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Veröffentlicht: 01.03.2016, 12:21 Uhr

Zerfällt Europa (3) Die Utopie vom Leben jenseits der Grenze

Die Massenmigration ist die Revolution des 21. Jahrhunderts - und sie bringt eine Konterrevolution hervor, die das Wesen der Europäischen Union gefährdet. Die Flüchtlingskrise verfestigt Klischees, die Ost und West in Europa übereinander pflegen.

von Ivan Krastev
© Franziska Gilli

Vor einem Jahrzehnt bemerkte der ungarische Philosoph und einstige Dissident Miklós Tamás, die Aufklärung, in der die Idee der Europäischen Union wurzelt, erfordere ein Weltbürgertum. Doch dazu müsste mindestens eine der beiden folgenden Bedingungen erfüllt sein: Entweder werden arme und dysfunktionale Länder zu Orten, an denen zu leben erstrebenswert wäre, oder die Europäer öffnen ihre Grenzen für alle. Keines von beidem wird so bald geschehen - wenn denn überhaupt jemals. Heute gibt es in der Welt zahlreiche gescheiterte Staaten, in denen niemand leben möchte, und Europa ist nicht in der Lage, die Grenzen offen zu halten, zumal die Bürger und Wähler dies auch niemals zuließen. Der eigentliche Streit geht daher nicht um die Frage, ob die Europäische Union die Überschreitung ihrer Grenzen erschweren sollte - es liegt auf der Hand, dass sie das tun sollte; es geht vielmehr darum, ob wir uns moralisch dazu berechtigt fühlen dürfen und wie wir den am stärksten gefährdeten Menschen in der Welt helfen sollten.

Als Forscher an der University of Michigan 1981 ihre erste weltweite Werte-Studie durchführten, stellten sie erstaunt fest, dass das Glücksempfinden eines Landes nicht vom materiellen Wohlergehen abhing. Damals waren Nigerianer ebenso glücklich wie Westdeutsche. Heute, 35 Jahre später, ist das anders. Nach den neuesten Studien sind die Menschen in den meisten Ländern so glücklich, wie das jeweilige Bruttosozialprodukt dies vermuten lässt. Und was ist heute anders als damals? Inzwischen haben die Nigerianer Fernsehen, und das Internet macht es möglich, dass junge Afrikaner oder Afghanen sich mit einem Mausklick anschauen können, wie die Europäer leben und wie ihre Schulen oder Krankenhäuser aussehen. Die Globalisierung hat die Welt in ein Dorf verwandelt, aber dieses Dorf lebt in einer Diktatur - der Diktatur des globalen Vergleichs. Die Menschen vergleichen ihr Leben nicht mehr mit dem ihrer Nachbarn, sondern mit dem der wohlhabendsten Bewohner des Planeten.

In unserer so stark vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution - keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine vom Exodus getriebene Revolution des 21. Jahrhunderts, getragen von Einzelnen und Familien und inspiriert nicht von Zukunftsbildern, wie Ideologen sie einst malten, sondern von den im Internet verbreiteten Bildern des Lebens jenseits der Grenze. Diese neue Revolution verspricht radikale Veränderungen. Und zu ihrem Erfolg ist sie weder auf Ideologien angewiesen noch auf politische Bewegungen oder Führer. Deshalb sollten wir uns nicht wundern, dass der Weg in die Europäische Union für viele im Elend lebende Menschen heute attraktiver ist als jede Utopie. Für immer mehr Menschen bedeutet Veränderung, nicht die Regierung zu wechseln, sondern das Land.

Problematisch an der Migrantenrevolution ist ihre besorgniserregende Fähigkeit, in Europa eine Gegenrevolution auszulösen. Die vor einigen Monaten bewiesene gewaltige Solidarität mit Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flohen, wird heute von deren Gegenteil überschattet: einer grassierenden Angst, dass ebendiese Fremden den europäischen Sozialstaat und die historisch gewachsene Kultur untergraben und unsere liberalen Gesellschaften zerstören könnten. Angst vor dem Islam, vor Terrorismus und wachsender Kriminalität und eine unspezifische Angst vor dem Fremden bilden den Kern der moralischen Panik in Europa. Die Europäer fühlen sich nicht von einer Million Flüchtlingen überwältigt, die um Asyl gebeten haben, sondern von der Aussicht auf eine Zukunft, in der die Grenzen der Europäischen Union ständig von Flüchtlingen oder Migranten bestürmt werden.

