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Zerfällt Europa? (18) : Zu unserem Glück vereint?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Geschichte der europäischen Nationalstaaten belegt, dass sich Gefühle der Verbundenheit und Nähe nicht verordnen lassen. Aber es hätte der EU nicht geschadet, symbol- und geschichtspolitisch mehr zu tun und früher damit zu beginnen. Zu spät ist es nicht.

          Was hat Europa mit Gefühlen zu tun? Welche Rolle spielen sie in der Geschichte europäischer Einigung und Entzweiung? Sind Gefühle - und wenn ja, welche? - Europas Verdruss oder seine Zukunft?

          Es ist kein Zufall, dass solche Fragen heute gestellt werden, 65 Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Vorläuferin und Inkubator der EU. 1951 war von Gefühlen nicht die Rede, dem Pariser Vertrag ging es um Märkte, Verbraucher und Preise. Lediglich in der Präambel ließ sich ein leicht gefühliger Ton entdecken, wenn sie eine „vertiefte Gemeinschaft unter Völkern“ verhieß, „die lange Zeit durch blutige Auseinandersetzungen entzweit waren“.

          In deutschen Ohren war der Begriff Gemeinschaft mit schwerem emotionalem Gepäck beladen - und hörte sich gerade deshalb in einem Atemzug mit Kohle und Stahl mal placé an. Ohnehin ging man in den Anfangsjahren der Bundesrepublik eher auf Distanz zu Gefühlen. Nie wieder sollte ihnen in der Politik eine ähnlich prominente Bedeutung zukommen wie während des Nationalsozialismus.

          Heute hat sich der Wind gedreht. Gefühle sind in der Politik ein heißes Thema geworden. Sie stehen versteckt oder offen auf jeder politischen Agenda, keine Wahlwerbung kommt ohne sie aus. Das hat viele Gründe, manche sind politikintern, andere extern. Dass Politik immer stärker personalisiert wird - nicht nur in den Vereinigten Staaten und im dortigen Präsidentschaftswahlkampf -, ist einer davon. Personen wiederum „funktionieren“ nicht ohne Gefühle. Die Therapeutisierungswelle der 1980er Jahre tat das Ihre, um Gefühle auch außerhalb des Privaten zu positionieren. „Wie fühlst du dich jetzt?“, „Wie fühlt sich das an?“: Solche Fragen stehen ebenso hartnäckig im Raum wie die Erwartung, darauf eine „ehrliche“, „authentische“ Antwort zu bekommen und ihr eine entsprechende Anschlusskommunikation folgen zu lassen. Gefühle zu haben und über Gefühle zu sprechen ist von größter öffentlicher Bedeutung, ebenso wie das Management von Gefühlen mittlerweile zum Standard jedes CEO-Coaching gehört und die modischen Selbstführungsdiskurse anleitet.

          Was heißt das für Europa und das Projekt europäischer Einigung, über dessen Zerfall so viel geunkt wird? Europa hat, so die These, ein emotionales Defizit, das sich derzeit besonders deutlich zeigt. Das „Glück“, das die Berliner Erklärung anlässlich des 50. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 2007 so vollmundig beschwor, will sich partout nicht einstellen. Zugleich verblasst die Erinnerung an die europäischen Bürgerkriege. Sie hat in den 1950er Jahren den „Traum“ einer europäischen Friedensordnung angeschoben. Heute scheint jener Traum verwirklicht, und die Leistungen der EU, was den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen betrifft, gelten als selbstverständlich - oder werden in Frage gestellt. Europakritische oder gar -feindliche Bewegungen gewinnen an Zulauf und mobilisieren mit hochemotionalen Parolen. Dagegen setzen social marketing-Kampagnen à la „Ich will Europa“ ein positives Bekenntnis, dessen Eindringtiefe allerdings zweifelhaft ist.

          Was also ist zu tun, um dem Gefühlsdefizit der EU beizukommen? Welche Gefühle braucht sie, und wie könnte man sie aktivieren? Lassen sich Gefühle überhaupt „herstellen“? Auf welche Erfahrungen der europäischen Geschichte kann man dabei zurückgreifen?

