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Wulffs präsidiales Tattoo : Die perforierte Republik

Mit Bettina Wulff zieht erstmals ein Körperschmuck aus der Unterwelt ins Schloss Bellevue Bild: Reuters

Der neue Bundespräsident sagt: Das Tattoo meiner Frau ist kein Problem. Wir werden sehen - Michelle Obama etwa wurde für ihren ärmellosen Auftritt im Kongress gerügt. Wie viel geritzte Haut verkraftet das Schloss Bellevue?

          Als die amerikanische First Lady Michelle Obama zur ersten Rede ihres Mannes im Kongress mit nackten Oberarmen erschien, hagelte es Kritik. Sie habe den nötigen Respekt vermissen lassen. Hierzulande wurde darüber die Nase gerümpft. Die Amerikaner hätten Angst vor afroamerikanischen Muskeln gehabt, seien rassistisch und bigott. Das sich darin ein Gespür für Formen und das Ziemliche gezeigt hatte, war zu viel für hiesige Beobachter, denen das Amorphe und Beliebige vertrauter ist.

          Richard Wagner

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          Ähnliches droht allen, die irritiert sind über die Tätowierung auf dem Oberarm der neuen deutschen First Lady Bettina Wulff. Der Deutungsrahmen für das „Tribal“, das scheinbar nichts bedeutet, wurde von ihrem Mann bereits abgesteckt: Christian Wulff, kurz bevor er unser neuer Bundespräsident wurde, gestand zwar ein, das Tattoo seiner zweiten, sehr viel jüngeren Frau könne verstören. Es sei aber „kein Problem, es ist cool“ – also ist uncool oder, mit einem älteren Wort, spießig, wer Anstoß nimmt.

          Loyalitätserzeugung durch Stigmatisierung

          Lauscht man den Exegeten der in die Haut geritzten Zeichen, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was ein wenig dauerhafte Farbe alles bedeuten soll. Sein Träger gilt als modern, experimentierfreudig, dynamisch, jung, erlebnishungrig, ist eine Person, die nach Neuem Ausschau hält, also ein Mensch, den unser alterndes Land braucht, um sich in der globalisierten Wettbewerbswelt zu behaupten.

          Früher hatten Gesellschaften eine Zone der Ausgeschlossenen, in denen Verbrecher, Sträflinge, Zuhälter, Nutten, Hafenarbeiter, Seeleute, Vagabunden ihr gegenbürgerliches Zuhause hatten; die Mehrheit kam mit dieser Zone normalerweise nicht in Berührung. Dort erkannte man sich an den Tätowierungen. Die Halb- und Unterwelt grenzte sich so von der bürgerlichen Mehrheit ab; die Tätowierungen stellten aber auch sicher, dass keiner in die Mehrheitsgesellschaft abwandern konnte. Loyalitätserzeugung durch Stigmatisierung.

          Ein Fremder im Freibad, wer kein Tattoo hat

          Das Abweichende, Abnorme, das Verruchte und Obszöne ist von den Rändern längst in die Mitte der Gesellschaft eingewandert. Viel ist da dem Mode- und Kulturbetrieb zu verdanken, der die Ästhetik des Strichers und des Rotlichts salon- oder jedenfalls bildschirmfähig gemacht hat. Auch die Tattoos sind auf breiter Front aus den Randbezirken aufgebrochen. In den Schwimmbädern der Republik ist der Untätowierte ein Fremder in einem Meer perforierter Häute.

          Die Menschen haben ihre Körper immer schon bemalt, tätowiert, durchbohrt, beschnitten, mit Narben markiert, die natürliche Form verändert. Sie taten das aus ästhetischen Gründen oder weil sie den Übergang Halbwüchsiger ins Erwachsenenleben markierten oder weil sie dem magische Kraft beimaßen; dies alles war aber, wie auch in den Subkulturen der Ausgeschlossenen, immer vom Kollektiv gewollt.

          Ein Ehrenbanner der Asozialität

          Als das Tattoo sich um die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auszubreiten begann, galt es als Zeichen von Individualität. Es bezog seine Kraft aus der Absetzbewegung zur Gesellschaft, war Ausweis des Unangepassten, des Rebellischen, Unkonventionellen. Sich diesen Ausweis der Individualität zu besorgen war nicht schwer, es machten ja nur Wenige. Und es war zunächst nur in den Unterschichten anzutreffen, die ihr vom Staat alimentiertes Leben durch diese Selbststigmatisierung auf Dauer stellten – welcher Arbeitgeber will schon auf Leute setzen, die ihre Asozialität wie ein Ehrenbanner auf der Haut tragen. Arschgeweih, Schlampenstempel.

          Mittlerweile ist das mit der Individualität und der sozialen Zuordnung schwierig geworden, weil es ja offenbar jeder macht, ob Prekarier, Sparkassenangestellter oder Bundespräsidentenfrau. Selbst Tätowierungen an besonders schmerzhaften Stellen wie den Kniekehlen heben den Tätowierten nur bei Feinschmeckern aus der Masse heraus. Da braucht es schon brutalere Eingriffe in die körperliche Integrität, bis hin zu willentlichen Verstümmelungen, um aufzufallen.

          Es bleibt Import aus der Unterwelt

          In der körperfokussierten Tätowiertenwelt, in der das Geschlechtliche so exponiert ist wie auf dem schwulen Christopher Street Day, kommt auch dem willentlich herbeigeführten Schmerz große Bedeutung zu. Aber anders als bei den ohne Betäubung vorgenommenen rituellen Beschneidungen von Juden und Muslimen bezieht er sich auf nichts als sich selbst. Es kommt zu keinem Bund mit Gott und es kommt zu keiner Gemeinschaftsbildung, die nach ihren gefügten moralischen Vorstellungen ihr Miteinander regelt. Im Schmerz des Tätowierten zeigt sich eine Individualität, die um sich selbst kreist. Das pathologisch zu nennen, traut man sich kaum, weil es in der „radikal relativistischen Gesellschaft“ (R. Spaemann) kein Wahrheitskriterium gibt. Alles, was einer macht, gilt eben als Ausdruck seiner Identität – und ist damit unangreifbar.

          Nun zieht also erstmals ein Tattoo in das Schloss Bellevue ein und gehört damit zum informellen Repräsentationsinstrumentarium des höchsten Staatsamtes. Selbst wenn der Bundespräsident es „cool“ findet, es bleibt ein Import aus der Unterwelt.

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