15.07.2003 · Sie kommt nach Berlin zur Eröffnung einer Ausstellung, sie reist privat, ohne politisches Amt, ohne eine politische Agenda. Bei jeder anderen Präsidentengattin würde ein solcher Besuch als gesellschaftliche Verpflichtung abgetan, nicht so bei Wu Shu-chen, der Frau des taiwanischen Präsidenten.
Von Anne SchneppenSie kommt nach Berlin zur Eröffnung einer Ausstellung, sie reist privat, ohne politisches Amt, ohne eine politische Agenda. Bei jeder anderen Präsidentengattin würde ein solcher Besuch als gesellschaftliche Verpflichtung abgetan, nicht so bei Wu Shu-chen. Zu Hause in Taiwan ist sie die Frau an der Seite Chen Shui-bians, im Ausland aber wird sie zur Botschafterin ihres Landes, ganz besonders, wenn sie Staaten bereist, die dem Präsidenten Taiwans verwehrt sind. Aus Rücksicht auf Peking pflegen nur wenige Länder die Beziehungen zu Taipeh, offiziell kann sich Chen nur in gut zwei Dutzend Staaten sehen lassen. Und selbst wenn seine Frau solo im Ausland in Erscheinung tritt, muß Taipeh mit Vorsicht agieren, da Peking in jedem Schritt nach draußen ein Signal vermeintlich unbotmäßiger staatlicher Unabhängigkeit erkennen will. Schon der Anlaß von Wu Shu-chens Berlin-Reise, die Ausstellung der einzigartigen kaiserlichen Sammlung aus dem Palastmuseum in Taipeh, kann die Festlandchinesen nicht erfreuen, halten sie sich doch für die wahren Eigentümer. Es bedurfte der Verabschiedung eines speziellen deutschen Gesetzes, um die kostbaren Kunstschätze in Berlin vor den "Ansprüchen Dritter" - namentlich Chinas - zu schützen.
Wu Shu-chen dürfte nicht nur als Ehefrau des taiwanischen Präsidenten eine unbequeme Persönlichkeit für Peking sein, denn sie ist auch ein Symbol für die Demokratisierung Taiwans. Ihrem Einfluß wird zugeschrieben, daß der junge Rechtsanwalt die Verteidigung von inhaftierten Bürger- und Menschenrechtlern übernahm. Selbst politisch engagiert, sich der Diktatur widersetzend, unterstützte sie aktiv den politischen Aufstieg ihres Mannes - vom inhaftierten "Regierungsverleumder" bis zum Präsidenten. Im November 1985, Wu Shu-chen war 33 Jahre alt, nahm ihr Leben eine tragische Wende: Bei einer öffentlichen Veranstaltung mit ihrem Mann wurde sie von einem Lastwagen überrollt - dreimal. Die Umstände deuteten auf einen Anschlag, der nie aufgeklärt wurde. Wu ist seither querschnittgelähmt. Daß er seine Frau nicht schützen konnte, bezeichnet Chen bis heute als "das größte Versagen" seines Lebens. Die physische Behinderung hat Wus Willenskraft nur bestärkt. Als Chens Regierungskritik als Verleumdung ausgelegt wurde und er acht Monate ins Gefängnis mußte, konnte er sich nicht der Parlamentswahl stellen, seine Frau kandidierte an seiner Statt, zog Ende 1986 als Abgeordnete in den Legislativ-Yuan ein. Nach seiner Entlassung führte Ehemann Chen bis 1989 das Büro der Abgeordneten Wu.
Danach errang auch er ein Mandat. Chen Shui-bian gelang es im März 2000 als erstem Oppositionspolitiker in Taiwan, die Präsidentenwahl zu gewinnen. Wu war fast immer an seiner Seite. Als First Lady unterscheidet sie sich deutlich von ihren Vorgängerinnen, sie ist ohne Dünkel, lebhaft, zielstrebig. Ihre eigene politische Karriere ist mit den Erfolgen ihres Mannes in den Hintergrund gerückt. Für ihn nahm sie im November 2001 den Freiheitspreis der Liberalen Internationalen in Straßburg entgegen, als Präsident der "Republik China" konnte er auch diese Reise nicht antreten. In Berlin, wo sie an diesem Mittwoch ankommt, soll die geübte Stellvertreterin kein Regierungsmitglied treffen. Auf dem Terminplan stehen eine Begegnung mit dem Berlin-Taipeh-Freundeskreis des Bundestages, ein Empfang der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam und die Verleihung einer Ehrennadel der Behindertenorganisation "Lebenshilfe".