala Podolskaya.

Quelle: F.A.Z., 28.02.2005, Nr. 49 / Seite 3
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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