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„Zentrum gegen Vertreibungen" Gefährliche Phänomene

18.09.2003 ·  Scharfe Kritik mußte sich Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, in Warschau anhören. Die deutsch-polnische Diskussion um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ wird geprägt von Emotionen.

Von Michael Ludwig, Warschau
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Erika Steinbach, Vorsitzende der Vertriebenenstiftung für die Gründung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin, hat in Warschau, wo sie nicht gerade willkommen war, während einer Debatte über das Zentrum mit polnischen Gesprächspartnern am Dienstag vorgeschlagen, das Konzept der Stiftung zu verändern.

Die Vertreibungen von Polen und anderen Völkern im Zweiten Weltkrieg sollen nun am zentralen Ort des Zentrums, nicht in Wanderausstellungen, dargestellt werden - und als deren Urheber Hitler und Stalin. So wäre das Vertreibungsschicksal der osteuropäischen Völker nicht nach Bedarf ein- oder auszublenden, der zentrale Ort des Gedenkens wäre nicht nur den deutschen, sondern allen Opfern des Wahnsinns gewidmet, dem Vertreibungen als legitimes Mittel der Politik galten.

"Politisches Kuckucksei"

Ein halbes Jahrhundert nachdem Bonner Politiker und der Bund der Vertriebenen, dessen Vorsitzende heute Frau Steinbach ist, dem Historiker Theodor Schieder in den Arm gefallen waren, um, wie es damals hieß, die deutsche Position in Verhandlungen über einen Friedensvertrag nicht zu schwächen, würde nun im Zentrum gegen Vertreibungen Schieders Idee verwirklicht.

Der hatte damals einen "Voraussetzungsband" der unter seiner Leitung zusammengestellten Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa hinzufügen wollen und wurde dafür geschmäht, ein solches Vorhaben komme einem "politischen Kuckucksei" gleich oder sei ein "Entschuldigungszettel" für die Vertreibung der Deutschen.

Drohung mit einem "polnischen Gegenzentrum"

Die Überwindung von ausschließlich nationaler Betrachtungsweise von Geschichte und die Abwehr aller Versuche, sie im Namen von Staats-, Volks- oder Gruppenräson an die erkenntnisleitende Kandare zu nehmen, haben sich bei den Historikern längst bewährt. Daß sich kaum namhafte Historiker bereit gefunden haben, im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung mitzuarbeiten, hatte seinen Grund denn auch darin, daß diese Betrachtungsweise von den deutschen Vertriebenen und ihrer Organisation lange Zeit nicht gewollt, ja sogar für "gefährlich" gehalten wurde, obschon sie im Unterschied zu einer "isolierenden Phänomenologie" von Heimatkundlern oder "Ostkundlern", wie Schieder keiner mehr sein wollte, die besseren Erkenntnismöglichkeiten bietet.

Auch Wladyslaw Bartoszewskis Drohung mit einem "polnischen Gegenzentrum" zum Berliner Zentrum wurde von polnischen Historikern als inakzeptabler Rückfall in die national vereinnahmte Historiographie vom Tisch gewischt.

Berührungsängste von Historikern?

Frau Steinbachs Partnerin auf dem Warschauer Podium, die Publizistin Helga Hirsch, erklärte das Fehlen namhafter Historiker im Beirat der Stiftung dagegen mit deren "Berührungsängsten". Dagegen läßt sich einwenden, daß sich Historiker in Deutschland und - nach dem Erlangen der Freiheit - in Polen längst als "Trümmerfrauen" im deutsch-polnischen und europäischen Ruinenfeld betätigen. In Deutschland, so einer der deutschen Teilnehmer der Debatte in Warschau, Jerzy Montag von den Grünen/Bündnis 90, seien die Gemüter wegen der Diskussion über das Zentrum gegen Vertreibungen nur mäßig bewegt.

