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Wulff-Affäre Im Präsidentenpelz

Hinter den Kulissen: Nimmt man Christian Wulffs Verhalten in den letzten Wochen unter die Lupe, sind es die nichtöffentlichen Reaktionen, die wirklich auffallen.

© dapd Vergrößern Es lässt sich feststellen, dass der Präsident sehr aktiv managt, was unsereinem als der Präsident erscheint

In der Wulff-Affäre war zuletzt oft zu hören oder zu lesen, der Bundespräsident rücke nur scheibchenweise mit der Wahrheit heraus. „Salamitaktik“ wird das genannt. Es ist das typische Vorgehen von Politikern, die bei irgendetwas erwischt werden, was sie lieber für sich behalten hätten. Dieses Verhalten ist menschlich. Aus gutem Grund verlangt die Strafprozessordnung vom Beschuldigten nicht, dass er die Wahrheit sagt - und wenn er lügt, wird er dafür nicht bestraft. Weil es gegen die Menschenrechte verstoßen würde. Der Grundsatz ist schlicht: Man kann von niemandem erzwingen, dass er sich selbst sehenden Auges schadet, sich durch Ehrlichkeit der Bestrafung ausliefert.

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Und jeder, der schon einmal etwas falsch gemacht hat, weiß, dass man nicht erst Verbrechen begehen muss, um in eine solche Lage zu kommen. In öffentlichen Affären geht es selten um Verbrechen, aber immer um Strafen - und die wiegen schwer. Auf dem Spiel steht in der Regel die politische Existenz. Manchmal auch die bürgerliche, weil der Ruf dabei dauerhaft lädiert werden kann, zum Teil buchstäblich für immer. Man denke an Barschel, Engholm oder jetzt wohl auch Guttenberg. An jemandem, der seine Ehre verloren hat, kühlt noch der letzte Feigling sein Mütchen. Darum ist Ehrverlust eine der härtesten Strafen überhaupt. Jeder will ihn vermeiden. Bei der Salamitaktik wird nicht die Wahrheit in Scheiben geschnitten, sondern die Ehre.

Eine doppelte „Firewall“

Und genau darum geht es bei Christian Wulff nicht. Es scheint nur so, und nur auf den ersten Blick. Was bedeutet „Salamitaktik“? Dass einer nur das zugibt, was ihm nachgewiesen werden kann. Es wird noch etwas nachgewiesen, er gibt es wieder zu. Und so weiter. Aber die Affäre Wulff folgt einem anderen Muster. Sie erinnert eher an Günther Jansens Schubladen-Affäre. Das war der vormalige SPD-Vorsitzende aus Schleswig-Holstein, der angeblich in seiner Schublade Geld für einen Schwerenöter gesammelt hatte. Jansen hatte etwas eingeräumt, das sich so nicht abgespielt haben konnte - denn alle angeblich daran Beteiligten machten völlig unterschiedliche Aussagen darüber. Was wirklich dahintersteckte, ist nie herausgekommen. Weil alle, die es wissen mussten, schwiegen und weil es weitere Beweise nicht gab.

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Nimmt man Christian Wulffs Verhalten in den letzten Wochen unter die Lupe, sind es seine nichtöffentlichen Reaktionen, die wirklich auffallen. Da ist die doppelte Umwandlung eines angeblichen Kredites, der als solcher zunächst nirgendwo kenntlich war. Dazwischen stand zunächst eine wiederum doppelte „Firewall“: ein anonymer Bundesbankscheck und das Fehlen einer Grundbuchschuld. Somit war für niemanden erkennbar, dass Wulff eine halbe Million oder was auch immer erhalten hatte. Ein Darlehen, wie er sagt. Ob es wirklich eines gab?

Die Chronologie ist in jeder Affäre des Pudels Kern

Am Anfang jedenfalls stand ein Gerücht: Wulff habe für seinen Hauskauf Geld von Carsten Maschmeyer erhalten. Auf dieses „jahrelange Gerücht“ bezieht sich der Präsident in seinem Mailbox-Anruf bei der „Bild“-Zeitung. Mit der Nennung des Namens Geerkens und dem Siegel der Freundschaft will er das widerlegt haben; der Preis für diese Offenheit sollte das Schweigen der Medien sein. Andere haben ihn gezahlt und sich damit zufriedengegeben, die „Bild“-Zeitung nicht. Sie stieß bei ihren Recherchen auf Wulffs Aussage vor dem Landtag, in der er Geschäftsbeziehungen zu Geerkens bestritt. Der Kakao, durch den man seither in dieser Sache gezogen wird, ist gewiss nicht wert, dass man ihn trinkt. Wichtiger ist, ob durch die bekanntgewordenen Tatsachen, im Wesentlichen solche, über die Wulff selbst die Herrschaft hatte, die Vermutung einer klandestinen Zuwendung grundsätzlich als widerlegt gelten kann. Das scheinen viele zu glauben. Sicher ist, dass die Geerkens-Geschichte von Wulff dazu eingesetzt wurde, Zweifel zu zerstreuen - erst hinter, dann vor den publizistischen Kulissen.

Hinter den Kulissen ging aber das Geschraube weiter. Davor: die Anfrage der Grünen seinerzeit im Niedersächsischen Landtag. Dahinter: der bald darauf vereinbarte rollierende Geldmarktkredit. Davor: die aktuelle Affäre im Dezember. Dahinter: die Umwandlung in einen Hypothekenkredit. Wobei wiederholt ein falscher Anschein entstand, vor allem im Hinblick auf zeitliche Abläufe - und die Chronologie ist in jeder Affäre des Pudels Kern. Dann gibt es da diese schwammigen Wendungen wie „Handschlagqualität“, deren schlaue Präzision sich erst zeigt, wenn durch ständiges Nachfragen allmählich klarwird, dass es, im Beispiel, kein Treffen mit einem Vertragspartner, also auch keinen Handschlag gab.

Ob Wulff ein gutes oder schlechtes Krisenmanagement betreibt, kann man erst beurteilen, wenn man weiß, was überhaupt gespielt wird und mit wessen Geld. Falls dieser Tag kommt. Bis dahin lässt sich nur feststellen, dass der Präsident jedenfalls sehr aktiv managt, was unsereinem als der Präsident erscheint.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 07.01.2012, 18:37 Uhr

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