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Zigarettenlobby „Tabak bringt die Menschen zusammen“

23.02.2007 ·  Mit unverfänglichen Small-Talk-Runden wirbt die Zigarettenlobby für den Nikotingenuss und kämpft gegen ein Rauchverbot zu verhindern. Ihre Positionspapiere finden schon mal den Weg in die Zirkel der Macht. Von Thomas Holl.

Von Thomas Holl, Berlin
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Michel Friedman ist in seinem Element. Nach einer kurzen Kunstpause richtet der wieder omnipräsente Fernseh- und Illustriertenanwalt den Blick spannungsvoll ins Publikum und ruft mit vertraut ansteigender Dramatik in der Stimme: „Ich bin ein bekennender Raucher!“ - um dann im zweiten Akt lächelnd seine ganz persönliche Genussraucherphilosophie auszubreiten. „Aber ich mag lieber Zigarren als Zigaretten. Da ist beim Rauchen mehr Gelassenheit. Eine Zigarette brennt so schnell ab.“

Damit ist das für viele der gut 70 Gäste unerfreuliche Thema Rauchverbot und Nichtraucherschutz gleich zu Beginn des Abends ausreichend gewürdigt. Unter dem Titel „Spreegespräche“ hat der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) ausgewählte Bundestagsabgeordnete, Journalisten, Anwälte, Unternehmer und andere wichtige Hauptstadtbewohner in seinen edlen Clubraum geladen, der in Berlins Mitte liegt, in Sichtweite des Bundespresseamtes. Bei dem einen oder anderen Glas guten Rotweins, viel Nikotin und mit Hilfe prominenter Gäste werden hier von behaglichen Clubsesseln aus regelmäßig Themen aus Politik und Kultur erörtert.

Eheglück, Koalition und Kanzlerin

Das „Spreegespräch“, das der eigens als Stichwortgeber engagierte Medienunternehmer und frühere NDR-Talkshow-Plauderer Hubertus Meyer-Burckhardt in den nächsten zwei Stunden mit seinem „lieben Freund Michel“ führt, schlägt einen weiten Bogen vom Eheglück („Nein, ich habe keine Affären, ich bin seit zwei Jahren verheiratet“) über den Zustand der großen Koalition („Ich bin enttäuscht“) und den politischen Auftritt der Kanzlerin („Ich bin ein Fan von ihr“) zum Krieg im Irak („Ich war dafür“), um sich schließlich der verfahrenen Lage im Nahen Osten zu widmen.

Am Ende kommt Meyer-Burckhardt dann passend zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in seinem Schlusswort auf die angeblich friedensstiftende Wirkung des Gastgeberproduktes zu sprechen: „Der Abend hat gezeigt, Tabak bringt die Menschen zusammen, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.“

Herzlich bis überschwänglich begrüßt

Andrea Winkhardt wirkt zufrieden. Die von ihr organisierte Veranstaltung hat den zumeist männlichen Gästen jenseits der 40 wieder einmal gut gefallen, die nun noch beim Smalltalk, einer Zigarette und einem letzten Glas im Stehen den Abend ausklingen lassen. Die 48 Jahre alte ehemalige Fernsehjournalistin Winkhardt, die fast alle Gäste persönlich kennt und herzlich bis überschwänglich begrüßt, ist seit 1990 Pressesprecherin des VDC.

Die Gesprächsabende sind ihr Einfall, vor dem Regierungs- und Parlamentsumzug hießen sie noch „Oberkasseler Gespräche“ und fanden in Bonn statt. Als der VDC vor knapp 17 Jahren zunächst von Hamburg an den Rhein zog, sollten die Gesprächsrunden den Tabakverband unter den um die Aufmerksamkeit der Politiker buhlenden zahllosen anderen Lobbyisten bekannt machen.

„Genuss und Gespräch im Mittelpunkt“

„Wir wollten kulturelle und politische Themen aufgreifen, um zu zeigen, dass wir nicht nur eine Nabelschau betreiben“, beschreibt Frau Winkhardt einen Tag später in ihrem großzügig-eleganten Büro, dessen Wände hübsche Karikaturen zum Thema Rauchen schmücken, die Philosophie der VDC-Abende. Ein Auftritt von Ehrengästen wie Heribert Prantl, Lothar Späth oder Bärbel Bohley in solchen Gesprächsrunden habe eben nichts mit dem Produkt Zigarette zu tun, beteuert sie.

Mit solchen Veranstaltungen habe der VDC vielmehr zeigen wollen, dass „wir auch ein Podium für einen Teil des Gesellschaftsdiskurses sind“. Neben diesen halbpolitischen Gesprächsrunden lädt die Raucherin Winkhardt im Namen des VDC auch gerne zu rein geselligen Treffen und Festen ein, die unter dem Motto „Blaue Stunde“ oder „Feuerabend“ gute Stimmung für ein gesundheitsgefährdendes Produkt erzeugen sollen. „Im Herzen von Berlin stehen Genuss und Gespräch im Mittelpunkt“, heißt es da etwa auf den Einladungskarten.

Umsatzrückgang bei einem Rauchverbot in Gaststätten

Der Arbeitgeber von Andrea Winkhardt vertritt in der Hauptstadt die Interessen der sieben deutschen Tabakunternehmen Philip Morris, British American Tobacco Germany, Reemtsma Cigarettenfabrik, Gallaher, JT International Germany, der Tabak- und Cigarettenfabrik Heintz van Landewyck und der Joh. Wilh. von Eicken GmbH. Zusammen gut 9000 Mitarbeiter beschäftigten diese sieben Unternehmen im Jahr 2005 und machten dabei einen Umsatz von 19,5 Milliarden Euro (wovon 12,5 Milliarden Euro an Tabaksteuer abgeführt werden mussten).

