23.06.2008 · Wochenlang waren die Anhänger Tsvangirais und der Oppositionsführer selbst drangsaliert, eingeschüchtert und eingesperrt worden, Dutzende wurden ermordert. Dass Tsvangirai nun seine Kandidatur zurückzieht, ist verständlich, hilft dem Land aber nicht weiter.
Von Thomas ScheenMit der Ankündigung, nicht an der Stichwahl gegen Robert Mugabe teilzunehmen, hat der zimbabwische Oppositionsführer Morgan Tsvangirai weder sich noch seinem Land einen Dienst erwiesen. Sein Argument, er könne von seinen Anhängern nicht erwarten, ihr Leben zu riskieren, wenn sie für ihn stimmten, entspricht zwar genau der Stimmung im Land kurz vor der Stichwahl.
Der zurückliegende „Wahlkampf“ war geprägt von Mord und Totschlag, begangen von regierungsnahen Banden. Und Mugabe selbst hatte verkündet, dass „nur Gott“ ihn aus dem Amt befördern könne; damit war ein fairer Ausgang der Wahl von vorneherein ausgeschlossen. Doch eine gefälschte Wahl hätte vor allem den Nachbarstaaten den künftigen Umgang mit Mugabe leichter gemacht, weil sie ihn aufgrund der mutmaßlichen Fälschung politisch hätten isolieren können.
Anzeichen dafür hatte es in den vergangenen Tagen zur Genüge gegeben, von der Einbestellung des zimbabwischen Botschafters durch die botswanische Regierung bis hin zu Drohungen der Wahlbeobachter der Entwicklungsgemeinschaft im südlichen Afrika (SADC), das Ergebnis der Wahl werde nicht anerkannt werden, sollte die von der Regierung gesteuerte Gewalt weitergehen. Tsvangirais Rückzug macht Mugabe automatisch zum neuen Präsidenten Zimbabwes. Dieses Ergebnis wäre verfassungskonform, das Regime legitimiert und der schöne Plan der SADC, ihn durch Freundschaftsentzug zu Kompromissen anzuhalten, Makulatur. Die Nachbarn Zimbabwes sind nun ratlos - und schweigen.
Sollte der Rückzug Tsvangirais ernst gemeint sein und nicht nur ein taktisches Manöver, wird er sich auch gegenüber seinen ausländischen Geldgebern erklären müssen, die ihm den Wahlkampf im ersten Durchgang Ende März finanziert haben, namentlich Amerika und Großbritannien. Als die Regierungspartei Zanu-PF das Ergebnis jenes Wahlgangs fälschte und Tsvangirai nach Südafrika floh, soll der amerikanische Botschafter in Harare ihn nach längerer Abwesenheit nach Zimbabwe zurückbeordert haben, damit er Wahlkampf mache. Derselbe Botschafter hatte Ende vergangener Woche eine Absage der Stichwahl zugunsten der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit rundweg abgelehnt und die Stichwahl zur Überlebensfrage des Landes erklärt. Nun hat ihn ausgerechnet sein Schutzbefohlener im Stich gelassen.
Die anderen, die sich im Stich gelassen fühlen, sind die vielen MDC-Anhänger in Zimbabwe, die wegen ihrer politischen Ansichten und ihres Mutes verprügelt und deren Häuser in Brand gesteckt wurden - und die trotzdem für ihre Partei auf die Straße gegangen sind. Auch für Tsvangirai gilt: Wer Hitze nicht vertragen kann, sollte sich nicht in der Küche aufhalten. Es ist gut möglich, dass der ehemalige Gewerkschaftsführer gerade seine politische Zukunft verspielt hat.
Die südafrikanische Regierung, die in der zimbabwischen Krise wieder einmal versagte, beeilte sich am Montag zu versichern, sie setze ihre Vermittlungsbemühungen zwischen der Oppositionspartei MDC und der Zanu-PF fort. Angeblich arbeitet sie an einer Art Regierung der nationalen Einheit nach dem Vorbild Kenias. Jedenfalls behauptet sie das. Tsvangirai indes sagte am Sonntag, er wisse nichts von solchen Verhandlungen, womit sich die „stille Diplomatie“ des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki einmal mehr als heiße Luft entpuppte.
Ohnehin sind die Chancen, dass es in Zimbabwe zur Bildung einer Art großen Koalition kommt, gering. Schließlich hat Mugabe jetzt die Wahl gewonnen und das noch ohne Fälschungen. Welche Kompromisse sollte er nun eingehen? Zum anderen, und das wiegt schwerer, sind die beiden Parteien in der entscheidenden Frage, der Landfrage, entgegengesetzter Auffassung.
Die Zanu-PF hält am Prinzip der Nationalisierung privaten Landes fest, ungeachtet aller bekannten Folgen. Der MDC steht für eine Landreform, in der die Produktivität das entscheidende Kriterium für die Zuteilung von Land ist. Mit anderen Worten: Unter einer MDC-Regierung würden weiße Farmer ihre enteigneten Ländereien entweder zurückbekommen oder aber die Chance erhalten, langfristige Pachtverträge mit der Regierung abzuschließen. In jedem Fall würden sie zurückkehren - Mugabe würde das niemals zulassen.
Deshalb wird sich auf absehbare Zeit in Zimbabwe nichts ändern. Mugabe interessiert die Not seines eigenen Volkes nicht. Wie es um die ehemalige Kornkammer des südlichen Afrikas tatsächlich bestellt ist, verdeutlicht allein der Wertverfall der Landeswährung: Vielleicht liegt die Inflationsrate bei einer Million Prozent, vielleicht auch schon bei zwei Millionen. Genau vermag das niemand zu sagen, denn die Güter, die zur Berechnung der Teuerungsrate notwendig sind, gibt es nicht mehr.
Was bleibt, ist Resignation, zumal die einzige Hoffnung auf eine Veränderung, Morgan Tsvangirai, genug zu haben scheint. Eine Konsequenz des leichten „Wahlsiegs“ Mugabes ist klar: Noch mehr Zimbabwer werden sich aufmachen, um in Südafrika ein besseres Leben zu finden. Solange Mugabe herrscht, wird der Albtraum in Zimbabwe kein Ende haben.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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