          Denken sie an Brüssel, kommen vielen EU-Bürgern sofort achtundzwanzig Kommissare, Heerscharen gutbezahlter Beamter und Bataillone von Lobbyisten in den Sinn. All das betrachten sie eher mit Skepsis als mit überschäumender Freude. Auch wenn man sagt, die Zahl der bei der Kommission beschäftigten Mitarbeiter inklusive Hausmeister und Ortskräfte sei nicht viel höher als die der Kölner Stadtverwaltung, verschwindet die Skepsis nicht. Denn der Kölner Klüngel scheint Kölner Bürgern nah, vertraut und bei aller Kritik doch irgendwie lebensnotwendig. Die Brüsseler Administration hingegen liegt nicht nur räumlich in der Ferne, sondern ist auch in ihren Kompetenzen, Abläufen und Beschlüssen undurchschaubar.

          Aufklärungs- und Informationskampagnen, wie sie Europa-Parlamentarier von Zeit zu Zeit starten, helfen da nicht viel. Negative Medienberichte, Skandalisierungen bestimmter Entscheidungen - über Gurkenkrümmungen oder das Verbot offener Olivenölkännchen in Restaurants - und eine populistische Anti-Europa-Bewegung, die rechte und linke Gruppen gleichermaßen umfasst, füttern ein Ressentiment, das sich nicht zuletzt in Umfragen niederschlägt. Seit 2014 ist der Anteil derjenigen, die ein positives Bild der EU haben, in Deutschland von 37 auf 29 Prozent gefallen und liegt damit auf gleicher Höhe mit denen, die der EU negativ gegenüberstehen (wobei er immer noch größer ist als in Frankreich oder Großbritannien, aber kleiner als in Polen oder Litauen). Mit 41 Prozent relativ konstant geblieben ist die Gruppe jener, die ihre Haltung zur EU als „neutral“ beschreiben. Das ist die Mehrheit der Befragten.

          Nun ist Neutralität, man könnte auch sagen: Indifferenz, nicht per se ein Problem. Anders als in Nordkorea werden Bürger hierzulande nicht gezwungen, Politikern und Institutionen zuzujubeln und auf Knopfdruck Tränen zu vergießen, wenn ein Staatsführer das Zeitliche segnet. Es gibt in den meisten europäischen Staaten auch keine Wahlpflicht, weder in kommunalen, nationalen oder europäischen Angelegenheiten. Freiheitliche Demokratien zeichnen sich eben auch dadurch aus, dass sie ihren Bürgern freistellen, sich für Politik zu interessieren oder andere Dinge zu tun.

          Zugleich ist mit dauerhaft gleichgültigen Bürgern wenig Staat und noch weniger Demokratie zu machen. Fällt die aktive Teilnahme unter ein bestimmtes Niveau, bröckelt die Legitimität - nicht formal, aber substantiell. Es gibt ein stilles Quorum, das über die Vitalität und Anerkennung eines politischen Gemeinwesens entscheidet. Betätigen zu viele Menschen die emotionale Exit-Taste, werden diejenigen, die drinbleiben, zur Minderheit. Je nach Bedarf nimmt man sie von außen als elitär oder naiv, stark oder schwach wahr. Die Außenstehenden wiederum laufen Gefahr, von radikalen Neinsagern umarmt zu werden. Indifferenz schlägt schnell in Ressentiment um, wenn entsprechende Angebote und Umstände dazu einladen.

          Ressentiment, meinte Friedrich Nietzsche 1887, sei das Gefühl der Sklaven, das schlussendlich im Aufstand gegen die vornehme Moral schöpferisch werde. Als jüngstes Beispiel fiel ihm die Französische Revolution ein: Hier hätten sich die „volkstümlichen Ressentiments-Instinkte“ gegen das klassisch-aristokratische Politik-Ideal erhoben, bevor Napoleon, „jener einzelnste und spätestgeborene Mensch, den es jemals gab“, noch einmal die „furchtbare und entzückende Gegenlosung vom Vorrecht der Wenigsten“ in Anschlag brachte.