Schon vor Köln hatte die Mehrheit der Deutschen an der Politik der offenen Tür zu zweifeln begonnen. Bundeskanzlerin Merkel, die bis dahin als Symbol des Selbstbewusstseins und der Entschlossenheit der Europäischen Union gegolten hatte, wird nun als eine an Gorbatschow erinnernde Gestalt gezeichnet: nobel, aber naiv - eine Figur, deren „Wir-schaffen-das-Politik“ Europa in Gefahr bringt.

Die Flüchtlingskrise konfrontiert die EU mit dem Problem ihrer Grenzen und signalisiert, dass die besorgten Mehrheiten, die in der europäischen Politik die größte Kraft darstellen, eine „Welt ohne Grenzen“ fürchten und stattdessen eine Europäische Union mit klar definierten und gut geschützten Grenzen fordern. Die besorgten Mehrheiten fürchten, dass Fremde ihre Länder übernehmen und ihre Lebensweise bedrohen könnten, und sie sind davon überzeugt, dass die gegenwärtige Krise auf eine Verschwörung kosmopolitisch gesinnter Eliten und in Stammesdenken befangener Migranten zurückgehe.

Kurz gesagt, die Flüchtlingskrise verändert die europäische Politik und bedroht das europäische Projekt in ganz anderer Weise als die Finanzkrise oder der Konflikt mit Russland.

Während die Finanzkrise die EU in Gläubiger und Schuldner spaltete und eine Kluft zwischen Norden und Süden aufriss, sorgt die Flüchtlingskrise für eine neue Ost-West-Spaltung. Was wir heute erleben, ist kein Mangel an Solidarität, wie Brüssel dies behauptet, sondern ein Zusammenstoß zwischen verschiedenen Arten von Solidarität: zwischen nationaler, ethnischer und religiöser Solidarität auf der einen und unserer Plicht als Menschen auf der anderen Seite. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen so viele Flüchtlinge nach Bulgarien, dass ihr Anteil an der Bevölkerung 25 Prozent erreichte. Damals sah Bulgarien aus wie Jordanien und der Libanon heute, und die Bulgaren sind zu Recht stolz darauf, dass es ihnen gelang, diese Menschen innerhalb kurzer Zeit zu integrieren. Das taten sie, weil die Flüchtlinge in ethnischer Hinsicht gleichfalls Bulgaren waren. Doch die Osteuropäer sind nicht der Ansicht, dass sie die ihren Landsleuten geschuldete Solidarität auch jenen anderen Menschen schulden, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Die Flüchtlingskrise hat deutlich gemacht, dass der Osten Europas gerade jene kosmopolitischen Werte als Bedrohung empfindet, auf denen die Europäische Union basiert, während für viele in Westeuropa ebendiese kosmopolitischen Werte den Kern der neuen europäischen Identität ausmachen.

„Ich kann aber nur schwer verstehen“, sagte kürzlich Bundespräsident Joachim Gauck, „wenn ausgerechnet Länder Verfolgten ihre Solidarität entziehen, deren Bürger als politisch Verfolgte einst selbst Solidarität erfahren haben.“

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Vor drei Jahrzehnten war „Solidarität“ das Symbol Mitteleuropas, und intellektuelle Dissidenten behaupteten, der Unterschied zwischen Ost und West liege darin, dass der Osten wirklich an die Europäische Union glaube, während der Westen lediglich dazugehöre. Wie ist es möglich, dass die Mitteleuropäer sich den für die Europäische Union fundamentalen Werten so sehr entfremdet haben und nicht bereit sind, Solidarität mit anderen leidenden Menschen zu üben?