Das ist in Polen anders, weil man vermutet, die Befürworter des Zentrums wollten eine staatlich sanktionierte Vergangenheitspolitik zum Schaden Polens betreiben und ein entsprechendes Geschichtsbild in Europa lancieren. Frau Steinbach zeigte Verständnis für diese Ängste, sagte, daß ein internationaler Ansatz ihr ohnehin immer vorgeschwebt habe und sie sich wundere, warum man ihr das nicht glaube und auf ihr Anerbieten bislang nicht eingegangen sei. Sie fügte hinzu, daß das Zentrum womöglich der einzige Ort in Deutschland sein werde, wo man überhaupt etwas über die Vertreibungen anderer Völker im Osten erfahren könne.

Ausfälle in der polnischen Presse

Anna Wolff-Poweska vom Posener Westinstitut - es hat übrigens nach der Wende eine aufregende Metamorphose von einem Stützpunkt des historiographisch verbrämten Deutschenhasses zu einem Forschungsinstitut durchgemacht, an dem von Fachleuten deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ohne Scheuklappen untersucht wird - kritisierte dagegen die bisherigen Entwürfe für die Texttafeln des Zentrums. Wenn junge Deutsche in Zukunft nur darauf angewiesen seien, würden sie ein schiefes Bild von der Vergangenheit bekommen.

Nach Meinung der meisten polnischen Teilnehmer der Diskussion besteht die Gefahr, daß, wie der stellvertretende Präsident des polnischen Oberhauses (Senat), Donald Tusk, sagte, jeder unsensible Umgang mit der jüngeren Geschichte - dafür stehe die Idee des Zentrums - die Geister der Vergangenheit, die Erinnerung an die Greuel der Besatzungszeit, in Polen wecke und die vielen Bemühungen einzelner, die Aussöhnung mit Deutschland zustande zu bringen, gefährde. Das habe die Debatte in Polen gezeigt, auch die Ausfälle gegen Frau Steinbach in Teilen der polnischen Presse. Es sei deshalb besser, die Idee des Zentrums im Namen der Versöhnung aufzugeben.

Wolff-Poweska plädierte für wenigstens ein Moratorium, gab sich aber optimistisch, daß die Debatte über das Zentrum die deutsch-polnischen Beziehungen nicht auf Dauer beschädige. Janusz Reiter vom Warschauer Zentrum für internationale Beziehungen war der einzige polnische Teilnehmer, der glaubte, die bisherige Debatte habe nicht geschadet, sei vielmehr ein Gewinn gewesen.

Moralische Kämpfe, aufgewühlte Emotionen

Aber auch er übte Kritik am Konzept der Stiftung. Dadurch werde die Regel aufgegeben, Deutschland niemals mehr von den Nachbarn zu isolieren. Ebenso schlimm wäre es aber, meinte Reiter, wenn der Eindruck entstünde, das Konzept werde auf polnischen Druck hin verändert. Das würde in Deutschland Emotionen wecken, die man nicht wünsche. Es müsse vielmehr im deutsch-polnischen Gespräch eine Einigung darüber erzielt werden - und das halte er durchaus für möglich. Dagegen verlangte Dietmar Nietan von der SPD, das Konzept für das Zentrum müsse geändert, die Vertriebenen andernfalls beiseite geschoben werden.

Eine ergänzende Erklärung für die aufgewühlten Emotionen hatten einige Debattenbeiträge schon im Vorfeld geliefert. Sie klangen polnischerseits auch am Schluß des Podiumsgesprächs wieder an und wurden in den Diskussionszirkeln nach dem Ende der Veranstaltung vertieft. Es geht dabei um den Vorwurf, die Vertriebenen würden immer wieder die Forderung nach Vermögensrückgabe oder Entschädigungszahlungen erheben. Möglicherweise versuchten sie sogar, mit dem Zentrum und dem dort lancierten Geschichtsbild - ein polnischer Konservativer sprach von einem geplanten Propagandazentrum - die diese Forderungen moralisch zu untermauern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2003, Nr. 217 / Seite 8
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