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Veröffentlicht: 05.03.2013, 23:32 Uhr

Zum Tod von Hugo Chávez Vom gescheiterten Putschisten zum Mythos eines Kontinents

Hugo Chávez hat gegen den Krebs verloren. Die „Bolivarische Revolution“ ist sein politisches Erbe. Den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ müssen nun andere fortsetzen - wenn Venezuela dies ohne Chávez will.

von , Buenos Aires
© REUTERS Hugo Chavez: 1954 - 2013

Kein Staatsoberhaupt hat in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas eine ähnliche Machtfülle angesammelt. Die Figur des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez lässt sich allenfalls mit jener des früheren argentinischen Staatschefs Juan Domingo Perón oder jener des Befreiers Simón Bolívar vergleichen, als dessen Erbe er sich stets betrachtete. Anders als der zur Oberschicht zählende Bolívar verachtete Chávez die „Oligarchie“ und gründete seine Macht auf das Wahlvolk seiner in den ärmeren Bevölkerungsschichten lebenden Landsleute. Chávez’ größtes Verdienst besteht darin, den von der offiziellen Politik früherer Regierungen nicht wahrgenommenen Massen in den Armenquartieren Wort und Stimme gegeben zu haben.

Sein Versuch, der Armut den Garaus zu machen, ist indes ebenso Stückwerk geblieben wie sein Plan, Lateinamerika hinter sich zu scharen. Die Einnahmen durch das Erdölgeschäft sprudelten reichlich und hätten ausgereicht, ein solides soziales Netz aufzubauen. Seit seinem ersten Amtsantritt 1999 hat Chávez kontinuierlich sein „bolivarisches“, eher jedoch altsozialistisch anmutendes Staatsmodell kontinuierlich „vertieft“ - mit oft willkürlich angeordneten Enteignungen und ausufernder Bürokratie, der Einschüchterung politischer Gegner und oppositioneller Medien und der Degradierung von Parlament wie Justiz zu Erfüllungsgehilfen der Regierung. Die Folgen waren sinkende Produktivität, Ineffektivität und eine sich epidemisch ausbreitende Korruption.

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Der frühere Oberstleutnant Chávez, der am 28. Juli 1954 in Sabaneta im Bundesstaat Barinas geboren worden war, hatte schon 1992 bei einem gescheiterten Putsch versucht, nach der Macht zu greifen. Statt in den Präsidentenpalast Miraflores zu ziehen, landete er im Gefängnis. Dort bereitete er sich systematisch auf seinen nächsten Coup vor: sich in das höchste Staatsamt wählen zu lassen. Das gelang ihm schließlich 1998. Im April 2002 wurde er selbst für kurze Zeit Opfer eines gleichfalls gescheiterten Staatsstreichs. Mit der ihm eigenen Kaltblütigkeit und Gerissenheit, mit seinem Talent als politischer Überlebenskünstler und als Komödiant hat er alle Widrigkeiten überstanden.

Seine einzige große Niederlage erlitt er im Dezember 2007 bei dem Referendum über eine Verfassungsänderung, die ihm unter anderem die Möglichkeit, sich der Wiederwahl in unendlicher Folge stellen zu können, sichern sollte. Doch nahezu alles, was er damals durchsetzen wollte, hat er sich schließlich mit Hilfe von Dekreten, Gesetzen und neuerlichen Abstimmungen ertrotzt, vor allem die unbeschränkte Wiederwahl. Im Oktober 2012 ist er zuletzt für weitere sechs weitere Jahre, bis 2019, im Amt bestätigt worden.

23480883 Ikonographie schon zu Lebzeiten: Hugo Chávez (rechts) bezog sich auf den Freiheitshelden Simón Bolívar © AFP Bilderstrecke 

Seine vollmundig geäußerte Absicht, sogar „bis 2031“ regieren zu wollen, war vollends unglaubwürdig geworden, als Chávez im Juni 2011 bekanntgab, an einer Krebserkrankung zu leiden. Über deren Art und Schwere ließ er seine Landsleute im Ungewissen oder täuschte sie sogar, aus politischem Kalkül. Chávez hat einen informellen Regierungsstil kultiviert, der auch in anderen Ländern Lateinamerikas Schule machte. Selbst seine Krankheit musste noch für Schaueffekte herhalten, seine mit Gesang, Anekdoten und Gedichtsrezitation angereicherten stundenlangen Reden und seine politische Fernseh-Alleinunterhaltungssendung „Aló Presidente“ waren Ersatz für Kabinettsitzungen, Pressekonferenzen und Staatsakte.

Glühender Verehrer Fidel Castros

Chávez’ aggressiven Antiamerikanismus, der ihn dazu führte, sich mit Regierungen zweifelhafter demokratischer Gesinnung wie jenen Irans und Weißrusslands zu verbrüdern, hat zwar kein Staatschef in der Region in gleicher Weise übernommen, doch hat sich unter dem Einfluss der verbalen Dauerangriffe aus Caracas auf Washington das Verhältnis zwischen Latein- und Nordamerika in den vergangenen Jahren gründlich gewandelt. Die lateinamerikanischen Staaten sind selbstbewusster geworden. Bündnisse wie „Unasur“, „Celac“ oder „Alba“ sind jedoch nicht zu jenem bolivarischen Großlateinamerika zusammengewachsen, als dessen Anführer und oberster Feldherr Chávez gerne in die Geschichte eingegangen wäre.

Als glühender Verehrer und gelehrigster Schüler Fidel Castros hat Chávez das karibische Revolutionsrefugium Kuba, das nach dem Zerfall der Sowjetunion kurz vor dem Zusammenbruch stand, mit generösen Erdöllieferungen und anderen Vergünstigungen über Wasser gehalten. Das castristische Regime hat ihm dafür auf vielfältige Weise gedankt, vor allem mit der Entsendung von Medizinern, Sicherheitsspezialisten und Militärs. Und mit der Behandlung seiner Krebserkrankung, gegen die letztlich allerdings selbst die besten Ärzte machtlos waren.

Quelle: F.A.Z.

 

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