Skandalös am Verhalten der Osteuropäer ist aus der Sicht des Westens nicht die Bereitschaft, genau dort Zäune gegen Flüchtlinge zu errichten, wo vor 25 Jahren Mauern niedergerissen wurden, sondern die Behauptung, man schulde diesen Menschen gar nichts. Während in Deutschland nahezu zehn Prozent der Bevölkerung sich an privaten Hilfsaktionen für Asylsuchende beteiligten, bleibt die Öffentlichkeit in Osteuropa unbeeindruckt von der Flüchtlingstragödie, und Politiker geißeln den Brüsseler Beschluss, Flüchtlinge auf die Mitgliedstaaten der EU zu verteilen. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico erklärt, sein Land wolle nur Christen aufnehmen (da es in der Slowakei keine Moscheen gebe, wisse er nicht, was Muslime dort sollten). Der Führer der in Polen regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit Jaroslaw Kaczynski warnte, die Aufnahme von Flüchtlingen gefährde die öffentliche Gesundheit, weil die Flüchtlinge unbekannte und gefährliche Krankheiten einschleppen könnten. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán behauptet, die moralische Pflicht der Europäischen Union sei es nicht, den Flüchtlingen zu helfen, sondern die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten.

Während die Flüchtlingskrise in den meisten westeuropäischen Ländern zu einer Polarisierung der Gesellschaft führte, zu einer Konfrontation zwischen Befürwortern und Gegnern einer Politik der offenen Tür, zwischen denen, die ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen, und solchen, die Flüchtlingsunterkünfte in Brand setzen, einte sie in den mittel- und osteuropäischen Ländern ansonsten gespaltene Gesellschaften in ihrer nahezu einmütigen Ablehnung der Flüchtlinge. Dies ist einer der wenigen Fälle in jüngerer Zeit, da Regierungen sagen, was die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung denkt. Während die Deutschen versuchten, sich einen Reim auf das mangelnde Mitgefühl der Osteuropäer zu machen, wunderten sich die Osteuropäer, warum Deutsche, die nicht bereit waren, für die Griechen zu zahlen, nun so eifrig darauf bedacht waren, Syrern und Afghanen zu helfen.

Die osteuropäischen Ressentiments gegen Flüchtlinge erscheinen besonders unverständlich, wenn wir zwei Dinge bedenken: Erstens, dass Osteuropäer im größten Teil des 20. Jahrhundert sehr damit beschäftigt waren, selbst auszuwandern oder sich um Einwanderer zu kümmern. Und zweitens, dass es heute in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern gar keine syrischen Flüchtlinge gibt. So kamen 2015 insgesamt nur 169 Flüchtlinge in die Slowakei, und nur acht von ihnen stellten einen Asylantrag.

Die Rückkehr der Ost-West-Spaltung in Europa ist kein unglücklicher Zufall. Sie hat ihre Wurzeln in der Geschichte, der Demographie und den Wendungen der postkommunistischen Übergangszeit, und zugleich ist sie eine mitteleuropäische Variante der Volksrevolte gegen die Globalisierung.

Die Geschichte hat in Mittel- und Osteuropa großes Gewicht, und sehr oft widersprechen die geschichtlichen Erfahrungen dort einigen Versprechungen der Globalisierung. In Mitteleuropa kennt man besser als anderswo in Europa die Vorzüge, aber auch die dunklen Seiten multikultureller Gesellschaften. Die osteuropäischen Staaten und Nationen entstanden erst spät im 19. Jahrhundert, und das auf einen Schlag. Während in der westlichen Hälfte Europas das Vermächtnis der Kolonialreiche die Begegnung mit der außereuropäischen Welt prägte, gingen die mitteleuropäischen Staaten aus dem Zerfall von Reichen und den nachfolgenden ethnischer Säuberungen hervor. Während Polen vor dem Zweiten Weltkrieg eine multikulturelle Gesellschaft war, in der mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus Deutschen, Ukrainern oder Juden bestand, ist das heutige Polen mit seinen 97 Prozent ethnischen Polen eine der ethnisch homogensten Gesellschaften der Welt. Die Rückkehr zu ethnischer Vielfalt erscheint vielen daher als ein Rückfall in die schwierigen Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen. Die ethnische Landschaft Westeuropas war im 19. Jahrhundert so harmonisch wie ein Landschaftsbild von Caspar David Friedrich, während die in Mitteleuropa eher einem Gemälde von Kokoschka glich. Und während die Europäische Union auf der französischen Idee der Nation (wonach Zugehörigkeit als Loyalität gegenüber den Institutionen der Republik definiert ist) und der deutschen Staatsvorstellung basiert (mächtige Länder und ein relativ schwaches föderales Zentrum), wurden die mitteleuropäischen Länder auf der deutschen Idee der Nation und der französischen Staatsvorstellung errichtet. Mitteleuropa kombiniert die Bewunderung für den allmächtigen Zentralstaat der Franzosen mit der von den Deutschen getragenen Vorstellung, wonach die Staatsangehörigkeit in einer gemeinsamen Abstammung und Kultur gründet.

