13.04.2009 · Vor zehn Jahren fand der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin statt. Wurde aus der Hauptstadt, was erhofft oder befürchtet wurde? Viele Deutsche haben Berlin auch deshalb so liebgewonnen, weil es ihnen die Zumutungen der Geschichte erspart.
Von Claudius SeidlDamals, als noch kein einziger Umzugskarton gepackt war, damals, als es vielmehr um die Frage ging, ob der Umzug überhaupt nötig sei, damals war Berlin ein Versprechen und eine Drohung zugleich - und die, die umziehen wollten, waren sich mit denen, die lieber in Bonn geblieben wären, jedenfalls in einem Punkt einig: dass Berlins Problem und Berlins Herausforderung jene Geschichte sei, deren Spuren nirgendwo deutlicher sichtbar waren und deren Wunden nirgendwo schlimmer schmerzten.
Der bayerische Ministerpräsident Max Streibl, der vor der „Hauptstadt Kreuzberg“ warnte, beschwor damit auch die Erinnerungen an die Straßenkämpfe der Weimarer Republik und appellierte an all jene Föderalisten, denen auch das wiedervereinigte Deutschland etwas anderes war als nur das um seine östlichen Provinzen amputierte Bismarckreich. Der SPD-Veteran Erhard Eppler, auch er ein Süddeutscher, sprach von den Steinen, die, weil sie so viel Schreckliches erlebt hätten, noch immer schrieen in Berlin; wer das nicht aushalte, tauge nicht zum Regieren. Der Schauplatz Berlin, die Anschauung seiner Verwüstungen und Beschädigungen, das war Epplers Versprechen, werde die politisch Handelnden zu einem historischen Bewusstsein zwingen, welches in der barocken Bischofsresidenz Bonn immer nur abstrakt geblieben sei.
Historiensimulation für das Publikum
Wer heute, zehn Jahre nachdem die ersten Umzugskisten hier ausgepackt wurden, durch das Regierungsviertel geht, sieht überall heitere Touristen, die, wenn sie aus Deutschland kommen, ihre Hauptstadt auch deshalb so liebgewonnen haben, weil sie ihnen genau diese Zumutungen erspart. Dass das arme und ästhetisch anspruchslose Berlin seine Gäste mit jenen Differenzerfahrungen verschont, welche jede andere Metropole den Provinzler schmerzhaft spüren lässt, mag, auf den ersten Blick, mit der Politik, die hier gemacht wird, nichts zu tun haben. Dass aber zwischen dem Schloss Bellevue und der Museumsinsel fast alle Spuren unserer jüngeren Geschichte beseitigt wurden; dass man kaum erkennen kann, wo die Mauer verlief; dass, vom Pariser Platz, rund ums Brandenburger Tor, bis zu jener Brache, wo eben noch der Palast der Republik stand, fast alle Bauten der DDR beseitigt, fast alle Lücken, welche der Krieg hinterlassen hatte, geschlossen sind und alle Neubauten so aussehen sollen, als stünden sie dort seit mindestens hundert Jahren: Das beweist eben schon, dass sich die Drohungen so wenig erfüllt haben wie die Versprechen.
Die Geschichte, die doch in Berlin so viel intensiver erfahren werden sollte als in den überrenovierten Innenstädten Westdeutschlands, ist weitgehend entsorgt; geblieben ist die Historiensimulation für ein Publikum, dem, solange alles schön und alt und harmlos aussieht, der Unterschied zwischen einem Schloss und einem Kaufhaus so wichtig ist wie die Frage, wer der Kanzlerin die Haare wäscht, färbt und legt. Dass der Bundestag sich zuständig erklärte für ein kommunales Problem, ob nämlich die größte aller Altbauwohnungen, die Stadtresidenz der Hohenzollern, wieder aufgebaut werden solle; dass der immer noch amtierende Bundesbauminister die Schlosskulisse zum „Schlussstein der deutschen Einheit“ erklärte: Das zeugt nicht etwa davon, dass die Geister Preußens wieder spukten durch die Berliner Republik. Es ist nur ein Hinweis auf die fast totale Geschichtsvergessenheit.
Die Wirklichkeit Berlins
Damals, als die Regierung ankam, regierte Gerhard Schröder, der sich um die Geschichte kaum, um die Zukunft aber umso mehr zu kümmern schien. Schröder, in seinen ersten Jahren, war so, wie man sich Berlin vorstellt, wenn man Berlin nicht kennt: laut, ein bisschen prollig und parvenühaft - aber eben auch vital, schnell und voller Zuversicht. Es waren die Einstein-Jahre, die Borchardt-Jahre - benannt nach jenen Restaurants, in welchen sich, weil keinerlei gesellschaftliche Substanz vorhanden war, die Sphären der eben erst angekommenen Künstler und Politiker, Journalisten und Wirtschaftsleute kurz berührten, was die Hoffnung weckte, man hätte einander mehr mitzuteilen als nur ein kurzes „Prost!“ über die Tische hinweg. Dann kam die (vorletzte) Krise, dann kamen die Jahre, in denen die Wirtschaftspolitiker, Unternehmer und anderen Sinnstifter dem Volk dauernd erklären mussten, dass es verwöhnt, faul und vom Anspruchsdenken völlig korrumpiert sei. Und als hart arbeitender Mensch, in München oder Mannheim, fragte man sich dauernd, wer damit eigentlich gemeint sei: Sprachen da womöglich nur jene, die eben erst angekommen waren in Berlin, mit denen, die dort schon immer waren?
Denn das ist die Wirklichkeit Berlins: Die von ihrer Arbeit leben, sind in der Minderheit; die Transferempfänger bestimmen den Stil und die Politik dieser Stadt, in welcher es eher langsam, schlaff und bürokratisch zugeht. Dass man das Gleiche über die große Koalition sagen kann, muss nicht an Berlin liegen, passt aber sehr gut ins Bild der Stadt. Die Geschichte ist in die Museen und Denkmale ausgelagert, die Zukunft reicht bis zur nächsten Wahl. Die Steine versteht man kaum.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge