07.03.2004 · Wolfgang Schäuble wäre ein guter Bundespräsident geworden. Daß er es nun nicht wird, macht aus seinem Leben aber keine Tragödie.
Von Thomas Schmid, BerlinAls der Botschafter a.D. den Hauptredner des Abends ankündigt, applaudiert das Publikum, und der Vorschußbeifall fällt erheblich länger aus, als es die Tagungshöflichkeit erfordert. Fast könnte man meinen, der Applaus sei eine Demonstration, eine kleine bürgergesellschaftliche Ovation für Wolfgang Schäuble, der zwölf Stunden zuvor, mitten in der Nacht, die letzte Hoffnung auf das höchste Amt im Staat hatte begraben müssen. Nun spricht er also auf Einladung des "Deutsch-Russischen Forums e.V.", das Jahresmitgliedersammlung hält.
Eine gewisse Spannung im hellgrünen Prunksaal ist unverkennbar: Wird sich der Düpierte beim ersten öffentlichen Auftritt danach etwas anmerken lassen, wird er eine - sarkastische, zynische, ironische - Anspielung machen, um seine Rückkehr in den Alltag abzufedern und für sich selbst erträglich zu gestalten?
Pure Vernünftigkeit
Natürlich nicht. Als wäre nichts geschehen, referiert der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, der er jetzt bleiben wird, über "Deutschland, Rußland und Europa". Es wird einer der Vorträge, die er so häufig hält: ein bißchen gelehrte Vorlesung, ein bißchen Mahnpredigt, etwas Einmaleins der Politik und ein wenig Selbstgespräch. Die Schärfe, die den Debattenredner einst auszeichnete, ist verflogen, auch das beschädigte Stimmvermögen nötigt zum Kammerton. Was er sagt, ist pure Vernünftigkeit. Schäuble verzichtet inzwischen fast vollständig auf Pathos, nicht aber auf Eindringlichkeit: Lockend läßt er das Publikum teilhaben an seinem Kosmos der Rationalität, Merksprüche nach Hausväterart marschieren auf: "Stetigkeit ist das Grundprinzip jeder verläßlichen Außenpolitik."
Schäuble lobt das Walten der Bundesregierung in der Welt, aber nicht zu sehr; er tadelt sie, aber nicht zu schroff; er lobt vorsichtig das Bestimmte an Putins Politik und tadelt vorsichtig dessen rabiate Kaukasus-Politik; er warnt den Westen vor der Gefahr der Arroganz - und Rußland vor altem Größenwahn. Er greift weit in Raum und Zeit aus und gibt der staatsmännischen Rede durch seinen badischen Ton, der einen schwäbischen Einschlag hat, heimatliche Färbung.
Spuren der Verletztheit
Der Abend nimmt einen ruhigen Verlauf. Schäuble tut das Seine dafür - das Publikum im Hotel Adlon ebenso: Es müht sich sichtlich, Schäuble bei dem Versuch beizuspringen, keinen Hauch von Tragik aufkommen zu lassen. Das ist nicht nur Freundlichkeit gegenüber einem, dem man dann doch Spuren der Verletztheit anmerkt. Die geschäftsmäßige Art ist auch die einzige Möglichkeit, mit dem Drama des Tages umzugehen. Denn es war, genau besehen, ein unspektakuläres Drama, das zu der unspektakulären Person Schäuble wie zur unspektakulären Republik paßt.
Wurde Schäuble das Opfer einer Intrige? War im Dreieck Stoiber, Westerwelle und vor allem Merkel der Untergang des Wolfgang Schäuble kühl geplant worden? Sollte hier - von wem auch immer - einem ohnehin Geschlagenen ein letzter demütigender Stoß versetzt werden? Das Bedürfnis scheint groß zu sein, dem aktuellen Geschehen Züge der klassischen Tragödie zu verleihen. Spricht man aber mit denen, die an dem Sitzungsmarathon teilgenommen haben, entsteht ein anderes Bild. Es wurde kein Mantel-und-Degen-Stück gegeben, sondern gute alte Bundesrepublik: kleines Karo, schlaue und weniger schlaue Züge.
Handelte die FDP „im Auftrag“?
Auch demokratisch gezügelt ist Macht eben Macht - daher die häßliche Seite dessen, was alle "Schacher" nennen. Doch vor allem ist diese Macht banal. Man sitzt ohne Ende zusammen, liefert sich Bürokämpfe - Ränkespiel wäre ein zu leidenschaftsbehangenes Wort für den Vorgang. Mehr als einer läßt freilich durchblicken, daß die Geschichte von der FDP-Blockade eine Mär ist: Einer schwungvoll auftretenden Union den Kandidaten Schäuble auszureden, hätte die schrumpfende Partei unter ihrem glücklosen Vorsitzenden gar nicht die Kraft gehabt. Hat am Ende die FDP eine Verhinderungsoperation durchgeführt, die anderswo ausgeheckt worden ist? Erstaunlich viele, die das Geschehen aus der Nähe verfolgt haben, wollen das zumnindest nicht ausschließen.