Nach Ansicht des französischen Politikwissenschaftlers Jacques Rupnic waren die Mitteleuropäer gerade deshalb besonders erzürnt über die deutsche Kritik an ihrem Umgang mit der Flüchtlingskrise, weil die Mitteleuropäer doch gerade von den Deutschen des 19. Jahrhunderts die Idee der Nation als kultureller Einheit übernommen hatten.

Die Abneigung der Mitteleuropäer gegen die Flüchtlinge gründet indessen nicht allein in ihrer langen Geschichte, sondern auch in den Erfahrungen der Übergangsperiode nach dem Ende des Kommunismus. Auf den Kommunismus und die liberalen Reformen folgte ein tiefgreifender Zynismus. Mitteleuropa ist Weltmeister im Misstrauen gegenüber Institutionen. Brecht steht nicht mehr auf dem Lehrplan, aber viele Mitteleuropäer dürften der Zeile zustimmen: „Denn für dieses Leben / Ist der Mensch nicht schlecht genug.“ Angesichts des Zustroms an Migranten und der ökonomischen Unsicherheit fühlen viele Osteuropäer sich in ihrer Hoffnung getäuscht, der Beitritt zur Europäischen Union bedeute den Beginn des Wohlstands und eines von Krisen freien Lebens.

Sie fragen, wie jemand Solidarität von ihnen erwarten könne, da sie doch ärmer als die Westeuropäer seien. Man hat uns Touristen versprochen, keine Flüchtlinge. Touristen und Flüchtlinge sind zu Symbolen der beiden Gesichter der Globalisierung geworden. Der Tourist steht für die Globalisierung, die wir mögen. Touristen anzuziehen und Flüchtlinge abzuweisen ist in knapper Zusammenfassung die osteuropäische Sicht einer erstrebenswerten Welt. Der Tourist ist der gute Ausländer. Er kommt, gibt Geld aus, lächelt, bewundert und geht wieder. Er gibt uns das Gefühl, mit der weiteren Welt verbunden zu sein, ohne dass er uns deren Probleme aufzwingt. Der Flüchtling, der gestern noch Tourist hätte sein können, steht dagegen für die bedrohliche Seite der Globalisierung. Er bringt das ganze Elend und die Probleme der Welt da draußen mit. Er ist unter uns, aber er gehört nicht zu uns und steht zudem oft noch unserer Kultur kritisch gegenüber.

Seltsamerweise gehört die demographische Panik zu den am seltensten diskutierten Faktoren des osteuropäischen Verhaltens gegenüber den Flüchtlingen. Dabei ist sie ein ganz wesentlicher Faktor. In der jüngeren Geschichte Ost- und Mitteleuropas sind immer wieder Nationen und Staaten verschwunden. In den vergangenen 25 Jahren haben gut zehn Prozent der Bulgaren das Land verlassen, um im Ausland zu leben und zu arbeiten. Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird die Bevölkerung Bulgariens bis 2050 um 27 Prozent schrumpfen. Die Furcht vor dem „ethnischen Verschwinden“ ließe sich in vielen kleineren Ländern Osteuropas finden. Für sie signalisiert der Zustrom der Migranten ihren Austritt aus der Geschichte, und das beliebte Argument, Europa sei angesichts seiner Überalterung auf Zuwanderung angewiesen, verstärkt nur die existentielle Melancholie. Wer sich im Fernsehen die Berichte über ältere Einheimische anschaut, die gegen die Ansiedlung von Flüchtlingen in ihren entvölkerten Dörfern protestieren, in denen seit Jahrzehnten kein Kind mehr geboren wurde, dem tun beide Seiten leid - die Flüchtlinge, aber auch die alten, einsamen Menschen, die mitansehen müssen, wie ihre Welt dahinschwindet. Wird es in hundert Jahren noch jemanden geben, der bulgarische Gedichte liest?

