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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wolfgang Bernhard Sanierer und Hoffnungsträger

 ·  Wolfgang Bernhard fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Der Automanager war erkältet und ziemlich heiser. Volkswagen präsentierte im Genfer "Crowne Plaza" den neuen Passat.

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Wolfgang Bernhard fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Der Automanager war erkältet und ziemlich heiser. Volkswagen präsentierte im Genfer "Crowne Plaza" den neuen Passat. Und für Bernhard, den designierten VW-Vorstand, bedeutete dieser kalte Februarabend auf dem Autosalon in Genf den ersten offiziellen Auftritt für seinen neuen Arbeitgeber. Doch trotz dieser so bedeutenden Doppelpremiere durfte Bernhard nur fünf Minuten reden und, schlimmer, dabei nichts Bedeutungsschweres sagen.

Seine höflichen Worte waren eine Mixtur aus Belanglosigkeiten und Stereotypen und paßten zu den bunten Gerichten aus sechs Nationen, die gereicht wurden: Es war für jeden der 300 Anwesenden etwas Passendes dabei. Und während gerade aus Deutschland Kartoffelsalat und Sauerkraut mit gebratenem Schweinebauch serviert wurde, redete Bernhard über Volkswagen als "eine der besten Markengruppen der Welt" und bezeichnete sich selbst als Minister ohne Ressort.

So einen Abend wird es mit Bernhard nicht wieder geben. Heute sind alle Nettigkeiten ausgetauscht. Der Konzern steckt in der Krise, der schlimme Korruptionsskandal und die pikanten menschlichen Verfehlungen erschüttern die Autostadt Wolfsburg. Bernhard spricht Klartext, weiß, was von ihm erwartet wird. "Es wird keine heiligen Kühe geben", sagt er heute.

Zusammen mit VW-Chef Bernd Pischetsrieder muß er Europas größten, aber von der Krise tief gezeichneten Automobilkonzern wieder auf Kurs bringen. Der erst 44 Jahre alte Manager ist der Hoffnungsträger in Wolfsburg. Er ist der Kronprinz, wenn Pischetsrieder den Vorstandsvorsitz eines Tages abgibt. Bernhard hat schon heute das mächtigste Ressort unterhalb Pischetsrieder. Er verantwortet die Gruppe mit ihren Marken VW, Skoda, Bentley und Bugatti, die mit 46 Milliarden Euro mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes ausmacht.

Die Börse hat ihn schon gefeiert, da war er noch gar nicht im Amt. Der Kurs der VW-Aktie schnellte um 8 Prozent nach oben, und VW war am Kapitalmarkt auf einen Schlag 1 Milliarde Euro mehr wert, als Pischetsrieder im Oktober letzten Jahres Bernhards Ernennung bekanntgab. Darauf angesprochen, antwortet Bernhard überaus selbstbewußt: "Das zeigt doch nur, daß mein Job bei Chrysler so schlecht nicht gewesen sein kann." Sein Job als Vizechef bei Chrysler bestand vorrangig in dem, was Bernhard am besten kann: Sanieren. Jenseits des Atlantiks hat Bernhard mehrere Werke dichtgemacht und in nur zwei Jahren 26000 Chrysler-Mitarbeiter nach Hause geschickt.

Eigentlich sollte er dafür mit dem Chefposten bei Mercedes-Benz belohnt werden. Doch nur zwei Tage vor Amtsantritt im Frühjahr 2004 wurde er in einer Aufsichtsratssitzung bei Daimler-Chrysler kaltgestellt, weil er die Marke mit dem Stern als "Sanierungsfall" bezeichnet haben soll. Es geht allerdings auch das Gerücht um, Bernhard sei in der Mitsubishi-Krise das Bauernopfer für Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp gewesen: Der Heißsporn, der als Ziehsohn Schrempps galt und nach seinem Berufseinstieg bei McKinsey schnell die Karriereleiter bei Daimler erklomm, hatte es gewagt, seinem Förderer im Konflikt um die marode Tochtergesellschaft Mitsubishi in den Rücken zu fallen. Als Schrempp wegen der Abstimmungsniederlage laut über seinen Rücktritt nachdachte, soll Bernhard dem Konzernchef entgegnet haben: "Tja, Jürgen, so ist das. Shit happens."

Immerhin hat Bernhard schon in jungen Jahren zu solchen Legenden beigetragen. Auch privat werden Geschichten über ihn gestreut. Der gebürtige Allgäuer erzählt selbst gern, wie er sich mit der Gitarre in der Fußgängerzone sein Studium finanziert hat. Oder daß er heute noch 15 Kilometer in einer Stunde und drei Minuten laufe, aber nicht so fit sei wie in jungen Jahren im Kleinwalsertal, als er 1000 Meter Höhenunterschied zwischen Hirscheck und Kanzelwand in 50 Minuten bewältigte.

Körperliche Fitness wird Bernhard für den Knochenjob bei VW brauchen. Er muß hart durchgreifen, vermutlich nicht so hart wie einst bei Chrysler. VW hat bis zu 40 Prozent höhere Kosten als die wichtigsten Wettbewerber und liegt in vielen Qualitätsstatistiken hinten; die Stammmarke VW macht Verlust. Bernhard muß die Kosten um 7 Milliarden Euro senken und zugleich die Qualität der Fahrzeuge deutlich verbessern. Das ist ein schwieriger Spagat. Und diese Übung ist schwieriger in einem Konzern, der noch immer geprägt ist vom Einfluß der Gewerkschaft und ihren starken Betriebsräten und den Wünschen und Nöten einer Landesregierung, die sich von ihrer Beteiligung an dem Autohersteller nicht trennen will. Bei Chrysler hatte es Bernhard leichter.

Quelle: F.A.Z., 14.07.2005, Nr. 161 / Seite 14
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent in München.

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