19.07.2010 · Die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen sinkt, auch in Afrika breitet sich die Epidemie nun deutlich langsamer aus - ein hart errungener und vor allem kostspieliger Sieg. Doch zu lange richtete sich das Augenmerk der internationalen Gemeinschaft überwiegend auf nur einen Kontinent.
Von Peter-Philipp SchmittDie gute Nachricht wurde schon einige Tage vor der XVIII. Welt-Aidskonferenz veröffentlicht: Die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen konnte mit vereinten internationalen Kräften seit 2001 von drei Millionen auf 2,7 Millionen gesenkt werden. Vor allem in Afrika stecken sich inzwischen deutlich weniger Jugendliche mit dem Aids-Erreger an als noch vor einigen Jahren. In 16 der 25 am stärksten betroffenen Ländern ist die Zahl der Neuinfektionen nach Angaben der Vereinten Nationen rückläufig. In einem Dutzend Staaten nahm sie sogar um 25 Prozent und mehr ab. Steckten sich zum Beispiel in Kenia vor zehn Jahren noch 14 Prozent der Fünfzehn- bis Vierundzwanzigjährigen mit dem HI-Virus an, so sind es jetzt 5,4 Prozent.
In Afrika leben rund drei Viertel aller HIV-Infizierten. Dass sich die Epidemie dort nun langsamer ausbreitet, ist ein hart errungener und vor allem kostspieliger Sieg. Von den gut 33 Millionen HIV-Infizierten erhalten inzwischen 5,2 Millionen eine angemessene Behandlung. Doch zu lange richtete sich das Augenmerk der internationalen Gemeinschaft überwiegend auf nur einen Kontinent. Längst gibt es einen anderen Aids-Krisenherd.
Die Welt-Aidskonferenz, zu der die Internationale Aids-Gesellschaft alle zwei Jahre mehr als 25 000 Delegierte einlädt, findet diesmal mit Bedacht in Wien statt. Die österreichische Hauptstadt wurde aufgrund ihrer Nähe zu Osteuropa und Zentralasien ausgewählt. In keiner Region der Welt breitet sich das HI-Virus derzeit schneller und massiver aus als im ehemaligen Ostblock – und das besonders unter Kindern, Jugendlichen und Frauen. Nur im ehemaligen Einflussgebiet der Sowjetunion nehmen die Ansteckungszahlen zur Zeit überhaupt noch zu. In einigen Teilen Russlands ist die Rate der Neuinfektionen sogar um mehr als 700 Prozent gestiegen.
Die Epidemie wird dort durch eine explosive Mischung aus Rauschgiftkonsum und sexueller Übertragung vorangetrieben. In den ehemaligen Sowjetrepubliken leben Millionen Abhängige, die sich Rauschgift spritzen. Drogen sind zwar überall illegal, doch vielerorts können Kinder und Jugendliche Heroin oder Amphetamine leichter und billiger erwerben als Alkohol. Aufklärung über die Risiken gibt es kaum, funktionierende Gesundheits- und Sozialsysteme noch weniger.
Zum Sowjet-Erbe zählt auch die Heimkinder-Tradition, wie die aktuelle Unicef-Studie „Schuld und Verbannung“ aufzeigt. Mädchen und Jungen aus schwierigen Familien werden abgeschoben und enden vielfach als Sozialwaisen auf der Straße, wo sie schnell an Rauschgift und zur Prostitution kommen. Aus dem Teufelskreis führt dann kein Weg mehr heraus.
Auf diese von der Weltöffentlichkeit bislang kaum wahrgenommene HIV-Epidemie, die so ganz anders ist als die in Afrika, will die Konferenz in Wien aufmerksam machen. Denn eine reine Fachveranstaltung für Mediziner war die Konferenz nie, auch wenn Wissenschaftler auf ihr immer wieder aufsehenerregende Forschungsergebnisse vorgestellt haben. In Vancouver zum Beispiel wurden 1996 die ersten antiretroviralen Aidsmedikamente und die Idee präsentiert, sie miteinander zu kombinieren, was letztlich erst zu einer erfolgreichen Therapie führte.
Welt-Aidskonferenzen sind immer auch politische Veranstaltungen. So entschied sich die internationale Gemeinschaft erst in Durban, das bewusst im Jahr 2000 als Konferenzort auf afrikanischem Boden ausgewählt worden war, den am schlimmsten von HIV heimgesuchten Kontinent nicht aufzugeben, sondern auch Afrikanern die Behandlung mit Medikamenten zu ermöglichen. Und das um jeden Preis. Das Motto vor zehn Jahren lautete: „Das Schweigen brechen“. In Wien heißt es: „Rechte hier und jetzt“.
Schon vor der Konferenz wurde eine „Wiener Erklärung“ aufgesetzt, die in wenigen Tagen von vielen Prominenten und Politikern unterzeichnet wurde – unter ihnen die früheren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso (Brasilien), Ernesto Zedillo (Mexiko) und César Gaviria (Kolumbien). Sie rufen dazu auf, Rauschgiftkonsumenten zu entkriminalisieren. Immer mehr öffentliche Gelder würden für Strafverfolgungsmaßnahmen bei der Drogenbekämpfung ausgegeben, obwohl inzwischen erwiesen sei, dass dadurch nicht weniger Rauschgift im Umlauf ist. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen seien verheerend, auch weil es in vielen Ländern noch immer keine Nadeltauschprogramme und opioidgestützte Substitutionstherapien gebe. Darüber hinaus würden Länder wie Mexiko und Afghanistan wegen der mit dem illegalen Drogenmarkt einhergehenden Kriminalität, Gewalt und Korruption destabilisiert.
Ohne eine – zumindest teilweise – Neuausrichtung der Drogenpolitik ist die Aids-Epidemie in Zentralasien kaum noch in den Griff zu bekommen. Schon gar nicht, wenn Rauschgiftabhängige weiterhin diskriminiert und stigmatisiert werden. Auch die Ausgrenzung HIV-Infizierter wird ein großes Thema in Wien sein. So gibt es noch immer mehr als 50 Länder und Territorien, die Menschen mit HIV nicht einreisen lassen. Lange konnten deshalb Aidskonferenzen nicht in den Vereinigten Staaten abgehalten werden. Erst in diesem Jahr hob Präsident Obama das Einreiseverbot auf. Zur Belohnung findet die nächste Welt-Aidskonferenz 2012 in Washington statt.
Vor der Konverenz wurde also schon entschieden
Josef Bujtor (Mramorak)
- 19.07.2010, 15:52 Uhr
Schutz
Horst Griepenstroh (knackebusch)
- 19.07.2010, 18:19 Uhr
Wiens Nähe zu Zentralasien! Oups??!!??
Burkard Mütsch-Hay (bmuetsch)
- 19.07.2010, 23:57 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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