Die vom Kommunismus aufgezwungene Säkularisierung hat Mittel- und Osteuropäer sehr sensibel für die Gefahr einer Zerstörung ihrer christlichen Identität gemacht. Man braucht nicht religiös zu sein, um sich Sorgen über die Zukunft des Christentums und seiner Kultur in Mittel- und Osteuropa zu machen. Es sei auch daran erinnert, dass Mittel- und Osteuropa der Teil Europas mit den wahrscheinlich komplexesten Beziehungen zum Islam ist. Dort gibt es zwei Arten von Ländern. Solche wie Bulgarien, das die größte muslimische Minderheit in Europa beherbergt und an der Grenze zur muslimischen Welt liegt; und solche wie die Slowakei, in der es keine einzige Moschee gibt. Aus ganz entgegengesetzten Gründen wird man in Bulgarien und in der Slowakei sehr nervös bei dem Gedanken, dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind.

Die gescheiterte Integration der Roma hat gleichfalls ihren Anteil am mangelnden Mitleid in Osteuropa. Die Osteuropäer fürchten Ausländer, weil sie an der Fähigkeit ihrer Gesellschaft und ihres Staates zweifeln, die schon in ihrer Mitte lebenden „Anderen“ zu integrieren. In vielen osteuropäischen Ländern sind die Roma nicht nur arbeitslos, sondern auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar, weil sie sehr früh die Schule verlassen und die für den Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts erforderlichen Qualifikationen gar nicht erst erwerben. Gerade die gescheiterte Integration der Roma lässt Osteuropäer glauben, dass ihre Länder „es nicht schaffen“. Und die Tatsache, dass Osteuropäer und Flüchtlinge aus Asien und dem Nahen oder Mittleren Osten auf dem westeuropäischen Arbeitsmarkt oft als Konkurrenten enden, fördert auch nicht gerade die Bereitschaft der Osteuropäer zu einer Integrationspolitik. Die Bürger der Länder auf dem Westbalkan sind wahrscheinlich das stärkste Beispiel für die Kollateralschäden der aktuellen Krise - die Pläne zur Bewältigung des wachsenden Flüchtlingszustroms nach Deutschland sehen vor, dass sie zurückgeschickt werden, ohne Hoffnung, jemals in die EU zurückkehren zu können.

Doch letztlich ist es das in Mitteleuropa tiefverwurzelte Misstrauen gegenüber dem kosmopolitischen Denken, das Ost und West voneinander trennt. Die gegenwärtige Abneigung gegen den Kosmopolitismus, die in vielerlei Hinsicht an die Erfolge der antikosmopolitischen Kampagnen im stalinistischen Europa erinnert, findet ihren deutlichen Ausdruck in der wachsenden Bereitschaft der Wähler, nativistische Politiker zu unterstützen, deren Hauptvorzug darin besteht, dass sie sich nicht für die Welt interessieren, keine Fremdsprachen beherrschen, kein Interesse an fremden Kulturen haben und Brüssel meiden.

Die gespaltene Haltung West- und Osteuropas zu den Fragen der Vielfalt und der Zuwanderung erinnert stark an die Spaltung zwischen den kosmopolitischen Großstädten und dem Land innerhalb der westlichen Gesellschaften - zwei Welten, die einander zutiefst misstrauen.

Der Schriftsteller Joseph Roth verbrachte zwischen den beiden Weltkriegen die meiste Zeit auf Reisen durch Europa, wo er Zuflucht in den Empfangshallen großer Hotels suchte, weil Hotels in seinen Augen die letzten Überreste des alten Habsburgerreichs darstellten, wie Postkarten aus einer verschwundenen Welt, Orte, an denen er sich heimisch fühlte. Manche mitteleuropäische Intellektuelle teilen Roths nostalgische Einstellung gegenüber dem kosmopolitischen Geist des Habsburgerreichs, doch für gewöhnliche Bürger Mitteleuropas gilt das nicht. Sie fühlen sich wohl in ihren ethnisch einheitlichen Staaten und empfinden ein tiefes Misstrauen gegenüber denen, die mit dem Herzen in Paris oder London sind, deren Geld sich in New York oder Zypern befindet und deren Loyalität Brüssel gehört. Tony Judt sagt dazu: „Den Ost- und ,Mittel‘-Europäern, deren Identität weitgehend durch eine Reihe negativer Kennzeichen bestimmt war - keine Russen, keine Orthodoxen, keine Türken, keine Deutschen, keine Ungarn und so weiter -, wurde Provinzialität gleichsam als Akt der Staatsbildung aufgezwungen. Ihre Eliten mussten wählen zwischen kosmopolitischer Loyalität gegenüber einer extraterritorialen Einheit oder Idee - Kirche, Reich, Kommunismus oder in jüngster Zeit ,Europa‘ - oder dem beengenden Horizont des Nationalismus und der lokalen Interessen.“ Kosmopolit und zugleich ein „guter Pole“, ein „guter Tscheche“ oder ein „guter Bulgare“ zu sein war keine Option.