Traurig sei er, sagt ein Fraktionskollege, über Schäubles Scheitern. Ein anderer kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Parteivorsitzende habe es - kalkuliert oder nicht - an Unterstützung für Schäuble fehlen lassen, und viele haben große Zweifel daran, ob Angela Merkel überhaupt je mit Schäuble über die Präsidentensache gesprochen habe. Züge von Tragik lägen schon darin, sagt einer, daß Schäuble so oft kurz vor dem Ziel gescheitert sei. Durch viele Äußerungen zieht sich ein Grundton des Mißtrauens gegen die Vorsitzende - und ihren Vorvorgänger. Doch auch die Wütenden sind merklich gefaßt - nicht einer, der es klar und deutlich eine Schweinerei nennt, was geschah. Weil aber der Druck, es so zu sehen, offensichtlich da ist, kommen an dieser Stelle regelmäßig die vornehm verpackten Selbst-schuld-Argumente: Nicht nur Freunde habe Schäuble, genau besehen: kaum welche. Er sei ziemlich herrisch, arrogant, verletzend gewesen. Obgleich, in der Sache habe er ja meist recht gehabt, wie überhaupt: Wer führt, könne sich nicht nur Freunde machen. "'s isch, wie's isch."
Ein Leben aus halber Höhe?
Mann wird von der Bühne gehoben, normal wird das nie werden. Es liegt allzu nahe, Schäubles Leben in absteigender Linie, als ein Verhängnis zu beschreiben - ein Spiel, das unter Küchenpsychologen und vor allem Küchenphysiologen beliebt ist. Dann heißt es: der dicke Kohl und der schmächtige Schäuble, das katholische Leben aus dem vollen, welches das protestantische Leben aus der Anspannung schier erdrückt. Oder: der ewige Zweite, der ewige Primus, dem der Gipfel verwehrt bleiben muß. Oder: Ein Leben aus halber Höhe - man sehe nur, wie opferlammartig der nie offen benannte Kandidat sich in Geduld geübt hat. Also: Einer, der auf solch subtile Weise seine Leidenserfahrung als eine zu honorierende vorführe, müsse sich um den Erfolg bringen. Doch so plausibel das alles klingen mag, es ist dummes Zeug.
Wenn es ein Drama gibt, dann ist es ein wenig pathetisches. Die Bundesrepublik ist von ihren Gründern ideologisch flach angelegt worden. Politik sollte fortan Handwerk sein, das Spezialisten möglichst fernab von allem öffentlichen Streit verrichten. Nicht der Rhetor, sondern der Verwaltungsfachmann war die Leitfigur. Die Bundesrepublik Deutschland hat in ihrer langen Erfolgsgeschichte wenige Politiker hervorgebracht, die derart genau in dieses unaufgeregte Schema passen wie Wolfgang Schäuble. Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gerichtsreferendar, Regierungsrat im Finanzamt, nicht zu vergessen das Praktikum bei der Bezirkssparkasse: Obwohl Schäuble schon in seinen Zwanzigern eine politische Laufbahn im Auge hatte, fehlte dieser dann fast vollständig die forensische, auch die volkstümliche Komponente. Schäubles Politik nährte sich nicht auf Marktplätzen, sondern - altertümlich und modern zugleich - in Amtsstuben, am Schreibtisch.
Strikte Orientierung am Ergebnis
Das gab seiner Laufbahn von Anfang an das Unauffällige - was manchen veranlaßte, dem strebsamen Politiker demiurgisch-dämonische Züge anzudichten. Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer, Kanzleramtsminister: Schäuble hat Fäden gezogen, vermittelt, Kompromisse ausgetüftelt, war in geheimen Missionen unterwegs, hat Kühe vom Eis geholt - und hat das alles mit leidenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit getan. Die strikte Orientierung am Ergebnis, die ihn übrigens recht früh zu einem pragmatischen Umgang mit den Grünen veranlaßte, gab seiner Politik auch etwas Enges: Der Denker, als den ihn seine Bücher aus dem vergangenen zehn Jahren erscheinen lassen, war er nicht. Und selbst sein zeitweiliges Liebäugeln mit der Nation als Schicksalsgemeinschaft war im Grunde nur eine Etüde. Denn im Kern ist Schäuble ein demokratischer Staatsfreund. Sein tollstes Stück hat er so unauffällig in Szene gesetzt, daß es fast niemandem aufgefallen ist: Als Innenminister handelte er den Einigungsvertrag mit der damals pro forma noch souveränen DDR aus - im Anfang war das Ziel schon erreicht.
Von der geistigen Unruhe unberührt, welche die Bundesrepublik fast immer umgetrieben hat, verkörpert er fast ideal die Stetigkeit dieser Republik, ihre zwar flexible, aber auch unerschütterliche politische Geometrie. Weil er dies verkörpert (und weil er sich in den Fallstricken der Parteiendemokratie verheddert hat), wäre er ein idealer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gewesen. Bei aller Aufbruchsrhetorik, die Schäubles Sache auch ist, hätte er vor allem Kontinuität repräsentiert. Er wäre kein zweiter Richard von Weizsäcker geworden, hätte nicht der Regierung mit kalter Lust in die Suppe gespuckt. Vielleicht ist er eben deswegen, weil er verläßlich ist, nicht Kandidat geworden. Die neuen Zeiten, mag mancher denken, brauchen keinen ersten Staatsdiener, der schon zu Lebzeiten wie vom Gemälde auf Land und Leute blickt.
Dabei hat Schäuble mit dem Titel eines seiner Bücher nicht nur ironisch auf die Hymne der DDR angespielt: "Und der Zukunft zugewandt".