Wurden 2002 noch 145,1 Milliarden Stück Zigaretten verkauft, waren es parallel zum stufenweisen Anstieg der Tabaksteuer im Jahr 2005 nur noch 95,8 Milliarden. Auch der Umsatz der Tabakunternehmen fiel wegen der drastischen Preiserhöhungen für Zigaretten in nur drei Jahren um fast zwei Milliarden Euro.

Ein weiterer Umsatzrückgang droht der Tabakindustrie, wenn es in Deutschland zu einem generellen Rauchverbot in Gaststätten kommt. In den vergangenen Wochen und Monaten stand die Schwäbin mit dem flinken Mundwerk deshalb vor der größten Herausforderung ihrer Karriere als VDC-Sprecherin.

„Hier wird Wert auf Konsens und Freiwilligkeit gelegt“

Anders als in früheren klassischen Rauchernationen wie Frankreich oder Italien soll nach dem Willen des VDC in Deutschland kein generelles Rauchverbot in Gaststätten verhängt werden. „Deutschland hat eine andere Tradition. Es ist ein Land, in dem sich die Bürger ungern etwas verbieten lassen. Hier wird Wert auf Konsens und Freiwilligkeit gelegt“, bemerkt Frau Winkhardts Chef, VDC-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Hainer, über das bisherige Nein der Politik gegen ein umfassendes öffentliches Rauchverbot.

In der Tat hat es die Zigarettenbranche in Deutschland bis jetzt weitaus besser als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern oder gar den Vereinigten Staaten, dem Land des rauchenden Cowboys. Während anderswo ohne jahrelange Debatten und mit großen parlamentarischen Mehrheiten aus Gründen der Volksgesundheit strikte Rauchverbote in Krankenhäusern, Bahnhöfen, Büros und Gaststätten verhängt wurden, ist in Deutschland auch zur Überraschung der Tabakindustrie erst im vergangenen Sommer zum ersten Mal eine ernsthafte Diskussion über ein Nichtraucherschutzgesetz in Gang gekommen.

„Wir haben Personen nie beeinflusst“

Seitdem befindet sich der VDC in einer Abwehrschlacht, in der sich der Verband vor allem mit gesellschaftspolitischen Argumenten gegen ein Rauchverbot in Gaststätten wehrt. „Der VDC hat sich früh zu dem Risiko seines Produkts bekannt. Aber wir sind gegen eine gesellschaftliche Ausgrenzung der Raucher“, sagt Hainer.

Den immer wieder erhobenen Vorwurf, der VDC habe mit finanziellen Zuwendungen an Wissenschaftler und Mediziner jahrelang für verharmlosende Gutachten und Studien zur Wirkung des Tabakkonsums gesorgt, weist Hainer empört zurück: „Wir haben diese Personen nie beeinflusst. Das waren absolut offene Verträge, die Wissenschaftler waren völlig frei in ihren Publikationen. Unser einziges Ziel war der wissenschaftlich faire Umgang mit dem Thema Rauchen.“

Der Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung des VDC, Wolf-Dieter Heller, sagt, dass es eine Vielzahl von Studien über einen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und erhöhter Sterblichkeit unter Nichtrauchern gebe, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. „Wir haben deshalb die Diskussion darüber eingestellt, weil es sowieso immer heißt, unsere Daten seien manipuliert.“

Nicht geklärt, wie die Liste in den Beratungsraum kam

Immerhin vorgedrungen mit seinen Argumenten gegen ein Rauchverbot in allen Gaststätten ist der VDC Ende September 2006 bei der ersten Sitzung der Koalitionsarbeitsgruppe zum Thema Nichtraucherschutz. Dort kursierten die Vorschläge des VDC zum Nichtraucherschutz als Diskussionsgrundlage zwischen SPD und Union.

In dem Papier ohne VDC-Briefkopf, über das die Gesundheitspolitiker und Parlamentarischen Geschäftsführer der Koalitionsfraktionen berieten, wird zwar ein generelles Rauchverbot in Krankenhäusern, Behörden und Schulen empfohlen. Für Bahnhöfe und Fernzüge werden indes Raucherzonen vorgeschlagen. Und nur für Restaurants mit einer Fläche von mindestens 75 Quadratmetern sollte es nach diesen Vorschlägen ein Rauchverbot geben, „bei gleichzeitiger Möglichkeit der Schaffung von gesonderten, ausgewiesenen Bereichen für Raucher“.

In Bars und Diskotheken, wo die Schadstoff- und Feinstaubbelastung durch Tabakrauch besonders hoch ist, soll es gar dem Betreiber überlassen werden, ob es dort ein Rauchverbot gibt. Als bekannt wurde, dass die Arbeitsgruppe anhand eines VDC-Positionspapiers beraten hatte, bezichtigten sich SPD und Union gegenseitig, die Fotokopien mit den Vorschlägen der Zigarettenindustrie in die Runde mitgebracht zu haben. Entrüstet bestritten beide Seiten, dass das Papier Grundlage der Beratung gewesen sei. Bis heute ist nicht geklärt, auf welchem Weg die Vorschlagsliste des VDC in den Beratungsraum kam.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2007, Nr. 46 / Seite 3
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