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Zum Rücktritt des Papstes Gewissen der Kirche

Als Johannes Paul II. starb, war er das Gewissen der Welt. Papst Benedikt XVI. wurde zum Gewissen seiner Kirche.

Als vor acht Jahren das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. mit dessen Tod zu Ende ging, trauerten Millionen auf Straßen und Plätzen. Das Requiem zu Ehren des Papstes aus Polen, der die katholische Kirche seit den Tagen des Kalten Krieges in das 21. Jahrhundert geführt hatte, versammelte so viele Staatsoberhäupter und Religionsführer wie noch nie auf dem Platz vor dem Petersdom.

Daniel Deckers Folgen:  

Benedikt XVI., der am 19. April 2005 als erster Deutscher nach fast fünfhundert Jahren zum Oberhaupt der weit mehr als eine Milliarde Menschen zählenden römisch-katholischen Kirche gewählt worden war, hat seinem Pontifikat ein anderes Finale bestimmt. So, wie er sich in Amtsverständnis und -führung schon immer von seinem Vorgänger unterschied, so soll es auch am Ende sein.

Als Johannes Paul II. starb, stand er wegen seines unermüdlichen Einsatzes für die Achtung der universalen Menschenrechte im Ruf des „Gewissens der Welt“. Und so öffentlich, wie er lebte, so öffentlich war, nach Jahre dauerndem, nicht zuletzt auf ein Attentat zurückgehendem Leiden, sein Sterben. Benedikt, seit Jugendtagen ein introvertierter Intellektueller, konnte und wollte an dem der Welt zugewandten Charisma seines Vorgängers nicht Maß nehmen. Die Aufgabe, die ihm als einem der bedeutendsten Theologen zuwuchs, war in erster Linie die des „Gewissens der Kirche“.

Meilensteine einer Gottesrede

Fast hat er sein selbstauferlegtes Programm erfüllt. Benedikts Lehrschreiben über „Liebe“ und „Hoffnung“ sind inhaltlich wie sprachlich Meilensteine einer Gottesrede, die sich aus der Bibel wie aus der Theologie der frühen Christen speist, um den Glauben im Heute als lebenswerte Option zu zeigen. Vollendet hat er auch die auf drei Bände angelegte Auslegung des Lebens Jesu - wozu ihm als Professor und Bischof weder Kraft noch Zeit blieb, das hat er sich und seinem Amt in den vergangenen Jahren förmlich abgerungen. Wenn man Johannes Paul II. sehen wollte, so wollten viele Papst Benedikt XVI. hören.

Doch auch darin unterschied er sich von seinem Vorgänger: Benedikt wollte nicht nur die Zeiten des Redens bestimmen, sondern auch die Zeit des Verstummens. Während bei Johannes Paul II. die körperlichen und geistigen Kräfte über Jahre schwanden und irgendwann nicht mehr klar war, ob der Papst noch Herr seiner Sinne und damit auch seiner Entscheidungen war, hat Benedikt mit seinem Amtsverzicht wahr gemacht, was er vor Jahren schon einmal als Möglichkeit in den Raum gestellt hatte: So, wie er immer wieder vor dem Missbrauch geistlicher Macht gewarnt hat, so hat er jetzt die Konsequenz aus der Einsicht gezogen, dass er die ihm verliehene Macht nicht mehr in der gebotenen Weise ausüben zu können glaubt. Darin aber hat er sich nicht allein als Gewissen der Kirche erwiesen, sondern auch als Gewissen der vielen Mächtigen dieser Welt, die von ihrer Macht nicht lassen können.

Er nannte das Unrecht beim Namen

Dass der Papst von seiner Macht lassen wollte, rührt aber nicht allein aus dem Schwinden seiner Kräfte. Vielmehr sah er sich weniger in der Welt als in seiner Kirche immer wieder Kräften gegenüber, die das Licht des Glaubens verdunkelten, die Hoffnung zerstörten und die Liebe pervertierten. Wie ein teuflischer Schatten hat sich die lange Geschichte sexueller Gewalt während des Pontifikats von Benedikt XVI. über die katholische Kirche gelegt. Und auch darin zeigen sich die Größe wie die Grenzen dieses Mannes: Wie keiner seiner Vorgänger hat er das Unrecht beim Namen genannt und den Opfern in die Augen gesehen. Doch ob die Strukturen wirken, die er im Vatikan geschaffen hat, um sexuelle Gewalt in der Kirche zu ahnden und neuer Gewalt vorzubeugen, wird sich erst weisen müssen.

Denn in einem sind sich Papst Benedikt und sein Vorgänger Johannes Paul II. doch ähnlich: Beide taten sich mit der vatikanischen Kurie und den Machenschaften der Kardinäle schwer. Johannes Paul II. zog es daraufhin in die Welt, Benedikt XVI. zog sich in die Welt seiner Bücher zurück. Der Nachfolger beider Päpste dürfte um eine Reform des Vatikans an Haupt und Gliedern nicht mehr herumkommen: Im Lastenheft stehen schon seit Jahrzehnten Themen von A wie Abstimmung unter den einzelnen Behörden bis Z wie römischer Zentralismus versus katholische Multipolarität.

Freilich steht noch in den Sternen, ob die Debatte, die die Kardinäle der Weltkirche vor der Wahl des nächsten Papstes über den „Status Ecclesiae“ führen werden, an diesen oder an anderen Fluchtlinien entlangführen wird. Und gleich wer in den kommenden Wochen als „papabile“ ausgedeutet werden wird - viel wird von den großen Gruppen der Kardinäle aus Italien und aus den Vereinigten Staaten abhängen. Aus den Reihen Letzterer sollte nach dem Willen der Italiener kein Papst kommen - die Vereinigten Staaten sind als politische Weltmacht mächtig genug. Ob aber die Italiener einen Kandidaten präsentieren, dürfte davon abhängen, ob sie ihren ewigen Streit untereinander hintanstellen können oder nicht. Um aber von den Nichtitalienern gewählt zu werden, müsste ein Italiener die Gewähr bieten, dass er im Vatikan mit eisernem Besen zu kehren vermag. Mit guten Worten ist es auch in der Kirche nicht immer getan.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.02.2013, 19:22 Uhr

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