05.06.2003 · Jürgen Möllemann war ein großkalibriger Politiker, der vielen Parteifreunden auch dadurch furchtbar auf die Nerven ging, daß er quicker und quirliger war als sie. Gescheitert ist er nicht nur an anderen, sondern auch an sich selbst. Bezahlt hat er allein.
Von Volker ZastrowJürgen Möllemann ist nach Uwe Barschel der zweite maßgebliche deutsche Politiker, bei dem auf den Verlust der Ehre - um Schiller und Böll ins Feld zu führen - bald auch der Verlust des Lebens folgte. Wer glaubt, Ämter oder Geld wögen schwerer als die Ehre, kennt nicht das Menschenherz, kennt nicht die Gewalt des Sozialen, auch in ihrer modernisierten Gestalt der öffentlichen Meinung.
Darauf nach dem Tode des Entehrten hinzuweisen wäre abgeschmackt - wenn man es nicht beizeiten unternommen hat, wie diese Zeitung wieder und wieder. Im vergangenen November warnte sie, die Möllemanns Politik in drei Jahrzehnten in zahllosen Kommentaren behandelt, zumeist kritisiert, gelegentlich auch sarkastisch durchätzt hatte, vor dem politischen, juristischen und moralischen "Vernichtungskampf" der FDP gegen ihren früheren stellvertretenden Vorsitzenden. Wie einst die CDU im Fall Barschel suche die FDP durch "öffentliche Demontage" und "Kriminalisierung" Sicherheit vor Möllemanns Eskapaden, doch: "Der Preis für totale Sicherheit ist viel zu hoch."
Kette rüder Unbotmäßigkeiten
Was aus Sicht Möllemanns nach der Bundestagswahl nur noch ein Überlebenskampf war, erschien aber der FDP, gelinde gesagt, als eine Kette rüder Unbotmäßigkeiten, die in der Ankündigung des Ausgestoßenen gipfelte, eine neue Partei zu gründen. Tatsächlich war Möllemann, bei allen Schwächen, unbestreitbar ein großkalibriger Politiker, dem man - wenn er sich nicht den Vorwurf des Antisemitismus aufgeladen hätte - eher als bisher jedem anderen eine erfolgreiche Neugründung hätte zutrauen können, bei freilich auch für ihn sehr geringen Chancen. Der Titel "Vizekanzler", den er sich im Kohl-Kabinett nach dem Ausscheiden Genschers erwarb, bezeugte ja nicht nur seinen persönlichen Anspruch, sondern auch, daß er ihn weithin verwirklicht hatte. Doch das Erreichen seines ehrgeizigsten Zieles blieb Möllemann versagt. Das war, die Herrschaft in der FDP zu erlangen, am liebsten den Vorsitz, zur Not die prägende Rolle.
Danach hat er zeit seines politischen Lebens gestrebt. Und wirklich hielt er die Taube 1990 schon in der Hand. Möllemann sollte Lambsdorffs Nachfolger werden, ging damit aber, um vollendete Tatsachen zu schaffen, verfrüht an die Öffentlichkeit und machte sich so einen Mann zum ewigen Feind, den er in seiner Schuld wähnte - denn Möllemann hatte zuvor mit den Delegierten-Stimmen seines nordrhein-westfälischen Landesverbandes dem Grafen in den Vorsitz geholfen. Lambsdorff aber ließ Möllemann ganz anders zahlen, als der es sich ausgerechnet hatte. Bei seiner Affäre als Wirtschaftsminister (Möllemann hatte auf Ministerpapier für die Erfindung eines Verwandten geworben und anschließend die Unwahrheit darüber gesagt) gab Lambsdorff ihm den letzten Schubs.
Wenige Freunde und viele Feinde gemacht
Das war der Anfang von Möllemanns vorläufigem Ende. Auf seinem Weg nach oben vom einfachen Abgeordneten über den "Minenhund" Genschers im Auswärtigen Amt, vom Staatsminister zum vollwertigen Ressortchef hatte er sich wenige Freunde und viele Feinde gemacht. Jeden in der FDP-Führung außer wohl Genscher, zumindest aber alle seine Altersgenossen, hatte der (in Augsburg geborene) Münsteraner fühlen lassen, daß er sich ihm überlegen dünkte. Daß er es allerdings tatsächlich in vielerlei Hinsicht war, konnte niemandem entgehen. Deshalb ist es oft schwer zu entscheiden, ob Möllemann nur das Opfer seiner Intrigen war oder das seiner Neider. Betrachtet man zum Beispiel die in der FDP wie in keiner anderen Partei verbreitete Sitte der öffentlich geführten, stark persönlich eingefärbten Auseinandersetzung genau, dann ist es gar nicht Möllemann, der durch die gröbsten Anwürfe auffällt - freilich durch die klügeren, witzigeren.