Und dieses historisch verwurzelte Misstrauen gegenüber allem Kosmopolitischen gehört ebenso wie die direkte Verbindung zwischen Kommunismus und Internationalismus zur Erklärung für die Empfindlichkeiten Mitteleuropas im Blick auf die Flüchtlingskrise. In dieser Hinsicht besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem Vermächtnis des Nationalsozialismus und dem des Kommunismus. Der deutsche Hang zum Kosmopolitischen war auch eine Flucht vor dem fremdenfeindlichen Erbe der Nazis, während man auf der anderen Seite die These vertreten kann, dass der Antikosmopolitismus Mitteleuropas zum Teil in der Abneigung gegen den vom Kommunismus aufgezwungenen Internationalismus wurzelt.

Welche Bedeutung hat nun die durch die Flüchtlingskrise herbeigeführte Ost-West-Spaltung in Europa für die Zukunft der Europäischen Union? Wird sie in ähnlicher Weise verschwinden, wie die Spaltung zwischen Donald Rumsfelds „altem“ und „neuem Europa“ verschwand, als die Mitteleuropäer sich gegen George W. Bushs Irak-Krieg wendeten, oder wird sie zur Entstehung einer zweigeteilten Europäischen Union führen? Ist europäische Solidarität möglich ohne eine Solidarität mit den am stärksten gefährdeten Menschen der Welt?

In Mitteleuropa verweisen heute viele auf die Verschärfung flüchtlingsfeindlicher Gefühle in Westeuropa und behaupten, Europa sei nun nicht mehr gespalten; die europäische Einheit sei nur eine Wahl entfernt - eine Wahl, die Bundeskanzlerin Merkel verlieren werde. Angesichts der Desillusionierung der Deutschen im Blick auf die Politik der offenen Tür seien die Unterschiede in den Auffassungen leicht zu überbrücken. Viele Mitteleuropäer feiern den Stimmungswandel in Westeuropa als Sieg des nüchternen Realismus Osteuropas über die scheinheilige Moral des Westens. Man spürt sogar eine gewisse Schadenfreude, wenn man mitteleuropäische Kommentare zu dem vom dänischen Parlament einmütig verabschiedeten „Schmuckgesetz“ liest. Danach können Wertsachen der Flüchtlinge konfisziert werden, soweit sie einen Wert von tausend Euro übersteigen.

Das Paradoxon der Spaltung der EU durch die Flüchtlingskrise liegt indessen darin, dass die Konvergenz der zuwanderungsfeindlichen Gefühle nicht zu einer Annäherung zwischen West- und Mitteleuropa führen wird. Anders als „Deutschland den Deutschen“ oder „Bulgarien den Bulgaren“ eignet sich der Slogan „Europa den Europäern“ nicht für politische Höhenflüge. Vielen konservativen Deutschen, denen die Richtung missfällt, in die Deutschland sich bewegt, sind die Rumänen oder Bulgaren nicht weniger fremd als die Syrer, während die kosmopolitisch denkenden Deutschen, die Merkels Kultur der Integration von Flüchtlingen gutheißen, in den tribalistisch denkenden Mitteleuropäern das Haupthindernis für eine als offene Gesellschaft konzipierte Europäische Union erblicken. Auf traurige Weise hat die Spaltung in der Flüchtlingsfrage alle Vorurteile bestätigt, die Ost und West gegeneinander hegten.

Die Krise beweist auch, dass europäische Solidarität sich nicht von ihren Wurzeln in der Aufklärung trennen lässt. Als Osteuropäer erklärten, sie schuldeten den Flüchtlingen nichts, erkannten viele im Westen, dass auch sie Osteuropa nichts schulden.

* * *

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

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Quelle: wahlrecht.de
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