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„Zug der Erinnerung“ Logistik des Holocausts

08.11.2007 ·  Endstation Auschwitz: Die Initiative „Zug der Erinnerung“ zeigt auch ohne Zustimmung von Bahnchef Mehdorn die Ausstellung über deportierte Kinder (“Mit der Reichsbahn in den Tod“) von Serge und Beate Klarsfeld auf deutschen Bahnhöfen.

Von Hans Riebsamen
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Es ist wie immer laut gewesen, am Donnerstagmittag am Frankfurter Hauptbahnhof. Laut, hektisch und eng. Wie Bahnchef Hartmut Mehdorn es vorausgesagt hat. Um 12.05 Uhr ist es noch ein wenig lauter geworden. Pfeifend und stampfend ist eine alte Dampflokomotive eingefahren, Baureihe 58, Baujahr 1921. Hinter sich zog sie den „Zug der Erinnerung“.

Die auf Gleis 1a geparkte Güterzug-Lokomotive 58311 der Ulmer Eisenbahnfreunde und die ihr angehängten Waggons aus den sechziger Jahren sind der Beweis dafür, dass Mehdorn nicht recht hat mit seiner Behauptung, Bahnhöfe seien keine Orte für das Thema Holocaust. Die Ausstellung über deportierte Kinder, die im „Zug der Erinnerung“ gezeigt wird, hat nichts mit „Shock and go“ zu tun.

Eine Reise quer durch Deutschland

Mit diesem Argument hatte Mehdorn es im vergangenen Jahr abgelehnt, die vielbesuchte französische Schau „11.000 Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod“ von Serge und Beate Klarsfeld auf deutschen Bahnhöfen zu zeigen. Selbst ein Streit mit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat Mehdorn nicht einlenken lassen. Eine Ausstellung über die Kinderdeportationen und die Mitverantwortung der Deutschen Reichsbahn – ja. Aber nicht in Bahnhöfen, sondern – so lautete am Ende der Kompromiss – „in deren unmittelbarer Nähe“.

Die Initiative „Zug der Erinnerung“ hat nicht auf die Schau gewartet, die auf Basis der bestehenden Holocaust-Ausstellung der Bahn im DB-Museum in Nürnberg konzipiert werden soll. Sie hat auch nicht den Bahnchef gefragt, ob sie ihre eigene Ausstellung auf Bahnhöfen zeigen darf. Sie zeigt sie einfach. Auf mehr als 40 deutschen Bahnhöfen in den kommenden Wochen.

Man habe Mehdorn und Tiefensee einen Brief geschrieben und von dem Vorhaben berichtet, doch keine Antwort erhalten, erzählt Hans-Rüdiger Minow, der Sprecher der Initiative. Doch es ist gar nicht auf die Zustimmung des Bahnchefs angekommen. Auch nicht auf dessen Unterstützung. „Wir sind keine Bittsteller“, sagt Minow. Die Kosten der rollenden Ausstellung – zwischen 250.000 und 500.000 Euro – werden aus Spenden bestritten. Der Verein hat einfach wie ein privater Anbieter von Verkehrsleistungen bei der „DB-Netz“ Gleise für eine Reise quer durch Deutschland mit Endstation Auschwitz gebucht – für rund drei Euro pro Kilometer. Stimmen die technischen Voraussetzungen, kann die Bahn niemanden abweisen.

„Ich möchte leben“

Das damalige „Nein“ Mehdorns zu einer Holocaust-Ausstellung hat Minow und seine vielen ehrenamtlichen Mitstreiter in ganz Deutschland dazu veranlasst, eine eigene Ausstellung zu konzipieren. Natürlich sollte sie auf Bahnhöfen gezeigt werden. Denn der Holocaust sei nicht denkbar ohne die logistische Meisterleistung der Reichsbahn in Deutschland und der jeweiligen nationalen Eisenbahnen in den besetzten Ländern. Eine Karte der Deportationsstrecken in einem der Ausstellungs-Waggons zeigt: Alle Wege führen nach Auschwitz. Nicht ohne Grund sind die Güterwagen mit ihrer menschlichen Fracht mit zum Symbol des Holocausts geworden.

Margot Kleinberger ist als Kind in einem solchen Zug abtransportiert worden: nach Theresienstadt. Jetzt ist sie eine alte Frau mit dünner Stimme. Doch trotz des üblichen Bahnhofslärms haben 150 Zuhörer, die den „Zug der Erinnerung“ in Frankfurt empfangen haben, sie genau verstanden. Neben Frau Kleinberger erzählen auch die Kinder im „Zug der Erinnerung“ ihre Geschichte. Selma Meerbaum zum Beispiel, eine junge Dichterin aus Czernowitz, die mit 17 Jahren ins Arbeitslager Michailowski deportiert wurde und dort zu Tode kam. „Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben“, hat sie in einem Brief geschrieben. Ihre Sätze wirken auch an einem Ort, der laut, hektisch und eng ist wie der Frankfurter Hauptbahnhof.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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