          Man muss Nietzsches Affekt gegen die moderne, inklusive Demokratie nicht teilen, um in seiner Analyse des Ressentiments etwas Wahres zu entdecken. Das Ressentiment heutiger Europagegner wirkt tatsächlich oft so, wie es in seiner „Genealogie der Moral“ beschrieben ist: als verdruckstes Neidgefühl angeblich Zu-kurz-Gekommener, die sich als Verlierer und Opfer ökonomischer, sozialer und kultureller Prozesse begreifen; als „rachsüchtige List der Ohnmacht“, die aus der eigenen Schwäche eine „Tugend“, eine „Tat“ und ein „Verdienst“ macht; als Bündel „versteckt glimmender Affekte“ aus Rache und Hass, die sich gegen die angeblich Starken, Selbstgewissen, Elitären wenden. Wer solchem Ressentiment auf den Straßen von Dresden, Stoke-on-Trent oder Marseille begegnet, der sehe sich vor. Es kann in Sekundenschnelle zu blanker Gewalt eskalieren.

          Nun sind glücklicherweise nicht alle, die die EU in schwarz-grauen statt in hellen Farben sehen, gewaltbereite Randalierer, die für ihre Politiker nur Verachtung übrighaben und sie an den Galgen wünschen. Doch können patente Anführer das in dieser Gruppe versammelte Ressentiment hochputschen und verbreitern. So wurde aus dem guten Drittel der Briten, die die EU 2014 negativ bewerteten, zwei Jahre später eine knappe Mehrheit von Brexit-Befürwortern. Von diesen 52 Prozent haben wir inzwischen ein relativ klares Profilbild gewonnen: Es sind eher ältere Bürger mit niedrigerem Bildungsstand, die außerhalb der großen Städte wohnen und weder Schotten noch Nordiren sind. Den Schotten ist Brüssel als Gegengewicht zu London lieb und teuer, ebenso wie sich in der katalonischen oder baskischen Peripherie mehr EU-Befürworter finden als im kastilischen Zentrum Spaniens.

          Diese Beobachtung ist insofern von Interesse, als sie den Blick auf nationale Integrations- beziehungsweise Desintegrationsprozesse lenkt, die emotionsgeschichtlich aufschlussreich sind. In vielen Staaten Europas hat sich die Nationbildung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht flächendeckend vollzogen. Selbst in Frankreich, das schon unter den absolutistischen Königen als Zentralstaat par excellence galt, gab es Provinzen, später Departements, in denen die französische Sprache nur unter großem Druck heimisch wurde und die Identifikation mit Paris eher schwach ausgeprägt war.

          „Bauern zu Franzosen machen“: So fasste der amerikanische Historiker Eugen Weber in seinem Klassiker „Peasants into Frenchmen“ aus dem Jahr 1976 die Anstrengungen der Dritten Republik zwischen 1870 und 1940 zusammen, die national indifferenten Landbewohner durch Schule, Militärdienst und Symbolpolitik in national gesinnte Bürger zu verwandeln. Bretonen oder Provenzalen mit einer ausgeprägten eigenen Kultur und Sprache taten sich dabei deutlich schwerer als die Bewohner der Île-de-France. Liebe zum Vater- oder Mutterland, jene allseits geschätzte Tugend des 19. Jahrhunderts, hieß hier etwas anderes als dort, und le petit pays zog meist sehr viel liebevollere Gefühle auf sich als la grande nation.

          Auch in Deutschland stellte sich Patriotismus weder von allein ein, noch bezog er sich immer auf dasselbe Territorium. Dynastische Anhänglichkeiten waren bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet. Selbst im Kaiserreich, dem ersten Nationalstaat auf deutschem Boden, fühlte man sich eher als Preußin, Bayerin, Sächsin denn als Deutsche. Die Reichssymbolik stieß an Grenzen: So gab es zwar überall (und bis heute) Bismarck-Denkmäler, doch Kaiser Wilhelm I. war selbst als steinerner Gast in außerpreußischen Landen nicht willkommen. Der Versuch, dem aus zahlreichen Einzelstaaten zusammengesetzten Reich eine gemeinsame, „von oben“ verordnete nationale Identität zu verordnen, ging gründlich schief. Wenn überhaupt, kam es erst in den Kriegen des 20. Jahrhunderts zu einer emotionalen Vergemeinschaftung, und sie hatte immense Kosten.