An Eloquenz in Rede und Debatte vermochten es die wenigsten mit ihm aufzunehmen. Dazu gesellte sich die Ruhelosigkeit des Hochbegabten. Irmgard Schwaetzer, die als eines seiner Opfer (man sollte gerechter sagen: als ausgestochene Konkurrentin) dennoch bei aller Kritik fair über ihn sprach, nicht geifernd, höhnisch oder herablassend wie der Rest der FDP-Führung, kleidete das kürzlich in den Satz: "Der Junge hat ja auch einen mächtigen Spieltrieb."
Quicker und quirliger
So banal sind oft die Hintergründe: Möllemann ging vielen in der FDP-Führung auch dadurch furchtbar auf die Nerven, daß er quicker und quirliger war als sie. Das demütigt besonders Menschen von überschaubarer Intellektualität. Auch, vielleicht gar vor allem daher rührt der immerwährende Vorwurf fehlender Seriosität. Er greift das Verspielte, auch das Marktschreierische des selbsternannten (sehr systematischen und nicht zuletzt deshalb nervtötenden) Öffentlichkeitsarbeiters auf, läßt aber andere Eigenschaften beiseite, die sich in dieses Bild nicht fügen wollen: insbesondere den Fleiß, ohne den Möllemann seine Karriere nicht hätte machen können.
Ohne diesen (auch bürokratischen und organisatorischen) Fleiß, seine Willenskraft und die Fähigkeit, Ziele zu setzen, hätte Möllemann sich als Minister nicht das fachliche Ansehen verdienen können, das er, damals für fast alle überraschend, errang - insbesondere als Bundesbildungsminister. Er hätte sich ohne diese hervorragenden Eigenschaften, zu denen auch beträchtlicher Mut gehörte, aber auch nicht so lange an der Spitze des nordrhein-westfälischen Landesverbandes behaupten können; und wohl kaum den Wiederaufstieg nach der ersten großen Niederlage 1994 schaffen können - vielleicht sein politisches Meisterstück. Damals hatte der Bundesvorsitzende Kinkel (und das Gros der Bundes-Führung) mit Hilfe von Alliierten des Düsseldorfer Landesverbandes schon einmal den Sturz des "enfant terrible" und "Quartalsirren" erreicht.
Hinaus aus der Partei...
Daß Möllemann die Rückkehr wider alles Erwarten schaffte, mag einer der Gründe dafür sein, daß man ihn diesmal ganz und gar exkommunizieren wollte: hinaus aus der Partei, am liebsten noch hinein ins Gefängnis. Ein anderer Grund liegt in der Person des zweiten Parteivorsitzenden, dem Möllemann (nach Lambsdorff) auf diesen Sitz verhalf. Denn Westerwelle, das konträre Naturell, dessen Landesvorsitzender und politischer Übervater Möllemann so lange war, empfand gegenüber Möllemann vor allem eines: Angst. Ein intimer Beobachter jener Zeit, in der Westerwelle noch Generalsekretär war, sagt über das Verhältnis: "Die Angst überwog den Haß, ja begründete ihn." Als Vorsitzender hat Westerwelle geschafft, die ganze Partei, in der es wahrlich nicht fehlte an Widerwillen gegen den machthungrigen, immer ein Ziel verfolgenden, immer Forderungen stellenden, stets mit Ideen nervenden, nie Ruhe gebenden Möllemann, mit seiner sehr persönlichen Angst anzustecken - und mit deren zerstörerischer Irrationalität.
Ein merkwürdiges Schicksal: Mit Möllemann wollte die FDP nun das Unseriöse austreiben, mit dem sie doch vor allem Westerwelle infiziert hatte. Hinter Möllemanns "Strategie 18" stand immerhin ein im Kern rationales Konzept der Erweiterung zu einer "liberalen Volkspartei" nach dem Muster europäischer Nachbarstaaten (nicht etwa Österreichs), das Westerwelle dann in ein kopfloses "Spaßkonzept" verwandelte. Möllemann hatte Westerwelle zum letzten Anlauf nutzen wollen, die Partei dem Maß seines Ehrgeizes anzuverwandeln. Doch wurde er vom Jüngeren, der dabei von Möllemanns Gegnern in der Parteiführung zunächst geschoben, schließlich geradezu genötigt worden war, Zug um Zug ausgespielt.
Da erfaßte Möllemann nicht zum ersten Mal der gefährliche Mut der Verzweiflung: Der Volkstribun, der - auch das ein Gegenstand des Neides - Hallen füllen und Menschen mitreißen konnte und daraus soviel Unerschrockenheit, Unabhängigkeit, aber auch Unzugänglichkeit für seine unmittelbaren Konkurrenten bezog, war nun dort, wo es darauf ankam, ganz isoliert. Aus Sicht seiner Vertrauten erschien der sonst stets offene, diskursfreudige Möllemann plötzlich "beratungsresistent"; auch das wie schon einmal, bei der Rücktrittsaffäre zum Jahreswechsel 1992/93. In der Karsli-Angelegenheit hörte er ebenfalls schon bald auf niemandes Rat. Er ist nicht nur an anderen, er ist auch an sich selbst gescheitert. Bezahlt hat er allein.
Volker Zastrow Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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