          Kriege schweißten die Nation zusammen und produzierten eine über regionale, aber auch soziale, konfessionelle oder ethnische Grenzen hinweg gleitende Einigkeit. Die Franzosen sprachen 1914 von der union sacrée, die britischen Feministinnen tauften ihre Zeitung The Suffragette in Britannia um, und in Deutschland, dessen Kaiser nur noch Deutsche kennen wollte, schloss man Burgfrieden. Begleitet wurde dieser Wille zur Einheit von lautstarker Propaganda, die diese Einigkeit in Wort und Bild in Szene setzte und das Lied vom geliebten Vaterland in allen möglichen Tonarten anstimmte.

          Aber Propagandisten, aus der Mitte des Volkes ebenso wie aus der staatlichen Öffentlichkeitsarbeit, taten noch mehr: Sie heizten den Hass auf den Gegner an und zogen dabei alle gefühlspolitischen Register. In den Entente-Staaten zeichnete man Deutsche als Barbaren, die belgische Frauen vergewaltigten und Kindern die Hände abschlugen. In Deutschland beschwor man das Selbstbild des friedlichen Michel, der, von geldgierigen Engländern, rachsüchtigen Franzosen und wilden russischen Horden umzingelt, um das eigene Überleben kämpfen musste. Der Zweite Weltkrieg setzte diese Bildprogramme in radikalisierter Form fort, mit dem Unterschied, dass der alliierte Barbaren-Vorwurf jetzt zu Recht erhoben wurde.

          Angesichts dieser Exzesse an symbolischer und materieller Gewalt ist es immer wieder erstaunlich, dass Europäer nach Kriegsende überhaupt wieder aufeinander zugingen. Die traumatischen Erlebnisse und Verluste der Kriegsjahre zur Seite zu schieben und Feindschaft in Freundschaft umzukodieren fiel 1945 nicht leichter als 1918. François Ozons Film „Frantz“, derzeit in den Kinos, zeugt ebenso von den Schwierigkeiten wechselseitiger Annäherung wie die Erfahrung jener Deutscher, die sich in den 1970ern, immerhin ein Jahrzehnt nach dem Élysée-Vertrag, um Partnerschaften mit französischen Städten und Gemeinden bemühten.

          Am besten und schnellsten gelang der emotionale Neuanfang unter jungen Leuten, und der deutsch-französische Jugendaustausch gehört nicht zufällig zu den stabilsten Bausteinen, mit denen sich ein grenzüberwindendes, auf Frieden geeichtes (West-)Europa errichten ließ.

          Junge Frauen und Männer waren es auch, die 1950, ein Jahr vor der Montanunion, mit Aplomb ein erstes Europa-Happening veranstalteten. In der Pfalz stürmten sie die deutsch-französische Grenze, demolierten Grenzpfähle und Schlagbäume und sperrten die überraschten Beamten für ein paar Stunden ins Zollhaus ein. Sie kamen „aus Rom in Europa“, „aus München in Europa“, „aus Bern in Europa“ und gehörten zum 1949 gegründeten Bund der Europäischen Jugend, der sich später in Junge Europäische Föderalisten umbenannte (und bis heute aktiv ist). Ihr Bekenntnis zu Europa war leidenschaftlich und setzte bewusst einen Kontrapunkt zu den nüchternen Verhandlungen der Politiker. Obwohl auch in deren Köpfen der letzte Krieg und seine Verheerungen allzeit präsent waren, bemühten sie sich um einen sachorientierten, interessegeleiteten Tonfall, der jedweden Gefühlsüberschwang vermied. Gerade weil das nationalsozialistische Europa-Projekt in höchsten und tiefsten Tönen geschwelgt hatte, schien ein moderato cantabile die dem neuen Anlauf angemessene Vortragsweise.

          Bei dieser emotionalen Zurückhaltung der „Macher“ blieb es auch in der Folgezeit. Symbolpolitisch wurde die Europäische Gemeinschaft erst spät und überaus vorsichtig aktiv. Flagge und Hymne borgte sie 1985 vom Europarat, dessen Existenz den meisten Europäern unbekannt geblieben war. 2000 legte sie sich das in einem Schülerwettbewerb kreierte Motto „In Vielfalt geeint“ zu, das es in dieser oder ähnlicher Form ins Bewusstsein vieler geschafft hat. Das alltagstauglichste Symbol der Einheit ist zweifellos der Euro geworden. Aber auch er ist in jüngster Zeit, anlässlich der Schuldenkrisen vieler südeuropäischer Länder, ins zwieträchtige Gerede gekommen.

          Kann man, soll man Gefühle für Europa schaffen?

          Wer behauptet, eine Währung könne keine Gefühle der Zugehörigkeit und Verbundenheit schaffen, irrt. Die Westdeutschen haben es bewiesen, nicht zuletzt aus Mangel an anderen Möglichkeiten. Fahnen waren nach dem Krieg ebenso in Misskredit geraten wie Hymnen; selbst die dritte Strophe des Deutschlandliedes vermochte kaum, positive Emotionen zu wecken. Angesichts dieser Erfahrung ist über die gefühlsbildende Kraft des Euros das letzte Wort noch nicht gesprochen.

          Allerdings kann man aus der deutschen Nachkriegsgeschichte auch lernen, dass es am Ende oft anders kommt, als man es sich am Anfang gedacht hat. Als die D-Mark 1948 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der westlichen Bizone eingeführt wurde, kam niemandem in den Sinn, dass aus ihr einmal das wichtigste Nationalsymbol der Bundesrepublik werden würde. Umgekehrt zeigt die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts, dass eine absichtsvolle Erziehung zum Patriotismus, zur Vaterlandsliebe, zur emotionalen Identifikation mit der Nation kein Selbstläufer ist. Aus wie vielen Kanonenrohren, um ein (naheliegendes) militärisches Bild zu benutzen, ist damals gefeuert worden! Wie viele Reden an die Nation wurden gehalten, wie viele Lieder gedichtet und komponiert, wie viele Gemälde oder Statuen von Germania, Britannia, Francia-Marianne in Auftrag gegeben, um das Gefühlsband zwischen Bürgern und Nation enger zu knüpfen!

          All diese Reden, Lieder, Statuen konnten ihr Ziel nur erreichen, wenn sie sich mit lokalen, regionalen oder dynastischen Identifikationen verbanden und an historische Traditionen anknüpften. Ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl entstand meist erst dann, wenn es gelang, ältere Bindungen in Dienst zu nehmen. Die gemeinsame Sprache, ungeachtet aller Dialekte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Damit hingegen kann Europa nicht punkten. Die frühere Lingua Franca, das Lateinische, wird heute nur noch im Vatikanstaat gesprochen; ihre Nachfolgerin, das Englische, ist nicht auf Europa beschränkt.

          Aber lässt sich die EU, über deren Statur Rechts- und Politikwissenschaftler immer wieder rätseln, überhaupt mit Nationalstaaten vergleichen? Wäre nicht mehr aus der Geschichte europäischer Imperien wie Österreich-Ungarn oder Russland und deren emotionalen Klammern zu lernen? Auch dort gab es schließlich weder eine gemeinsame Sprache noch eine gemeinsame Religion, und trotzdem hatten diese multiethnischen Großreiche bis 1918 Bestand, im Osten sogar, unter sowjetischen Vorzeichen, bis 1991. Sowohl unter den Habsburgern als auch unter den Romanows gab es eine machtvoll inszenierte Symbolpolitik, in deren Mittelpunkt der Kaiser beziehungsweise Zar stand. Vor allem Franz Joseph I. füllte die Rolle des gütigen Landesvaters mit einer Perfektion aus, die im Alter (er regierte von 1848 bis 1916) noch zunahm. Aber auch die Zaren präsentierten sich ihren Untertanen als zugänglich, fürsorglich und gerecht. Aus „Väterchen“ Zar wurde seit 1927 „Väterchen“ Stalin, dessen kultische Verehrung später nur noch von Mao übertroffen werden sollte.

          Der Lerneffekt für die EU ist gleichwohl beschränkt. Denn erstens hat selbst der ebenso ehr- wie liebenswürdige österreichische Kaiser den Zerfall seines Reiches nicht aufhalten können; zweitens ist die Figur des fern-nahen autoritären Potentaten heute allenfalls im Osten Europas gesellschaftsfähig; drittens will die EU kein zentral gesteuertes Imperium sein, sondern ein Staatenverbund mit supranationalen Institutionen. Parlamente, Gerichte und Kommissionen jedoch können, anders als Personen und Symbole, keine Gefühlsträger sein.

          Ein vorläufiges Fazit lautet also: Weder kann noch soll die EU die Nationalstaaten oder Imperien emotional beerben. Sie braucht keine überschäumende Leidenschaft, keine Begeisterungsstürme, keinen Kult. Solche Gefühle tun auf Dauer keinem Land gut und gehen oft mit aggressiven Negativabgrenzungen gegenüber anderen einher. Ein positives Europagefühl auf der Herabsetzung derer zu begründen, die nicht zu Europa gehören (sollen), zäumt das Pferd von hinten auf und bringt es zum Straucheln. Das zeigt sich bei jenen „patriotischen Europäern“, die angeblich das Abendland gegen den Islam verteidigen wollen. Sie benutzen Europa lediglich als Kampfbegriff, ohne jede inhaltliche Bestimmung.

          Genaugenommen geht es ihnen ja auch gar nicht um Europa, sondern um die eigene Nation und den Traum ethnischer Homogenität. Trotzdem ist es aufschlussreich, dass sie sich das europäische Mäntelchen umhängen und grenzüberschreitende Bündnisse mit rechtspopulistischen Bewegungen in anderen europäischen Ländern schließen. Vor fünfzig Jahren wäre das undenkbar gewesen, und darin kann man, wenn man will, sogar einen Erfolg des Europaprojektes sehen.

          Wirklich erfolgreich und dauerhaft krisenfest wird die EU aber erst dann, wenn ihre Bürger sich positiv mit ihr identifizieren und es als Glück - fortuna et felicitas - empfinden, in diesem Europa zu leben. Nun lassen sich, wie die Geschichte der europäischen Nationalstaaten belegt, Gefühle der Verbundenheit und Nähe nicht verordnen. Aber es hätte sicher nicht geschadet, symbol- und geschichtspolitisch mehr zu tun und früher damit zu beginnen. Statt sich darauf zu verlassen, dass die Gründungslegende der EU als Kriegsgeburt ohne weiteres Zutun präsent bleibt, muss man sie immer wieder spannend neu erzählen und in Szene setzen, zum Beispiel in einem europäischen Museum, das seit den 1980er Jahren in der Diskussion, aber immer noch nicht eröffnet ist.

          Einzelstaatliche Museen und Geschichtslehrbücher sollten die europäische Grundierung der jeweiligen Nationalgeschichte betonen, anstatt die national verengte Perspektive des 19. Jahrhunderts anzulegen. Dramatische Momente der europäischen Einigung könnten medial lebendig aufbereitet werden und ihr Publikum in Film, Rundfunk, Fernsehen, Internet finden. Bilder wie die von den jungen Europäern, die 1950 die Grenzpfähle zwischen der Bundesrepublik und Frankreich abmontierten, bieten sich als Mittel der Emotionalisierung an und rufen zugleich in Erinnerung, dass die heutige Freizügigkeit nicht selbstverständlich ist. Welcher emotionale Zauber ließe sich schließlich aus der Überwindung des Eisernen Vorhangs 1989 ziehen, aus der Europa zugewandten Selbstbefreiung Osteuropas, die ohne die Strahlkraft der EU wohl kaum in dieser Form vonstattengegangen wäre! Längst wäre es zudem an der Zeit, dem erfolgreichen Film über die Auberge espagnole in Barcelona einen weiteren über die Auberge polonaise in Krakau als Ort europäischen Studentenlebens und -liebens folgen zu lassen.

          Zugleich muss man dem Ressentiment begegnen, das so schnell um sich greift. Ein Ressentiment umstandslos in Zuneigung zu verwandeln ist unmöglich. Aber man kann es einhegen, durch Argumente und Sachinformationen, die die Vorzüge der EU betonen, ohne ihre Schwächen kleinzureden. Und die zugleich darlegen, wie diese Schwächen in absehbarer Zeit behoben werden können. Europa muss man als das erzählen, was es ist und von Anfang an gewesen ist: als dynamisches, sich immer wieder selbst erneuerndes und befragendes Projekt. Wer solche Fragen abweist oder meint, es gäbe keine Alternative, hebelt es aus.

          EUROPA? (18)

          Quelle: F.A.Z.

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